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Tenero/Ascona: Rolfes: „Aggressiv und mit viel Tempo spielen”

Tenero/Ascona : Rolfes: „Aggressiv und mit viel Tempo spielen”

Bei seinem Länderspiel-Debüt Ende März vergangenen Jahres gegen Dänemark (0:1) trug er die Rückennummer 38. Simon Rolfes (26) hat sich in der Hierarchie emporgearbeitet: Für sein erstes großes Turnier erhielt der deutsche Fußball-Nationalspieler die Nummer 6 - und flächendeckend Lob für seinen Auftritt im Viertelfinale.

Im Interview mit dieser Zeitung spricht der Ex-Alemanne über seine Erfahrungen und Wünsche.

Haben Sie das Spiel gegen Portugal noch mal vor Ihrem inneren Auge ablaufen lassen?

Rolfes: Gar nicht so. Ich habe noch mal 20 Minuten von der ersten Halbzeit gesehen, da lief eine Wiederholung im Fernsehen. Aber sonst habe ich eigentlich versucht, das Spiel nicht noch mal durchlaufen zu lassen und recht schnell zu entspannen.

Aber Eindrücke werden doch haften bleiben.

Rolfes: Ich habe es ja schon mal gesagt: Es war das absolut wichtigste Spiel in meiner Karriere bislang. Die Eindrücke werden mit Sicherheit auch präsent bleiben.

Findet dieses wichtigste Spiel Ihrer Karriere auch eine Fortsetzung am Mittwoch?

Rolfes: Ich weiß nicht. Ich hoffe natürlich, dass es so weitergeht. Ich denke, dass ich bereit bin, aber wie der Trainer am Mittwoch aufstellt, das weiß ich nicht.

Wie kann man den Trainer von sich und seinen Qualitäten überzeugen?

Rolfes: Indem ich gut trainiere, aber das habe ich auch schon vorher gemacht. Der Trainer weiß die Qualitäten der einzelnen Spieler genau einzuschätzen. Ich glaube nicht, dass es jetzt unbedingt auf die Trainingsleistungen ankommt, er weiß schon, was er an jedem einzelnen Spieler hat.

Ist Ihr Standing in der Mannschaft jetzt ein anderes? Werden Sie mit anderen Augen betrachtet als vorher?

Rolfes: Ich glaube, dass die Mitspieler auch vorher wussten, was ich kann. Das Standing hat sich eher außerhalb verändert, in den Medien. Die Kritiken waren ja ganz gut.

Es ist Ihr erstes großes Turnier. Haben Sie sich Tipps geholt etwa von Carsten Ramelow oder Rudi Völler?

Rolfes: Ich habe mit Carsten ein bisschen darüber gesprochen, wie es abläuft bei so einem Turnier. Über das Sportliche aber nicht so viel. Ich habe mich drauf gefreut auf mein erstes Turnier. Das ist schon was absolut Besonderes, und es ist auch eine interessante Erfahrung. Die erste Woche mit den ganzen Vorrundenspielen, wie es besonders in den Medien hoch und runter ging. Es ist deutlich schnelllebiger und extremer als im Bundesliga-Alltag.

Zwei defensive Mittelfeldspieler - hoffen Sie, dass das jetzt das System ist, mit dem man weiterspielen kann?

Rolfes: Das hängt auch immer ein bisschen vom Gegner ab. Auch wenn man 4-4-2 spielt, ist das ein flexibles System, wo sich ein Stürmer vielleicht etwas zurückfallen lässt. Es kommt darauf an, wie der Trainer agieren will. So wie wir jetzt gespielt haben, war es eher defensiver als in den Spielen davor. Flexibel ist man in beiden Systemen.

Eigentlich wollte man sich doch gar nicht mehr vom Gegner ein System aufzwingen lassen.

Rolfes: Ja, gut, manchmal muss man auch vielleicht ein bisschen von seiner Linie abweichen, um zum Erfolg zu kommen. Aber es war genau richtig, weil die Portugiesen im Mittelfeld verdammt spielstark sind. Da war es gut, dass das Mittelfeld so dicht geschlossen ist, und auf den Außenpositionen gab es zwei klare Pärchen. Das war absolut der richtige Weg.

Haben Sie sich mit Thomas Hitzlsperger besonders gefreut über ihre gemeinsam toll bewältigte Aufgabe?

Rolfes: Wir haben sowieso einen guten Draht zueinander. Wir haben schon in der U18 zusammen gespielt auf der linken Seite. Von daher ist es einfach schön. Damals haben wir noch gerätselt, ob wir es schaffen, haben geträumt von einer WM oder EM. Wir waren auch zusammen auf einem Zimmer, daran erinnern wir uns manchmal. Damals haben wir spekuliert, ob´s einer schafft von uns. Dass wir hier jetzt beide sitzen und einen gemeinsamen Weg gemacht haben, das freut uns schon.

Wenn Torsten Frings wieder fit ist, heißt das, dass er Ihren Platz wieder einnehmen dürfte? Oder gibt´s die Möglichkeit Frings und Rolfes?

