Aachen/Düren/Heinsberg: Junge Schiris pfeifen auf die Platzpöbelei

Aachen/Düren/Heinsberg: Junge Schiris pfeifen auf die Platzpöbelei

„Wer den Schiedsrichter beschimpft oder beleidigt, muss mit der Verweisung vom Sportplatz rechnen.” Das Schild mit dieser Aufschrift, überall nahe den Fußballfeldern in der Region zu finden, hat einiges an Mahnkraft verloren - wenn es sie denn je besessen hat.

Pfeift der Schiri, pöbelt der Spieler - oder der Zuschauer oder der Trainer oder der Vater. Insbesondere junge Spielleiter in den unteren Ligen pfeifen auf solche Erfahrungen. Das Ergebnis: Die Unparteiischen geraten ins Abseits. Zwar stehen die Vereine in der Pflicht, Schiedsrichter zu stellen - doch oft können sie es schlichtweg nicht. Von 76 Vereinen im Kreis Heinsberg bezahlen deshalb mehr als 20 entsprechende Ordnungsgelder, im Kreis Düren sind von fast 100 Klubs rund 30 im Schiedsrichteruntersoll, im Kreis Aachen haben etwa 45 von 125 mit solch einem Defizit zu kämpfen.

„Das kann für die Vereine richtig ins Geld gehen”, sagt Heiko Wolter. Das Strafmaß reiche von 20 Euro in der Kreisliga C bis hin zu 70 Euro in der Mittelrheinliga je fehlendem Spielleiter pro Monat, sagt der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses des Kreises Heinsberg innerhalb des Fußball-Verbands Mittelrhein (FVM). Wie viele Schiris ein Verein stellen muss, um seiner Schiedsrichtermeldepflicht nachzukommen, ist klar geregelt und berechnet sich aus den am Spielbetrieb teilnehmenden Mannschaften. Nach einer Satzungsänderung im laufenden Jahr haben sich die Regeln noch einmal verschärft. Auch Dürens Vorsitzender des Kreisschiedsrichterauschusses kennt die Problematik. „Manche Vereine sind schon froh, wenn ihre Zweite überhaupt elf Mann zusammenbekommt”, sagt Bernd Jungherz. Dass sie auch Schiedsrichter stellen müssen, gerate oft in Vergessenheit. Und so verhängt auch Jungherz schweren Herzens Ordnungsgelder.

Was jedoch nichts an der Tatsache ändert: Nach „wuchs” kommt „schrumpft”. „Wenn sich die Situation nicht weiter verschlechtern, sondern sie nur stagnieren würde, wäre ich schon zufrieden”, sagt Jungherz und verweist neben dem Pöbelei-Problem auf einen weiteren „Missstand”: Mehr als Dreivier­tel aller Jungschiedsrichter spielen selbst Fußball. Wenn dann Kreispokal und verpflichtender Weiterbildungslehrgang auf denselben Tag fallen oder sie kurz nach einem Ligaspiel am selben Wochenende wieder als Unparteiischer auf dem Platz stehen sollen, „kann ich ja irgendwo verstehen, dass sie sich lieber fürs Kicken als fürs Pfeifen entscheiden”, sagt Jungherz. Zur fehlenden Zeit zwischen Schu­le und Beruf, Hobby und Privatleben gesellt sich noch ein weiterer Faktor: 10 bis 20 Euro Aufwandsentschädigung je geleitetes Jugend-Spiel sind für manchen jungen Unparteiischen Anreiz zu wenig.

Hälfte der Neulinge gibt auf

„Bei den Jungschiedsrichtern gibt es eine sehr hohe Aufhörquote im Laufe des ersten Jahres”, sagt Tim Hausen, Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses im Kreis Aachen. Fast die Hälfte aller Neulinge gibt noch in den ersten zwölf Monaten ihre Pfeife wieder zurück. Wenn sich das bundesweit hochrechnen lässt, ist die Zukunft der Schiedsrichter so düster wie ihre traditionell schwarze Kluft: Rund 80 000 Unparteiische gibt es in Deutschland, gut 14 000 von ihnen sind jünger als 18 Jahre. Von den knapp 10 000 Nachwuchsschiris, die der Deutsche Fußball-Bund jedes Jahr ausbildet, bleiben dann nicht viele. Hinzu kommt, dass die Anzahl der am Spielbetrieb teilnehmenden Mannschaften steigt - und damit oft auch die Zahl der zu stellenden Schiris. „Mit allen Schiedsrichtern, die wir derzeit ausbilden, können wir im besten Fall immer nur die Abgänge kompensieren”, mahnt Wolter und appelliert an die Klubs: „Wir sind auf die Hilfe der Vereine angewiesen. Sie sind in der Verantwortung. Da muss mehr kommen.”

Ein Notstand, der andere Landesverbände zu drastischeren Maßnahmen greifen lässt: In Rheinland-Pfalz beispielsweise reicht das Strafmaß für Vereine, die zu wenige Schiris stellen, bis hin zum Zwangsabstieg der ersten Mannschaft. Um jungen Unparteiischen indes den Einstieg zu erleichtern, bekommen sie von den Verbänden Paten zur Seite gestellt, die sowohl in der Halbzeit als auch nach dem Abpfiff analysieren, beraten, coachen.

Soweit das Fachliche Abc. Ein dickes Fell gegen Pöbeleien kann man jedoch nicht vermitteln, man muss es sich antrainieren, die Tiraden anderer zu ertragen. „Und das Problem im Jugendfußball sind da weniger die Spieler”, sagt Hausen, „es sind ihre Eltern.”

Die Schiedsrichtermeldepflicht und absolute Zahlen

Jeder Verein muss seit der Satzungsänderung von 2011 für folgende Mannschaften je einen Schiedsrichter stellen: Seniorenmannschaft, A- und B-Junioren in der Bundesliga, A- und B-Junioren in der Mittelrheinliga, B-Juniorinnen und C-Junioren in der Regionalliga West und U 14-Cup-Nachwuchs.

Im Kreis Aachen mit rund 125 Vereinen gibt es derzeit 40 Nachwuchs- und 180 Senioren-Schiedsrichter, im Kreis Düren (rund 100 Vereine) 65 Jung- und 145 Senioren-, im Kreis Heinsberg (76 Vereine) 52 Jugend- und 171 Senioren-Referees. Als Schiri wird in der Regel erst gezählt, wer mindestens 25 Spiele je Saison pfeift.


„KiFu”: Der Spielleiter Kinderfußball feiert Premiere

Zur aktuellen Saison hat der Fußballkreis Aachen im Rahmen der „FairplayLiga” den Spielleiter Kinderfußball („KiFu”) beim älteren Jahrgang der E-Junioren eingeführt. Jeder Verein war vor der Saison aufgefordert worden, für jedes E-Junioren-Team zwei Spielleiter „KiFu” zu melden.

Nach zahlreichen Anmeldungen wurden rund 30 Jungen im Alter von mindestens zwölf Jahren vom Kreisschiedsrichter- und Kreisjugendausschuss geschult.

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