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Marbella: Lieber große Erwartungen als gar keine

Marbella : Lieber große Erwartungen als gar keine

Bernd Thijs erweiterte das Trainingsspielchen um eine individuelle Leibesübung: Achselzucken.

Urheber dieser Gymnastik-Einlage war aber nicht Trainer Dick Advocaat. Der Mönchengladbacher Neuzugang wunderte sich fast resignativ über die überhastete Spielweise seiner Kollegen. „Wir müssen ruhiger sein, wenn wir den Ball haben. Sonst musst du laufen, um ihn zurückzuerobern.”

Eine ökonomische Sichtweise, die so gar nicht passt zu dem Stempel, den man Rothaarigen so gerne aufdrückt: Hitzkopf, Feuermelder, HB-Männchen.

Ruhiger Kerl

„Bernd ist ein ruhiger Kerl”, widerspricht Gladbachs ehemaliger Stürmer Peter van Houdt, der aus Hasselt stammt, nur zehn Kilometer entfernt von Thijs Heimatörtchen Wellen. Die soll der Mittelfeldspieler, der von Trabzonspor nach Gladbach flüchtete, im positiven Sinne schlagen.

Christian Hochstätter hofft, in dem 26-Jährigen den seit Peter Nielsen so schmerzlich vermissten „Strategen” vor der Abwehr gefunden zu haben. Und ordnet dem Belgier ein gerüttelt Maß an Aggressivität zu. Dem widerspricht Bernd Thijs nicht gänzlich.

„Privat bin ich ganz ruhig. Auf dem Platz aber bin ich anders.” Doch eine gespaltene Persönlichkeit sieht anders aus. „Ich bin ein fairer Spieler. Lieber laufe ich den Ball ab als den Gegner umzusensen.”

Das dürfte ganz im Sinne seines holländischen Trainers sein. Nicht aus Gründen, die eine Nominierung für den Friedensnobelpreis rechtfertigen würden. „Viele Spieler lieben das Tackling. Und die Leute sehen das gern. Aber dann hast du nicht mehr den Ball.”

Und nicht die Möglichkeit zum Gegenangriff: Ein anspruchsvolles Ziel für jemanden, der seit sieben Wochen nur noch Minuten-Einsätze hatte.

Trotz fehlender Spielpraxis die für viele wichtigste Position im modernen Fußball spielen zu müssen, drückt Thijs nicht. „Lieber große Erwartungen als gar keine. Ich bin das gewohnt: aus vier Jahren in Lüttich und vier in Genk. Wir mussten oben mitspielen. Druck ist kein Problem.”

Eins aber kann den Rotschopf mächtig fuchsen: „Wenn ich Unrecht sehe, mache ich den Mund auf. Das liegt in der Familie. Mein Vater ist genauso.” Dieses Erbe war ein Teilproblem in der Türkei.

Zwei Trabzon-Spieler durften „machen, was sie wollten. Wenn wir sieben gegen sieben gespielt haben mit zwei Ballkontakten und einer der beiden hat mit fünf Ballberührungen ein Tor erzielt, hat niemand was gesagt.” Bernd Thijs wohl.

Als er dann noch durch einen Trainerwechsel seinen Stammplatz verlor und seine schwangere Frau Claudia mit Töchterchen Fraukje sich sozial isoliert fühlte, war der Abschied nah. „Istanbul oder Ankara sind Städte, wo du gut leben kannst. Trabzon ist eine andere Welt.”

Problem Ajax

Er ist ein Familienmensch und pflegt Freundschaften. Auch mit Wesley Sonck, mit dem er einst in der Meisterelf von Genk zusammenspielte. „Klar kommt er nicht meinetwegen zu Borussia. Aber ich habe vor vier Tagen noch mit ihm telefoniert. Er würde gerne kommen. Das Problem ist Ajax.”

Aber auch bei ehemaligen Kumpeln hört mal die Freundschaft auf. Peter van Houdt erinnerte sich noch gut daran, dass Bernd Thijs in der Jugend „immer gegen mich verloren hat”. „Umgekehrt wars”, widerspricht der seinem Landsmann. Die Wahrheit liegt im Fußball auch schon mal in einem Unentschieden.