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Aachen: Jörg Stiel: „Von uns ist keiner unersetzlich”

Aachen : Jörg Stiel: „Von uns ist keiner unersetzlich”

Er hat was, was den beiden besten deutschen Torhütern, Jens Lehmann und Oliver Kahn, abgeht: Mönchengladbachs Torhüter Jörg Stiel kann Fußball spielen. Damit macht der Schweizer seine Defizite in puncto Körpergröße mehr als wett.

Obendrein besitzt der Kontaktlinsenträger den Durchblick und kann auf eine exzellente Hinrunde zurückschauen. Viele Gründe, warum AZ-Redakteur Bernd Schneiders mit dem 34-Jährigen ein „Halbzeit-Fazit” zog.

Gestehen Sie: Sie hatten Unrecht.

Stiel: Ich? Wieso denn?

Sie haben zur Mitte der Hinrunde behauptet, Borussia habe sich weiterentwickelt.

Stiel: Wenn ich mal im Unrecht bin, habe ich kein Problem, das zuzugeben. Aber wir haben selten in der gleichen Formation gespielt. Ich glaube das immer noch. Aber gegen Prozesse, die nach meiner Aussage beginnen, kann ich nichts. Hätten wir durchgespielt, wären wir weiter. Aber das sind wir auch so.

Sie meinen die Punktzahl im Vergleich zur letzten Saison?

Stiel: Ich meine vor allem die Anzahl der Gegentore spricht eine andere Sprache.

Die gute Defensive geht zu Lasten einer ertragreichen Offensive?

Stiel: Nein, wir haben ungewöhnlich wenige Treffer kassiert, selbst aber normal viele erzielt. Arie van Lent hat uns gefehlt, sonst wären es mit Sicherheit mehr gewesen. Joris van Hout ist erst ein halbes Jahr da. Aber er hat eine gute Vorrunde gespielt. Doch der Zeitfaktor spielt dabei natürlich eine große Rolle.

Der Trainer aber verlangt vor allem Disziplin.

Stiel: Das hat mit mangelnder Offensive nichts zu tun. Er verlangt nur, dass wir im Block, gut organisiert stehen. Das eine schließt nicht das andere aus. Wenn wir das schaffen, und alle sind dabei, hat jede Mannschaft der Welt es schwer, uns auszuspielen. Außerdem: Wenn ich an die vielen Torchancen denke, die wir uns in der Vorrunde herausgearbeitet haben, ist der Vorwurf einer zu defensiven Spielweise sowieso Blödsinn.

Wie empfindlich ist denn ein Kollektiv?

Stiel: Wenn das auf die Geschehnisse um Markus Münch abzielt, sage ich nur: Das interessiert mich nicht. Ich werde öffentlich nichts dazu sagen, das sollte intern abgehandelt werden. Aber dass das Kollektiv gerade für uns wichtig ist, ist sonnenklar. Das war dann wohl eher eine rhetorische Frage.

Wie individualistisch darf man denn als Profi sein? Was meint dazu ein Mann auf einer Position, die auch immer wieder Typen herausbringt?

Stiel: Ich gehöre als Torwart genauso zum Kollektiv wie die Feldspieler. Wenn ich mich als Einzelsportler fühle, habe ich die falsche Sportart gewählt.

Bereitet es Ihnen Sorgen, dass Sie die dicken Brocken in der Rückrunde fast alle zu Hause haben?

Stiel: Das ist doch gut, oder? Nicht immer hat man die Gelegenheit, gegen Dortmund die Punkte zu holen. Das sind doch echte Herausforderungen. Es gibt doch nichts Schöneres, als etwa die Bayern wie vor anderthalb Jahren zu Hause zu schlagen. Das können wir jetzt mit Dortmund, Schalke und Leverkusen machen.

Spielt denn nun verstärkt die Angst mit, sich auch noch zu verletzen?

Stiel: Unser Verletzungspech ist schon sehr extrem. Das habe ich zuvor noch nicht so erlebt. Ich komme mir vor, wie im schlechten Film. Aber wir müssen uns von etwaigen Ängsten frei machen. So eine Unterbrechung wie jetzt kann hilfreich sein. Anschließend beginnt ein neues halbes Jahr, und hoffentlich auch ein anderes.

Was war denn für Sie die Überraschung der Hinrunde?

Stiel: Das war auf jeden Fall Peer Kluge. Dass er sich so einfügt, war herausragend. Er wird für uns noch ganz wichtig.

Was nehmen Sie sich übel?

Stiel: Dass ich mich verletzt habe. Ich bin einer, der sich immer damit auseinandersetzt. Das war so überflüssig wie ein Kropf und ärgert mich ungemein. Und besonders, weil ich unbedingt alle Spiele absolvieren wollte.

Warum steigt Borussia nicht ab?

Stiel: Weil wir mehr Potenzial besitzen als einige andere.

Wo liegt die Zukunft der Mannschaft?

Stiel: Sie liegt darin, dass wir uns punktuell Jahr für Jahr verstärken, wie das auch jetzt wieder gemacht wurde. Da vertraue ich voll auf das Fachwissen unseres Sport-Direktors und des Cheftrainers. Wir werden uns Schrittchen für Schrittchen nach oben arbeiten.

Und wieviel Schrittchen ist Jörg Stiel noch dabei?

Stiel: Solange es mir Spaß macht und ich gesund bleibe.

Es spielt der Stiel, bis dass er bricht. Also auch noch im neuen Stadion?

Stiel: Wenn die ein bisschen schneller buddeln . . .

Welches Gesicht wird denn dann Borussia haben? Es gibt doch etliche „Oldies” im Team.

Stiel: Keiner ist unersetzlich. Das ist ein ganz normaler Prozess, das Gesicht des Teams wird sich verändern, ich, Arie, Steffen werden nach und nach wegbrechen.

Ihre offensive Art ist gerade für eine Mannschaft, deren Abwehr nicht mit spielstarken Typen bestückt ist, wichtig.

Stiel: Eine zusätzliche Anspiel-Station ist extrem hilfreich. Aber ich bin nicht das Maß aller Dinge. Für mich ist diese Spielart die richtige. Aber deshalb ist sie nicht schlechter oder besser als andere. Man muss spielen, was man kann. Und das Spielsystem vom Torhüter abhängig zu machen, geht ja wohl gar nicht.