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Mönchengladbach: Luhukay: „Die Pfiffe verstehe ich nicht”

Mönchengladbach : Luhukay: „Die Pfiffe verstehe ich nicht”

Montag- und Dienstagvormittag drückte Jos Luhukay die Schulbank. Der Trainer von Borussia Mönchengladbach absolviert derzeit den Ausbildungslehrgang zum Fußballlehrer an der Sporthochschule Köln. Sicherlich wird er dort auch gelernt haben, was er am Sonntag falsch gemacht hat beim 0:0 gegen Aufsteiger Hoffenheim.

„Das können Sie so sagen. Dagegen kann ich nicht argumentieren”, scherzt der ehemalige Fußball-Profi.

Kann er natürlich doch. Speziell gegen den Vorwurf, mit nur einem nominellen Stürmer zu vorsichtig im ersten Heimspiel der Saison operiert zu haben. Entlastendes hätte er auch schon direkt nach dem Spiel vorbringen können. „Aber ich mag das nicht, es sieht dann immer wie Alibi aus.”

Sein Bank-Geheimnis: Rob Friend litt weiterhin unter den Nachwirkungen einer Beckenprellung, die der Kanadier sich im Training zugezogen hatte und musste in der Halbzeitpause sogar fitgespritzt werden, um anschließend auflaufen zu können.

Oliver Neuville ist laut eigener Aussage auch erst bei 70 Prozent seines Leistungsvermögens, Roberto Colautti hatte gerade einmal anderthalb Mal mit der Mannschaft trainiert, Sharbel Touma keine Vorbereitung absolviert, sondern sich in der Sommerpause lediglich mit Heimtraining in Schweden in Bewegung gehalten.

Und Nando Rafael leidet derzeit unter einer Schaffenskrise. Soweit zum Alternativ-Quintett, das eben keines war. Luhukay entschied sich deshalb für die Fitness, gegen die Namen.

Dass sich - natürlich nicht abgesprochen - alle verblieben Offensiv- bzw. Kreativkräfte zu einem kollektiven Mini-Tief verabreden würden, konnte der angehende Fußballlehrer nicht ahnen. Soumaila Coulibaly, Marko Marin, Marcel Ndjeng und sogar Sascha Rösler kamen zumindest nicht auf spielerische Touren.

Die Quittung für die Stottervorstellung des Borussen-Motors in Halbzeit eins war ein gellendes Pfeifkonzert zur Pause. „Das verstehe ich nicht”, erklärt Luhukay. „Ich habe nie gesagt, dass wir vom ersten Spieltag an attraktiven, erfolgreichen Fußball spielen werden.”

Die Rechnung des 44-Jährigen: „Wir hatten sechs Neue im Team, dazu noch mit Christofer Heimeroth eine neue Nummer 1 im Tor und mit Marko Marin einen, der gerade von den Amateuren hoch gekommen ist.”

Acht Spieler, die - so Luhukay - nichts mit der Vergangenheit zu tun hätten. „Und dann hochzurechnen, dass die letzten sechs Heimspiele nicht gewonnen worden sind. Da verstehe ich die Pfiffe nicht. Das ist nicht fair.”

Er würde die personellen Entscheidungen im Nachhinein genauso noch einmal treffen, hatte er bereits direkt nach dem Spiel erklärt. Das aber aus Überzeugung, begründet. Er rede keine Spieler schön. Und stelle sich auch nicht vor die Mannschaft, wenn sich nicht jeder bemüht hätte - „und das haben sie.”

Deshalb werde er auch weiterhin an dem Ein-Stürmer-System festhalten. Was keinesfalls per se ein defensives oder vorsichtiges sei. „Damit ist der VfB immerhin Meister geworden.”

Jos Luhukay liebt es, über Fußball zu fachsimpeln. Und ist auch offen für Gegenargumente. „Wenn einer selbstkritisch ist, dann ich. Das war keine zu vorsichtige Auf- und Einstellung. Ich habe die fußballerisch stärksten Spieler aufgestellt. Und das werde ich immer wieder versuchen: Erst über den Fußball zu kommen.”

Zur Halbzeit schaltete er auf Brechstangen-Taktik um. Lang auf Rob Friend lautete die Devise. „Das war eigentlich schon ein 4-1-5, wir hatten bis auf Paauwe kein Mittelfeld mehr. Und dann wird davon gesprochen, ich hätte nicht genug riskiert? Das Risiko war eigentlich viel zu groß. Gute Mannschaften hätten uns gnadenlos ausgekontert. Aber bei Hoffenheim hat das Umschalten nicht mehr funktioniert.”

Die Chancen kamen, nicht aber die Tore. „Bei einem 3:0 wäre dann plötzlich alles perfekt gewesen. Oder wenn der eingewechselte Neuville seine hochkarätige Möglichkeit genutzt hätte, hätte es geheißen: Luhukay hatte ein Goldenes Händchen.”

Die zu hohe Erwartungshaltung sei eine große Gefahr. Wenn es klar wäre, vom ersten bis zum letzten Spieltag auf Platz 1 zu stehen, müsse man ja gar nicht mehr auflaufen. „Wir haben die Mannschaft zusammengestellt, sollen aufsteigen und schönen Fußball spielen: Wo ist die Unterstützung?” Seine Befürchtung: „Wir verlieren in Mainz, und dann stehst du im zweiten Heimspiel der Saison bereits durch die eigenen Fans unter Druck. So bereits nach dem ersten Heimspiel zu reagieren, verstehe ich nicht. Wie sollen sich denn die neuen Spieler entwickeln?”

Was der Trainer befürchtet, kennt er aus seinen drei Kölner Jahren beim FC: „Gute Spieler kamen - und waren nicht mehr wiederzuerkennen. Sie waren durch den Druck von außen so verunsichert, dass du dich gefragt hast: Wo ist ihre Qualität geblieben.”

Für derlei Phänomene müsste Luhukay nicht zum Nachbarn schauen: Auch das Gladbacher Publikum hat einige „Opfer”: Morten Skoubo, Michael Delura und aktuell Nando Rafael.