Rolfes: Ich bin ja nicht Trainer. Möglichkeiten gibt´s immer.

Würden Sie es als ungerecht empfinden, wenn Sie jetzt wieder raus müssten?

Rolfes: Nein. Ich hab´ mich darüber gefreut, dass ich gegen Portugal die Chance bekommen und sie genutzt habe. Ich gehe da völlig unvoreingenommen ins Halbfinale.

Haben Sie sich in der Mannschaftssitzung nach dem Kroatien-Spiel auch zu Wort gemeldet? Oder haben Sie brav dabei gesessen?

Rolfes (lacht): Nein. Ich habe mir das angehört, aber es ist natürlich klar, dass da die etablierten Spieler, auch die, die gespielt haben, mehr dazu sagen mussten, als die, die nur auf der Bank saßen.

Haben Sie das als positiv empfunden, dass es mal intern ein bisschen gerappelt hat und nicht nur in den Medien?

Rolfes: Gerappelt ist vielleicht übertrieben. Natürlich sind ein paar Dinge angesprochen worden. Wir diskutieren übers Spiel. Jeder hat eine andere Sicht, wie was gelöst werden muss. Aber man hat sich nicht gegenseitig angegriffen. Wir haben diskutiert über die Sache, und das war gut.

Joachim Löw hat in handgestoppten 2:10 Minuten über Sie und Ihre Vorzüge für die Position der Nummer 6 gesprochen. Was denken Sie persönlich, was Sie besonders prädestiniert für diese Position?

Rolfes: Zuverlässigkeit und Disziplin sind mit Sicherheit die Grundvoraussetzung. Wenn man auf dieser strategisch wichtigen Position nicht diszipliniert ist, funktioniert das ganze Spiel nicht. Technisch gut zu sein und ballsicher, kommt dann natürlich auch noch dazu.

Wie weit geht Ihre Selbstkritik?

Rolfes: Die ist Grundvoraussetzung, um den Weg weiterzugehen. Man kann im Fußball recht schnell nach oben kommen, aber der Weg kann auch schnell wieder nach unten gehen. Da muss man selbstkritisch sein, sonst kann man sich nicht weiterentwickeln.

Welche Bedeutung hat für Sie die Position der Nummer 6? Ist das der Ausgangspunkt, der Mittelpunkt des Spiels?

Rolfes: Natürlich bin ich ein Spieler, der gerne mit nach vorne geht. Ich bin nicht unbedingt die klassische 6, die nur vor der Abwehr bleibt. Grundsätzlich ist das eine flexible Position, eine wichtige Position gerade im Defensivverhalten. Wenn die nicht besetzt ist, entstehen riesige Löcher. Aber man kann nicht sagen, das ist die entscheidende Position, dafür ist das Spiel zu flexibel geworden. Aber sie ist mit von entscheidender Bedeutung.

Die Türkei hat im Viertelfinale gegen Kroatien wieder ein spätes Comeback gegeben. Wie haben Sie es miterlebt?

Rolfes: Beim Ausgleichstreffer haben wir mitgejubelt. Aber nicht unbedingt, weil wir jetzt nicht gegen Kroatien spielen wollten. Das ist ja das Spannende am Fußball: Da fällt in der 118. Minute das 1:0 und in der 120. - oder 121. war es sogar - das 1:1. Wir haben es eher als Fußball-Fans mitverfolgt.

Bei den Türken ist kaum noch ein Spieler fit und die halbe Mannschaft gesperrt. Deswegen haben Sie sich bestimmt auch gefreut, oder?

Rolfes: Ach, nee. Als es ins Elfmeterschießen ging, konnte ja keiner mehr wissen, wie´s ausgeht.

War die Mannschaft denn nicht heiß darauf, gegen Kroatien was geradezurücken?

Rolfes: Ja, hätten wir auch gerne gemacht. Aber wir spielen genauso ehrgeizig gegen die Türken.

In deren Spiel ist das Chaos Programm.

Rolfes: Ihre Stärke ist mit Sicherheit das Überraschende. Dass sie, wie gegen die Schweiz und Tschechien, am Ende noch mal alles nach vorne werfen und eine gewisse Unordnung und Überraschung schaffen können. Man darf sich nicht deren Spiel aufdrängen lassen. Das ist wichtig, die eigene Stärke durchzusetzen. Wir müssen wieder mit viel Tempo spielen, aggressiv.

Die Türkei galt nicht als einer der Titelfavoriten. Besteht da die Gefahr eines Problems mit der Einstellung?

Rolfes: Ich glaube nicht, wenn man ins Halbfinale einzieht, dann das Finale als Ziel hat, dass es da ein Einstellungsproblem gibt. Vergangene Europameisterschaften haben gezeigt, dass auch kleinere Mannschaften den Titel holen können. Deswegen sollte man keinen Gegner unterschätzen.

Nun dachte man nach der Vorrunde, Deutschland wäre auch eine kleine Mannschaft.

Rolfes: Das haben die Portugiesen auch gedacht.

Sie haben nach Michael Ballack gegen Portugal die meisten Meter gemacht. Arbeiten Sie eigentlich immer noch mit einem 400-Meter-Trainer zusammen?

