Leverkusen: „Ich singe die Nationalhymne auf der Tribüne”

Leverkusen: „Ich singe die Nationalhymne auf der Tribüne”

„Jeder, der Fußball liebt, hat ihn gerne gesehen”, sagt Hans Meyer. Der Trainer im Ruhestand ist einer der erklärten Fans von Bernd Schneider. Denn der 36-Jährige verkörperte in seinen Spielen für Bayer Leverkusen und die DFB-Auswahl wie kein anderer das unter Deutschen eher rar gesäte Kreativ-Moment.

Nach einem komplizierten Bandscheibenvorfall musste er seine Karriere beenden. Mit Schneider, der am Montagabend in Leverkusen sein Abschiedsspiel feiert, sprach Bernd Schneiders.

Wo werden Sie am 13. Juni den Abend verbringen? Schneider: Vor dem Fernseher. Ich werde das WM-Spiel Deutschland gegen Australien ansehen.

Sie sind dann nicht in Südafrika, als Ehrengast oder interessierter Beobachter und Fachmann? Schneider: Nein, ich werde im Juni nach Jena umziehen und dann auf jeden Fall zu Hause sein.

Warum Jena? Schneider: Ich bin sehr heimatverbunden. Meine Lebensgefährtin und ich kommen beide aus Jena. Und elf Jahre 420 Kilometer getrennt zu sein von Familie und Freunden ist genug.

Sie sollen bereits den früheren Präsidenten des FC Carl Zeiss Jena beraten haben. Greifen Sie demnächst noch mehr ein? Schneider: Das war ein Missverständnis. Ich war nie sein Berater.

Aber Sie können sich schon vorstellen, bei Ihrem ehemaligen Klub aktiv zu werden? Schneider: Vorstellen kann ich mir vieles, aber es muss für beide Seiten passen. Ich möchte dem Fußball erhalten bleiben, meine Erfahrungen weitergeben. Allerdings werde ich nicht den Grußonkel geben. Wenn, dann muss es schon eine sinnvolle Tätigkeit sein.

Was tut denn mehr weh? Sich ein Spiel von Bayer anschauen zu müssen, ohne selbst mitmachen zu können, oder von der Nationalmannschaft? Schneider: Das ist nicht so spezifisch. Man weiß, dass man im Hochleistungssport auf diesem Niveau irgendwann einmal abtreten muss. Ärgerlich ist nur, dass es wegen so einer Verletzung passieren musste. Ich hätte die WM gerne noch als Abschluss mitgenommen.

Wie tief sitzt der Stachel? Schneider: Ich habe ja schon vor meinem kurzzeitigen Comeback ein Dreiviertel-Jahr auf der Tribüne gesessen. Da setzt man sich schon mal damit auseinander. Insofern war es einfacher, auch wenn es trotzdem überraschend kam. Wäre es abrupt geschehen, wäre es sicherlich schlimmer gewesen.

Was machen Sie denn mit Ihrer Fußballlust? Schneider: Ich habe mich in der letzten Zeit bei Bayer im Nachwuchs umgesehen, Erfahrungen gesammelt, auch was die Organisation angeht. In erster Linie habe ich die C-Jugend begleitet und dabei auch die ein oder andere Trainingseinheit locker mitmachen können.

Und beim nächsten Strand-Urlaub können Sie, wie einst geschehen, als unbekannter Deutscher englische Fußballfans erneut mit Ihrer Technik schocken? Schneider: Das ist möglich, aber ich muss sehr vorsichtig sein.

Bei Ihrem Abschiedsspiel am Montagabend stehen Sie im Mittelpunkt. Sie sind vom Naturell her aber einer, der sich nicht immer nach vorne gedrängt hat, außer durch Leistungen. Wie ist Ihre Gefühlslage für dieses Event? Schneider: Ich habe viele Spiele international und in der Bundesliga erlebt. Aber das ist schon was anderes. Das hat man nur ein Mal im Leben. Und ich empfinde eine gewisse Vorfreude, Aufregung, und auch die Nervosität wird sich immer mehr einstellen. Ich bin wirklich gespannt, was mich alles erwartet.

Haben Sie denn auch Angst, vor Emotionen etwa? Schneider: Nein, überhaupt nicht. Ich werde mich nicht schämen und sicherlich auch die ein oder andere Träne verdrücken.

