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Mönchengladbach: Schuh-Test fürs Borussen-Derby

Mönchengladbach : Schuh-Test fürs Borussen-Derby

Manchmal muss Lucien Favre über sich selbst schmunzeln. Natürlich weiß der Trainer von Borussia Mönchengladbach, dass er allwöchentlich den kommenden Gegner als einen äußerst schwierigen beschreibt - selbst wenn dieser auf dem letzten Tabellenplatz der Bundesliga dümpelt.

Diesmal aber fällt die Eloge noch länger aus als üblich. Und das nicht nur, weil sie bei einem amtierenden Deutschen Meister angebracht ist, sondern auch, weil Favre die Spielweise und Qualität dieser Mannschaft mag. Sollte er diese Lobrede auch in der Spielbesprechung vor seinen Profis halten, würden sie sich kaum noch trauen, am Samstag um 15.30 den Rasen des Borussia Parks zu betreten, zumindest nicht ohne vorher in der nahegelegenen Kirche St. Michael um himmlische Unterstützung gebeten zu haben.

Doch noch nicht einmal in der Rückrunde der vergangenen Saison, als Borussia einen schier aussichtslosen Kampf gegen den Abstieg bestritt und sensationell noch gewann, brach das große Knieschlottern aus. Nun, nach der Rettung und einer nahtlos anknüpfenden Hinrunde, besteht noch weniger Anlass, an sich selbst zu zweifeln. „Nein, ich mache mir keine Sorgen”, bekräftigt der Schweizer überzeugend, dass die Qualität der Klopp-Elf keineswegs zu Komplexen bei seinem Team führen könnte. „Wir haben keine Angst.”

Der Tabellenerste beim Tabellenzweiten: Inzwischen hat es Lucien Favre auch aufgegeben, sich und seine Mannschaft kleiner zu machen als sie sind. So vorsichtig er mit Worten umgeht, so bezeichnend bis entlarvend ist seine kleine Geste mit großem Inhalt. Wer denn der Favorit sei, wird der 54-Jährige gefragt. Favre antwortet mit Daumen und Zeigefinger. Fast berühren sie sich. Und vorsorglich liefert der Fußballlehrer die verbale Interpretation nach: „Ein wenig Dortmund.”

Ein wenig. Bei den Buchmachern zumindest würde die Distanz zwischen Daumen und Zeigefinger extreme Ausmaße annehmen, wenn Marco Reus heute nach seinem Trainingstest Rotes Licht geben würde. Der Zehenbruch des wieselflinken Torjägers würde als kollektiver Beinbruch berechnet werden. Doch auch der so souverän herausgespielte Derbysieg beim 1. FC Köln, bei dem sich der Nationalspieler die Verletzung bereits früh zugezogen hatte, lieferte Indizien dafür, dass Borussia Mönchengladbach nicht der FC Reus ist. Doch natürlich weiß Favre, wie wichtig der 22-Jährige für die Mannschaft ist. Und macht das deutlich durch eine Parallele zu Dortmund. „Wenn du gegen Mario Götze ständig in Eins-gegen-eins-Situationen bist, kommst du in Probleme - genauso wie gegen Marco Reus.” Doppeln heißt das Zauberwort.

Doch das noch wichtigere Zauberwort für Mönchengladbach und Reus heißt: abschwellen, die stolze Brust nach dem 3:0 beim FC und den kleinen Zeh von Marco Reus. Die Entzündung im gebrochenen Zeh ist deutlich zurückgegangen. Die optische Veränderung ist dabei das kleinste Problem, mit der Farbe Blau statt Grün kann der gebürtige Dortmunder durchaus leben, schließlich signalisiert sie ja auch den Heilungsprozess.

Entscheidend wird sein, wie der Fuß sich im Schuh fühlt, ob der Druckschmerz aufs gebrochene Gelenk etwa von unten durch die Stollen zu groß ist, wie sicher sich Reus mit diesem „Fußcap” fühlt. Das Oberleder kann erweitert werden, der Sprinter hat auch in Köln schon gezeigt, dass er selbst mit Schmerzen spielen kann. Und da es der kleine Zeh, zumal am linken Nicht-Schussbein, ist, können Gegenspieler, die natürlich von der Verletzung wissen, die lädierte Stelle nicht so einfach treffen wie etwa beim „dicken Onkel”. Doch es gibt auch noch ein Nach-Spiel, eine Woche später in Augsburg. Und in dieser Saison muss der Fastabsteiger der letzten nicht jedes Risiko eingehen.

Blut geleckt

Klar ist aber auch: Erfolge machen hungrig, und wenn nicht Lahme zu Gehenden so doch vielleicht Angeschlagene wieder zu Sprintern. Die Mannschaft hat Blut geleckt und geschafft, den Lernprozess im vergangenen Überlebenskampf auf eine neue Tabellenregion zu übertragen. Völlige Konzentration auf das nächste Spiel, diese zur Floskel verkommene Forderung haben Reus & Co. verinnerlicht. Ausblenden, was möglich ist in zwei, drei oder 19 Spieltagen, das ist bisher die Qualität, die den Höhenflug möglich und stabil macht.

Davon haben Dante und Juan Arango geträumt und bekommen das jetzt in einem Klub, indem sie sich obendrein pudelwohl fühlen. Das ist Natur-Doping pur, Nebenwirkungen bekämpft eben der so ehrgeizige Brasilianer. Als die Mannschaft nach der Pause in Köln mit dem süßen Gift des 2:0 zurück auf den Platz kehrte, knöpfte sich der Abwehrchef seine Kollegen noch mal temperamentvoll vor. „Doktor” Dantes Immunisierung war erfolgreich. Die Auffrischung kann es am Samstag geben.