Rolfes: Das habe ich im letzten Jahr in Bremen gemacht und im Aachen-Jahr. Dadurch, dass wir mit Leverkusen die Belastung im Uefa-Cup hatten, war es deutlich schwieriger, da noch zusätzliche Einheiten zwischenzuschieben. Da versucht man die Dinge an jedem Trainingstag ein bisschen zu verteilen. Im nächsten Jahr spielen wir leider nicht im Uefa-Cup, da gibt es die Möglichkeit, wieder etwas mehr zu tun.

Wie schnell sind Sie aus dem Loch rausgekommen nach der Enttäuschung, zum Saisonende noch den internationalen Platz verspielt zu haben?

Rolfes: Es hat eine Zeit gedauert, da trauert man schon noch nach. Mein Fokus war aber schnell auf die Europameisterschaft gerichtet. Die EM ist ein großes Ereignis für mich, das viele Dinge überlagert.

Wie wirkt sich das aus auf Ihre Karriereplanung, nicht international zu spielen, gerade für jemanden, der auch in der Nationalelf Stammspieler werden will?

Rolfes: Ich denke, dass wir im nächsten Jahr mit einer guten Mannschaft, mit einem kleineren Kader und weniger Spielen eine richtig gute Rolle spielen können in der Liga, auch im Endspurt. Natürlich möchte ich Champions League spielen. Das ist auch das Ziel von Bayer Leverkusen im nächsten Jahr.

Ist es ein Traum, mal bei Bayern oder einem großen ausländischen Klub zu spielen?

Rolfes: Ich habe in Leverkusen um zwei Jahre verlängert, weil ich denke, das ist richtig, um mich weiterzuentwickeln. Danach muss man die Dinge neu überlegen. Als Kind war ich Real-Madrid-Fan, hatte auch ein Trikot.

Verkaufen Sie sich manchmal nicht zu bescheiden? Auch was die Formulierung von Anspruchsdenken angeht?

Rolfes: Ich versuche, durch Leistung auf dem Platz zu überzeugen. Vielleicht könnte ich durch offensivere Politik ein klareres Standing in den Medien haben, aber ich denke, dass die sportlich Verantwortlichen genau wissen, was sie an mir haben.

Bei den Türken fallen gleich drei Verteidiger aus. Würden Sie als Trainer jetzt wieder zwei Spitzen aufstellen?

Rolfes: Wir werden mit Sicherheit offensiver spielen als gegen Portugal. Wie man das löst, ist gar nicht so vom System abhängig, dass man sagt, das ist ein offensives, das ein defensives. Es kommt darauf an, wie du die Positionen ausfüllst.

Welchen Kontakt haben Sie in diesen Tagen zu Familie, zu Freunden?

Rolfes: Die Kartenwünsche sind komplett ausgefüllt. Mein Bruder war jetzt hier zum Viertelfinale, meine Freundin, sie kommt auch am Mittwoch zum Halbfinale. Kumpels freuen sich schon Wochen vorher tierisch, dass sie Karten bekommen und eine schöne Reise daraus machen können. Vor Ort gibt es allerdings wenig Kontakt, man sieht sich mal kurz, winkt auf die Tribüne.

Wie viele von Ihren 1000 Büchern haben Sie eigentlich mitgenommen?

Rolfes: Das war kein Zitat von mir, dass es 1000 sind. Aber so schnell hat man dann auch mal 1000 (lacht). Ich lese gerne und habe auch einige Bücher dabei, aber ich bin noch nicht viel zum Lesen gekommen. Es gab genug zu tun.

Was liegt denn auf dem Nachttisch?

Rolfes: Ich habe jetzt von Ken Follett „Eisfieber” gelesen. Das ist durch.

Gibt es in der Mannschaft einen Schwur nach dem Motto „Jetzt hauen wir die Türken weg?”

Rolfes: Wir freuen uns aufs Halbfinale. Auch wenn wir die Kroaten gekriegt hätten, hätten wir uns gefreut auf die Revanche. Wir haben als Ziel ausgegeben, im Finale zu stehen. Jetzt haben wir noch ein Spiel vor der Brust, um diesen Schritt zu machen. Wir haben die richtige Spannung in der Mannschaft.

In Leverkusen haben Sie 99 Spiele in Folge gemacht, jetzt standen Sie erst mal hinten an. Waren Sie frustriert?

Rolfes: Frustriert nicht. Es ist halt eine deutlich andere Aufgabe, sich aufs Spiel vorzubereiten. Von der mentalen Einstellung her ist das die größere Aufgabe als wenn man immer spielt. Klar freue ich mich, wenn ich am Mittwoch spiele. Aber die Erfahrung des Portugal-Spiels hat mich auf jeden Fall nach vorne gebracht und war absolut wichtig.

Ist die Euro für Sie persönlich schon jetzt ein Erfolg?

Rolfes: Es war für mich auf jeden Fall ein Schritt nach vorne, egal wie das Turnier ausgeht. Wenn wir Europameister werden, war´s richtig erfolgreich.