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Mönchengladbach: Wie viele Kindergärtner bekommt Meyer?

Mönchengladbach : Wie viele Kindergärtner bekommt Meyer?

Ein Bundesliga-Trainer geht zur Halbzeit in seine Kabine, packt seine Tasche, sagt seinen Profis im Vorbeigehen: „Tschüss, geht nach Hause!” - und ist weg. Hans Meyer mag so gedacht haben. Gemacht aber hat er es nicht.

„Wir können nicht aufhören.” Auch nicht nach einer Halbzeit, die nicht nur in sein persönliches Geschichtsbuch eingetragen wird. „So etwas wie in den ersten 40 Minuten habe ich in meiner langen Laufbahn noch nicht erlebt”, schüttelte Mönchengladbachs Trainer den Kopf.

Das Endergebnis von 1:3 kommt noch relativ harmlos daher. Doch was sich den professionellen und zahlenden Zuschauern im ersten Durchgang bot, war so schrecklich, dass sich die Fans gar nicht zu pfeifen trauten. „Die Spieler waren wie paralysiert”, beschrieb Sportdirektor Max Eberl das schaurig Geschehen.

Die Fans wohl auch, die verzweifelt versucht hatten, ihre „Lieblinge” mit pädagogischem Beifall aus der Starre zu lösen. Vergeblich! 0:1 durch ein Eigentor von Bradley nur nach 45 Minuten, das kann passieren, wenn Cottbus sich hinten reinstellt und der offensive Gegner, in dem theoretischen Fall Borussia, den Konter gefressen hätte. Denkste!

Das Grauen hatte zwar einen Namen - Cottbus. Doch den Horrorcharakter erhielt das C-Movie durch die Abweichung vom erwarteten Drehbuch. Die Mauermeister aus dem Osten spielten Mönchengladbach an die Wand. Cottbus, ausgerechnet Cottbus! Die Mannschaft, die für Kampf, Hardcore-Defensive und wenig ansehnlichen Fußball steht. Hans Meyer, als ehemaliger DDR-Trainer sicherlich nicht im Geruch, Wessi-Ressentiments und -Vorurteile zu bedienen, war ebenfalls fassungslos.

So auseinander gespielt zu werden, „nicht von den Bayern oder Leverkusen, sondern von Cottbus! Als Heimmannschaft gegen einen Gegner auf Augenhöhe, und wir sind nicht einmal im Ansatz in der Lage, das Spiel in die Hand zu nehmen”.

„Ich kann es nicht erklären”, sagte Rob Friend, der in der zweiten, besseren (Kunststück!) Hälfte sogar noch etliche Chancen vergab. Ebenso wie Alexander Baumjohann und Michael Bradley. Doch es reichte nach dem frühen 0:2 (51. Sörensen) durch ein Kopfball-Tor Steve Gohouri nur zu einem zwischenzeitlichen Hoch. Alles Gladbach alles riskierte, setzte Cottbus den Coup de Grace, den Gnadenstoß. Diesmal normgemäß - als Konter (85. Jula).

Jos Luhukay wurde aufgehört. Hans Meyer hört (noch) nicht auf. Sein Rettungsplan ist nicht besonders originell und wird zudem stetig umfangreicher. War es bis vor kurzem noch ein Rettungshelfer, den der 66-Jährige von seinem Klub zur Winterpause einforderte, sagt er mittlerweile ultimativ: „Wir werden zwei, drei Spieler austauschen.”

Nimmt man die erste Halbzeit gegen Cottbus zum Maßstab, dürfte das kaum ausreichen. Nachdem Meyer dem Kader vor Amtsantritt noch durchaus Erstliga-Qualitäten zusprach, wachsen seine Zweifel von Spiel zu Spiel. „Die Mischung stimmt nicht”, lautet nun seine Analyse. „Zwischen Alt und Jung, Kämpfern und Spielern, Defensive und Offensive.”

Die Suche nach der Balance: Sie intern zu finden, hat Meyer aufgegeben. „Wir stehen zu Recht da, wo wir stehen.” Seine Idee: „Wenn Marin einen gestandenen Abwehrspieler oder defensiven Mittelfeldspieler um sich hat, und wenn Baumjohann einen neben sich hat, zu dem er schon mal hinschauen kann, werden die beiden Jungs - aber auch andere - noch mal ein Stück stärker.”

Borussia braucht Kindergärtner. Und die allerschlimmste Erkenntnis nach dem Samstag ist die: Auch der vermeintlich einzige Kindergärtner braucht einen Kindergärtner. Patrick Paauwe ist auch nicht in der Lage, ordnend einzuwirken, den Kollegen zu helfen. Somit bleibt aus dem Abwehr(ver)bund nur ein erstklassiger Profi: Filipp Daems. Gohouri hat spätestens gegen Cottbus bewiesen, dass er - nicht nur wegen seiner Assistenz bei den ersten beiden Gegentreffern - unberechenbar ist.

Alexander Voigts Defizite werden altersgemäß zu- statt abnehmen. Und auch Uwe Gospodarek ist in puncto Mitspielen und in der Spieleröffnung hoffnungslos überfordert. Ein Innenverteidiger also, zwei Außenverteidiger, ein defensiver Mittelfeldspieler, einer für Baumjohann, ein Torwart: Eine ähnlich radikale Operation am offenen Herzen, sprich zur Winterpause, versuchte auch einst Dick Advocaat - und scheiterte daran.

Ironie des Spiels: Es gab einen Lichtblick - den eingewechselten Defensivspieler Tony Jantschke, der restlos überzeugte. Als Marins Bessermacher wäre er allerdings einmalig: Deutschlands einziger Kindergärtner, der jünger ist, als das Kind. Jantschke ist erst 18.