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Mönchengladbach: Saures für Jaures: Tribüne statt Werder

Mönchengladbach : Saures für Jaures: Tribüne statt Werder

Es gibt Momente, da verspürt ein Fußballer nur wenig Lust, mit Journalisten zu sprechen. Am Freitag war so einer: Borussia Mönchengladbachs Trainer eröffnete nach dem Training Jean-Sebastian Jaures, dass er für das Spiel am Samstag gegen Werder Bremen nicht einmal im Kader steht. Für den Franzosen ebenso überraschend wie für die Öffentlichkeit, denn Jos Luhukay hatte in der Woche zuvor mit einer Brandrede dem in der Kritik stehenden Linksverteidiger demonstrativ den Rücken gestärkt.

Und nun nicht einmal die Bank, sondern gleich die Tribüne! Bitter für den 30-jährigen Neuzugang.

Der sich dennoch stellte: „Natürlich schmerzt das. Aber das gehört nun mal mit zum Fußballerdasein. Mir bleibt nichts anderes übrig, als zwei Wochen lang Gas zu geben, um mich für das Spiel in Hannover aufzudrängen.”

Das Länderspielwochenende ermöglicht die lange Demonstrationsperiode der eigenen Qualitäten. In einem ausgiebigen Gespräch, gemeinsam mit „Dolmetscher” Steffen Korell, erklärte Luhukay dem Mann von Auxerre seine Entscheidung. Ohne dessen Selbstvertrauen anzuknabbern. „Es wird was mit dem System und der Taktik zu tun haben”, deutete Jaures vorsichtig an. Einzelheiten aber wollte er nicht erzählen.

Der Franzose steckt immer noch im Gewöhnungsprozess. Nach einer Karriere nur bei AJ Auxerre, dem französischen Traditions-Klub, zu dem er bereits mit 14 Jahren von Tours wechselte, entschied er sich für eine späte, aber große Herausforderung. „Adaption” nennt er das einleben in eine neue Umgebung, das Gewöhnen an eine neue Kultur, an neue Kollegen.

Dieser Aufgabe wollte er sich unbedingt im letzten Drittel seiner Karriere noch stellen. Bewusst, eine Neugier, die auch mit seinen Wurzeln zu tun hat. Jaures ist zwar in Frankreich geboren, sein Vater aber, der immer noch in Tours wohnt, stammt von der Insel Reunion.

Dort lebt auch noch dessen komplette Familie, die er möglichst ein- oder zweimal im Jahr besucht. Das Eiland vor der ostafrikanischen Küste wird von einem bunten Völkergemisch bewohnt. „Melange” nennt Jaures das, Offenheit und Neugier auf andere Kulturen sind Voraussetzungen für das Funktionieren solcher Multi-Kulti-Gesellschaften. Deshalb ist er auch froh, dass seine Zwillinge Amaury und Noah (fünfeinhalb Jahre) auf der französischen Schule Deutschunterricht erhalten.

Da überraschen die Vorbehalte schon, die einem am neuen Arbeitsplatz entgegenströmen. „Borussia ist ähnlich wie Auxerre ein sehr familiärer Klub”, erklärt der 30-Jährige den Grund für das wohl letzte große Wagnis seines Sportlerlebens. Die Ambitionen haben ihm gefallen, nachdem bei seinem Heimat-Klub zuletzt die sportlichen Aufgaben nach langjähriger Teilnahme in europäischen Wettbewerben rapide abnahmen. „Warum aber spricht man nur über meinen Fehler im Spiel gegen Stuttgart?”, fragt er sichtlich irritierte. „Nur, weil ich neu bin?”

Sein Deutschunterricht startet erst in der kommenden Woche. Doch die Flucht in Sprachdefizite liegt ihm nicht. „Links, rechts” kennt er bereits bestens. Auch Hintermann? „Klar, attention!”, grinst er. Die Kollegen reißt er nicht mit hinein, „ich wollte den Ball abschirmen”, beschreibt er die missglückte Aktion, die Jan Simak foulnahe ausnutzte.

Eine Woche später bewies er gegen Hoffenheim abgesehen von einem Aussetzer eine solide Leistung, aber erneut prasselte Kritik auf ihn ein. Bevor er überhaupt nur einen Ball am Borussia-Park berührt hatte, wurde bereits öffentlich seine angebliche Langsamkeit diskutiert. „Unverschämt”, sagt Sportdirektor Christian Ziege. „Keiner macht sich die Mühe, ihn im Training mal zu beobachten. Dann würden sie sehen, dass nicht einmal ein Karim Matmour ihm wegläuft.”

Zweimal verloren, die Rundum-Suche nach den Gründen läuft. Den Begriff „Sündenbock” kennt Jaures nicht. Noch weniger sein Trainer. Verstärkt wurde Luhukay zuletzt mit dem negativ belasteten Begriff „Rotation” konfrontiert. Doch dessen Entscheidungen orientieren sich am Sport und speziell am Gegner. Nach Bremen, gegen Hannover, ist auch Jaures wieder in der Tombola. Die Ziehung erfolgt allerdings nicht nach dem Prinzip Zufall oder gar Bestrafung - dahinter steckt ein Plan.