Walchsee: Mentalcoach Boltersdorf: „Wer Aussicht auf Erfolg hat, der brennt”

Walchsee: Mentalcoach Boltersdorf: „Wer Aussicht auf Erfolg hat, der brennt”

Zur Alemannia geht Peter Boltersdorf schon seit 20 Jahren. Natürlich ist der Dauerkartenbesitzer auch Fan, aber inzwischen ist er mehr ein wissenschaftlicher Beobachter. In der letzten Spielzeit saß Boltersdorf häufig auf der Tribüne und wunderte sich, wie wenig „Emotionen in der Mannschaft” waren.

„Das hat nichts mit der Persönlichkeit, sondern mit der Atmosphäre zu tun. Die Arbeit hatte resignative Züge.”

Das waren zuletzt noch ein paar private Gedanken, jetzt darf er sich ganz offiziell Gedanken zum Thema Alemannia machen. Boltersdorf ermittelt, was Menschen motiviert, wie sich Leistungsbereitschaft fördern lässt. Das Verfahren, entwickelt vom Psychologen Professor Steven Reiss (Ohio State University), gilt als sehr seriös und hochvalide.

Boltersdorf erstellt „Reiss-Profile”: 128 Aussagen werden zu einem Persönlichkeits-Diagramm verdichtet, das die komplette Motiv- und Antriebsstruktur eines Menschen abbilden soll. 16 fundamentale Bedürfnisse gibt es in diesem Profil, das sind zum Beispiel Unabhängigkeit, Macht, Neugier, Anerkennung, Idealismus, Status, Familie, Eros oder Ruhe.

„Mit diesem Test können wir Motivation sehr genau personalisieren. Auch wenn alle das gleiche Ziel haben, zum Beispiel das nächste Spiel zu gewinnen - Leistungsmotivation ist immer individuell und oft sehr verschieden”, sagt Boltersdorf. Er hat die Profile für jeden Spieler und Mitarbeiter aus dem Stab erstellt, im Trainingslager werden die Ergebnisse und ihre Konsequenzen getrennt besprochen.

Die Idee stammt von Erik Meijer, sie wurde schon im Frühjahr geboren, sie ist für Alemannia nicht neu. Auch unter Dieter Hecking wurde Boltersdorf vor sechs Jahren engagiert.

Wie motiviere ich eine heterogene Gruppe, wie kann ich jeden einzelnen packen? Die Antwort ist einfach: „Wer Aussicht auf Erfolg hat, brennt für die Sache.” Natürlich garantiert die Teamentwicklung keine Punkte, keine bessere Tabellenplatzierung. „Man darf das weder über- noch unterschätzen.”

Der Diplom-Sportlehrer aus Aachen hat Erfahrung bei diversen Bundesligaklubs wie Mainz, Köln, Schalke. Er war bei den Handballern, als sie Weltmeister wurden, aktuell unterstützt er die deutschen Ringer und Gewichtheber wie zum Beispiel Matthias Steiner. In der letzten Saison half er auch Alemannias Volleyball-Frauen in der Bundesliga. Die Zusammenarbeit wird fortgesetzt.

Und doch werde der Umgang mit dem Thema „mentales Coaching” immer noch tabuisiert, sagt der 58-Jährige. „Der Umgang mit psychologischer Beratung ist ganz, ganz schwierig, weil viele Menschen glauben, es gehe um Schwache oder Kranke.”

Im vermeintlichen Testosteron-Sport Fußball ist Boltersdorf nicht generell willkommen. Vielleicht auch, weil dieses Männlichkeits-Gehabe nur eine Fassade ist, die leicht einbricht.

Außerordentlich kämpferisch

Die Erkenntnis über Alemannias neue Mannschaft klingt profan, ist aber aus Sicht des Mentaltrainers, „eine sehr positive Überraschung”. „Das Team ist außerordentlich kämpferisch und teamorientiert.” Teamorientiert im Fußball klingt wie Pferd und Reiter, Pommes und Currywurst, wie ein Begriffspaar. Aber Boltersdorf hat andere Erkenntnisse. „Es klingt paradox, aber im Fußball gibt es ein solches Ergebnis bei Profiteams bislang nicht. Die Individualität ist in diesem Sport höher ausgeprägt als viele Menschen glauben. Das sehen wir an den Daten von über 400 Profi-Fußballern aus Deutschland und Holland.”

Für Alemannia hat das Ergebnis noch einen weiteren Effekt: „Das Zusammenwachsen des neuen Teams kann sehr viel schneller gehen als das gewöhnlich der Fall ist.” Die Trainer sind erst einmal neugierig. Neugierde ist ein sehr ausgeprägtes Motiv für die Trainer, das sagt aber noch nichts über die Bereitschaft aus, sich beraten zu lassen.

Die Zusammenarbeit soll zwei Jahre dauern, die Trainer stehen dem Projekt zunächst aufgeschlossen gegenüber, „wir gucken uns das erst einmal in Ruhe an”, sagt Peter Hyballa, der selbst einige Semester Psychologie studiert hat.

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