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Dortmund: Oliver Kirch: Durch das Spiel gegen Real hat sich alles geändert

Dortmund : Oliver Kirch: Durch das Spiel gegen Real hat sich alles geändert

In Hollywood hätte das Märchen so geendet: ein Anruf von Joachim Löw bei Oliver Kirch. „Olli, wir brauchen Dich!“ Der WM-Ruf aber fand in Wirklichkeit nicht statt. Und Dortmunds Mittelfeldspieler gesteht: „Ich wäre auch geschockt gewesen.“

Dabei hat sich der 31-Jährige gewöhnt an überraschende Wendungen. Anderthalb Jahre pendelte er bei Borussia Dortmund zwischen Tribüne und Ersatzbank. Auf gerade mal 186 Bundesliga-Minuten kam der Blondschopf nach seinem Wechsel 2012 vom 1. FC Kaiserlautern zum Groß-Klub in seiner ersten Spielzeit, immerhin auf 462 Minuten in der abgelaufenen Saison. Erschreckend wenig, aber 90 andere Minuten entpuppten sich als wahrhaft königlich. Nach den anderthalb Stunden im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League gegen Real Madrid (2:0), krönte Jürgen Klopp die Leistung des bis dahin nicht mal Edel-Reservisten: „Das ist die größte Entwicklung eines 31-Jährigen, die ich jemals gesehen habe. Das war brutal stark!“

Noch im Frühjahr schien es keine gelb-schwarze Zukunft zu geben. Für den gebürtigen Soester war ein Standortwechsel so gut wie fix. „Ich hatte relativ wenig Hoffnungen hierzubleiben.“ Der Vertrag lief aus. Interessenten aber konnte es auch nicht geben. Das sollte sich aber schlagartig ändern. Jürgen Klopp bescherte ihm ein globales Schaufenster. Rückspiel gegen Real Madrid, Oliver Kirch in der Startelf. „Die halbe Welt hat zugeschaut, aber kannte den Namen Kirch nicht. Das war anschließend anders.“ Vom Schlüsselspiel, vom Platzen eines — anderthalb Jahre alten — Knotens wurde geschrieben. Doch der smarte Mittelfeldspieler entmystifiziert dieses „Wunder“: „Ich hatte zuvor schon einige Spiele in der Bundesliga, die wichtig für mich waren, um in den nötigen Rhythmus zu kommen.“ In der öffentlichen Wahrnehmung aber hat sich durch das Spiel gegen Real „alles geändert“.

Die zur Floskel verkommene Reservisten-Strategie, im Training Gas zu geben und sich aufzudrängen, fiel unter Dortmunder Verhältnissen besonders schwer umzusetzen. Der BVB tanzte auf drei Hochzeiten. Für einen Oliver Kirch kompliziert, sich in den Vordergrund zu trainieren. „Es waren mehr Regenerationseinheiten. Und die Spielformen waren als Ersatzeinheit auf ein 4 gegen 4 reduziert.“ Doch der 31-Jährige blieb hartnäckig. „Es war nicht einfach, aber trotzdem habe ich es gut geschafft. Unser Trainingsniveau ist eben immer hoch, und du entwickelst dich auf jeden Fall weiter.“

Dazu gehörte auch das Gefühl, bereits damals „Teil der Mannschaft zu sein“. Mit vielen befreundet zu sein, Zuspruch zu erhalten, wenn er mal wieder nur auf der Tribüne saß — „für den Kopf war das wichtig“. Auch Ehefrau Jana machte Mut. Als Oliver Kirch bereits begann, sich mit Alternativen zu beschäftigen, überraschte sie ihn mit viel Ahnung: „Ich glaube, dass wir hier bleiben.“ Der Prophet gilt auch im eigenen Hause nicht viel, und so reagierte Ehemann „Olli“ höflich-ungläubig: „Ist nett, dass Du das sagst . . .“ Der Optimismus wog auch deshalb so schwer, weil die 28-Jährige nicht per se zur Klientel zählt, das sich im Herzen der Ruhrmetropole wohlfühlt. Das ehemalige Model, die sich inzwischen auch als Autorin, Bloggerin und Boutique-Inhaberin etabliert hat, hat lange in Paris und New York gelebt.

Jetzt aber braucht er solche Unterstützung eh nicht mehr: Kirch ist nicht nur gefühlt mittendrin statt nur dabei. Seiner Entwicklung trug die BVB-Leitung Rechnung, indem sie ihm einen neuen Vertrag bis 2016 gab. „Natürlich bin ich jetzt nicht so vermessen, dass ich angesichts von Ilkay Gündogan und Sven Bender sage, ich will die Nummer 1 oder 2 sein.“ Aber sein Druck wird mit dem gesteigerten Selbstbewusstsein größer. Auch im Pokalfinale hat Kirch bewiesen, dass er der Mannschaft helfen und Impulse setzen kann. Der BVB hatte seine beste Phase, nachdem der Sechser eingewechselt wurde. Nicht der Löw-Anruf wäre das I-Tüpfelchen auf seine sensationelle Karriere-Wende gewesen, sondern „den goldenen Pokal in den Himmel zu recken“.