Wie wird man denn als Deutscher ein Fußballer, der sich die Ehrennamen „weißer Brasilianer” und „Schnix” (die Redaktion: umgangssprachlich für einen, der dribbeln, zaubern kann) verdient? Schneider: Sicherlich mit Talent, aber das reicht nicht. Das ist einem in die Wiege gelegt. Dazu muss aber ein gewisses Maß an Fleiß, Wille und Leidenschaft kommen.

Sie gelten als Straßenfußballer. Das hört sich immer so sehnsüchtig-depressiv an. Ist die heutige Zeit eher ein Nachteil für aufstrebende Fußballer? Schneider: Ich bin damals nach Hause gekommen, habe den Ranzen in die Ecke gestellt und bin raus zum Fußballspielen. Ich habe überall gekickt, wo es möglich war. Aber auch heute hast du Spieler wie Özil, Kroos, Marin, Schweinsteiger und viele mehr. Es geht auch ohne die Straße. Damals gab es keine Bolzplätze. Die hast du heute, die Qualität im Jugendfußball ist hervorragend. Die Plätze, alles Drumherum, die Nachwuchszentren, die gut ausgebildeten Jugendtrainer.

Was werden Sie denn am meisten vermissen? Schneider: Das Schönste war das Einlaufen ins Stadion. Und dann bei DFB-Spielen die Nationalhymne mitzusingen. Aber das kann ich ja auch auf der Tribüne.

Im Ernst? Singen Sie wirklich auf der Tribüne „Einigkeit und Recht und . . .”?Schneider: Ja, natürlich. Machen das die Journalisten etwa nicht?

Liegt im Abschied auch eine Chance? Schneider: Auf jeden Fall. Heute bekomme ich mit, wenn Herbstferien oder Osterferien sind. Oder auch Feiertage. Früher gab´s dann immer Spiele. Heute kann ich mit meinen Kindern zusammen sein. Als Emely 2002 geboren wurde, lief es ganz anders. Heute sehe und erlebe ich viel intensiver, wie etwa Giovanni sich entwickelt.

Profitiert Ihr Sohn bereits von der Anwesenheit des „weißen Brasilianers”, wird er „Schnix” der II.? Schneider: Das ist mit seinen 20 Monaten noch viel zu früh. Außerdem soll er sich selbst entwickeln. Natürlich spielt er bereits mit dem Ball, wie andere Kinder in seinem Alter auch. Da jetzt aber das große Talent zu prognostizieren, wäre schon sehr übertrieben.

Wer war denn Ihr bester, wer Ihr schlechtester Trainer? Schneider: Dazu sage ich grundsätzlich nichts. Es gibt für mich keine Rangliste. Ich habe von jedem etwas mitgenommen, auch von den schlechten.

Eigentlich haben Sie ja schon so etwas wie ein Abschiedsspiel gehabt. Als Sie am vorletzten Spieltag der letzten Saison in Düsseldorf beim 5:0 gegen Borussia Mönchengladbach eingewechselt wurden und eine geniale Torvorlage gaben. Schneider: Das werde ich nie vergessen. Dafür bin ich den Fans unsagbar dankbar. Es war der bewegendste Moment in meiner Karriere. Unglaublich, wie sie mich schon beim Warmlaufen gefeiert haben. Es gibt nicht viele, die so etwas erleben dürfen. Danach war ich überzeugt, mit ihrer Hilfe auch weitermachen zu können. Sie hatten mir zuvor schon so phantastisch geholfen, die Plackerei in der Reha zu bewältigen. Aber leider ist es anders gelaufen.

Abschiedsspiel mit Zé Roberto & Co.

Fußballkunst vom Feinsten verspricht das Abschiedsspiel von Bernd Schneider am Montagabend in der BayArena. Ab 20.25 Uhr tritt der Ausnahme-Fußballer mit der Bernd-Schneider-Auswahl gegen die aktuelle Bayer-Elf an. Trainiert wird das Freundes- und Kollegenteam von seinen früheren Trainern Hans Meyer (Jena) und Klaus Toppmöller (Frankfurt).

Karten sind erhältlich in den Bayer-04-Fanshops in der Leverkusener Innenstadt und an der BayArena. Telefonisch bestellbar sind Tickets unter: 01805/040404 (0,14 Euro/min, mobil max. 0,42 Euro/min) oder online über die Web-Seite von Bernd Schneider.

Mehr von Aachener Zeitung