1. Sport
  2. Fußball
  3. Bundesliga

Mönchengladbach: Marx ist Borussias neues Kapital

Mönchengladbach : Marx ist Borussias neues Kapital

Betritt man den Kernbereich des Borussia-Parks, empfängt den Gladbacher ein beliebtes Foto-Motiv. Eine Plakatwand mit vier mannshohen Spieler-Abbildungen. Den vierten Kopf dürfen die Fans liefern, indem sie ihr Haupt durch eine Aussparung stecken. Heiß begehrt fürs digitale Fotoalbum.

Gruppenbild mit Leerraum: Die Repräsentanten des Traditionsklubs sind wohl kaum zufällig ausgewählt. Oliver Neuville neben Juan Arango, der Alt- neben dem Neu-Star. Der vierte Mann ist eher eine Überraschung- auf der Plakatwand , aber auch auf dem Platz: Thorben Marx.

Die Stellage dokumentiert den Stellenwert. Nur wenige hatten sich vorgestellt, dass der Mittelfeldakteur sich in kürzester Zeit zum Schlüsselspieler hochspielen würde. „Das ist überraschend für die Leute, die nicht so sehr auf Bielefeld geschaut haben”, versucht der Neu-Gladbacher zu erklären. In der ostwestfälischen Fußballprovinz wird man nicht so sehr wahrgenommen. Unter Experten gab es etliche Marx-Anhänger. Hannover wollte ihn, Frankfurt wollte ihn. Es gab weitere lose Anfragen, doch als größter „Marxist” entpuppte sich Michael Frontzeck, der den gebürtigen Berliner von seinem alten Klub an den Niederrhein lockte.

„Hmmmmm”, rätselten die zahlreichen Borussen-Anhänger. Die Skepsis war dem Umstand geschuldet, dass ihr Verein im Mittelfeld mit Michael Bradley, Neuzugang Marcel Meeuwis und Gal Alberman nicht nur gut bestückt , sondern auch noch mit ähnlichen Spielertypen versehen war (Bradley/Meeuwis). Ein Luxus-Transfer also? Spätestens nach dem 2:0-Sieg über Mainz hatten alle Beobachter das „Denkste!” verinnerlicht. Marx ist Gladbachs Kapital. Erneut kredenzte er seinen Mehrwert, Sahnehäubchen war seine Flanke zum 1:0 auf Raul Bobadilla. Die Haare sind ebenfalls blond, wenn auch wesentlich kürzer, aber dennoch war der Neu-Borusse nicht davor gefeit, mit dem vermeintlichen Erfinder des Zuckerpasses, Gladbach-Legende Günter Netzer, verglichen zu werden. „Das hat mich eher belustigt”, gesteht der 28-Jährige.

Marx ist vor allem Realist. Aber einer mit einem guten Schuss Selbstvertrauen: „Ich war von mir nicht überrascht”, sagt er zu der scheinbaren Mini-Sensation, dass sich der ablösefreie Zugang von einem Absteiger gegen Hoffnungsträger Bradley und neben Millionen-Transfer Meeuwis (1,7 Mio. Euro) durchgesetzt hat. Für ihn ist Gladbach ein „Schritt nach oben”. Der Blondschopf ist genügsam geworden. „Bayern und Schalke haben nicht angeklopft”, merkt er süffisant an.

Blick zurück ohne Zorn

So illusorisch aber war diese Konstellation einst nicht, wenn man den Blick zurück wirft - für Marx ohne jeden Zorn: Er hat alle Jugend-Nationalmannschaften durchlaufen, inklusive des Team 2006. Warum also ist Thorben Marx kein Nationalspieler? „Weil meine Leistung nicht so gestimmt hat.” Selbstkritik ist kein Fremdwort, Entlastung durch seinen zweiten Kreuzbandriss in seiner frühen Hertha-Zeit als Senior (der erste in der A-Jugend) sucht er nur zögerlich. Erst lief es gut, sogar mit Uefa-Pokaleinsätzen, dann die Verletzung, und anschließend passte es nicht mit Trainer Falko Götz.

Die Flucht in die Idylle Bielefeld sollte Spielpraxis und Distanz von der Hauptstadt bringen. Dort wird er erwachsen und genießt auch die mediale Beschaulichkeit nach der dicken Berliner Luft. „Dort habe ich genug auf den Deckel bekommen, vom Trainer, vom Manager und auch von der Presse.” Verschont blieb er aber auch nicht in der ostwestfälischen Provinz vor kritischen Fragen: „Warum spielst Du nicht besser?” Umso mehr genießt er das positive Interesse in seiner neuen Fußball-Heimat Mönchengladbach. Der Mann ist zufrieden, ruht in sich und seiner Familie. Doch wenn er sich Länderspiele im Fernsehen anschaut, seine ehemaligen Auswahl-Kollegen Gomez und Hitzlsperger sieht, kriecht schon mal die Erkenntnis hoch: „Das hätte ich schon gerne erlebt.”

Seine Karriere-Planung verlief nicht optimal. Die Familien-Planung ging angenehm „schief”: Marx wollte immer zwei Söhne haben und bekam - zwei Töchter. Nach der ersten Überraschung aber wurde er Überzeugungstäter: „Jetzt kann das zweite auch ruhig ein Mädchen werden.” Die Namen Noelle und Lenia hat er sich an die Unterseiten von Oberarm und Handgelenk tätowieren lassen. Und damit wohl gleich beim ersten Duschen im neuen Klub einen Freund im Geiste gefunden. Marcel Meeuwis hat auf seinem Rücken Seth, den Namen seines Sohnes, verewigt. Schnell bildete man nicht nur auf dem Platz ein Gespann. Dort mit Marx als offensivem, dem Niederländer als defensivem Part des Doppel-Sechsers. Abseits des Platzes entschieden sich beide im Trainingslager für ein Zimmer. „Wir reden viel - über Fußball, aber auch private Dinge.” Eine Wahlverwandtschaft, von der alle profitieren. Nur nicht der Gegner.