Köln: Und die Borussia ist doch ein Spitzenteam

Köln: Und die Borussia ist doch ein Spitzenteam

Wohin geht die Reise? Die Frage muss gestellt werden, denn so wie die Borussia auftrumpft in der Liga, sind die vielen Komplimente aus dem ganzen Land mehr als nur Nettigkeiten. Dass Kölns Trainer Stale Solbakken nach der 0:3-Demütigung im rheinischen Derby Mönchengladbach zur derzeit besten Mannschaft der Liga erkor, erleichtert vielleicht ein wenig seine anstrengende Aufbauarbeit in dieser Woche.

Dass Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß die Borussia im Titelkampf mit auf dem Zettel hat, zeugt durchaus von Fußball-Sachverstand. Man muss es so deutlich schreiben: Borussia Mönchengladbach ist eindeutig eine Spitzenmannschaft der Fußball-Bundesliga - derzeit.

Da kann Trainer Lucien Favre noch so sehr Demut lehren, da können die Spieler noch so oft Dementis vortragen. Da können die Hinweise auf die brutal ernste Lage noch vor einem halben Jahr ebenso in schöner Regelmäßigkeit verkündet werden wie der Hinweis auf Frankfurts Absturz nach 26 Punkten in der ersten Halbserie: Die Behauptung, Borussia ist eine Spitzenmannschaft, trifft des Pudels Kern.

Die hohe Fußball-Kunst

Die letzten Spiele sind Demonstrationen der hohen Fußball-Kunst. Ausgehend vom defensiven Bollwerk spielt die Borussia variantenreichen Fußball. Sie kann ein Tempo anschlagen, dass den Gegnern Hören und Sehen vergeht, und sie kann bei diesem Tempo auch noch höchst ansehnlich kombinieren. Als die Kölner Mitte der für sie so frustrierenden ersten Halbzeit einmal ihrem schlichten Stilmittel - Rückpass auf Torwart Rensing, langer Ball nach vorne - entsagten und wie die Borussen spielen wollten, wirkte es geradezu lächerlich.

Hinter jeder Aktion steht eine Idee, zufällig passiert im Gladbacher Spiel fast nichts. Es ist die Suche Favres nach dem perfekten Spiel, und bei dieser Suche ist die Mannschaft schon ganz schön weit.
Dennoch empfindet es Lucien Favre als „unseriös, darüber zu sprechen”. Darüber, das ist für den Schweizer das internationale Geschäft. Er sagt natürlich: „Wir müssen auf dem Boden bleiben.”

Bei aller Berechtigung für diese Bescheidenheit: Die Borussia wirkt so gefestigt, dass ein kapitaler Einbruch à la Frankfurt unvorstellbar ist. Das größte Pfund, mit dem die Gladbacher wuchern können, ist ihre mannschaftliche Geschlossenheit. Frei jeder Eifersüchtelei funktioniert das Kollektiv brillant. Und wenn Marco Reus, dessen Einsatz am Samstag gegen die Borussia aus Dortmund wegen des gebrochenen kleinen Zehs am linken Fuß fraglich ist, mal nicht als Torjäger auftritt, macht’s halt ein anderer.

Mike Hanke war es in Köln, der mit seinem Treffer zum 1:0 (20.) Favres taktische Forderung mit Leben füllte. „Wir wollten unbedingt in Führung gehen, denn wenn Köln führt, wird es schwer gegen diese Mannschaft.” Diese Mannschaft hätte die Borussia dank ihrer aktuellen Fußballkunst zerlegen können, doch nach Juan Arangos feinem Freistoßtreffer (30.) und Hankes Abstauber-Tor zum 3:0 (47.) schaltete die Borussia gleich mehrere Gänge zurück.

Es wurde langweilig, aus Gladbacher Sicht immerhin richtig schön langweilig. Und vielleicht ist es für die Kölner noch demütigender als es eine durchaus denkbare 0:5- oder 0:6-Klatsche gewesen wäre: Vor einem Freistoß in der Schlussphase spielten Hanke und Reus doch tatsächlich per Schnick-Schnack-Schnuck aus, wer schießen darf. Hanke erlitt dabei eine Schlappe, musste sich als „Schere” Reus’ „Stein” geschlagen geben.

„Wir sehen uns nicht als Spitzenmannschaft”, sagte Hanke noch und gab den Hinweis, „wir können immer noch besser werden”. Derzeit ist dies nur schwer vorstellbar, so dass die Frage bleibt: Wohin geht die Reise?

Marco Reus hatte am Freitagabend eine passende Antwort gefunden. „Zunächst einmal nach Hause.” Träumen dürfen nur die glückseligen Gladbacher Fans.

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