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Köln: Glaube an den Nichtabstieg ist in Ballhalla

Köln : Glaube an den Nichtabstieg ist in Ballhalla

Das Stadion-Fernsehen ist gnadenlos: Format füllend fängt es eine Augenpartie ein, und die Gesichtszüge von Kölns Trainer Hanspeter Latour sind so markant, dass alle im RheinEnergy-Stadion wissen, wem sich gerade das Auge mit einer Träne füllt.

Nicht nur die durchaus mit einer großen Leidensbereitschaft gesegneten oder geschlagenen Fans auf den Tribünen strömen in Scharen von den Rängen, auf denen kurz nach Abpfiff nur noch Dutzende verwaiste Vereinsfahnen zu sehen sind.

Auch für den Schweizer Übungsleiter waren die 90 Minuten des Karnevals-Derbys gegen Bayer Leverkusen reine Qual, und ein Großteil der Arbeitswoche wird sicherlich in Video-Studium investiert werden.

Bilder und Spielszenen auswerten, die Körpersprache und das Zweikampfverhalten der Spieler studieren, um eines herauszufinden: Was hat sich da gerade abgespielt bei diesem saftlosen, kraftlosen, mutlosen, willenlosen Kick?

0:3 eingegangen gegen eine Leverkusener Mannschaft, die auch nicht mit Herz auftrumpft, aber deren technische Überlegenheit allein schon ausreicht, eine nicht bundesligataugliche Kölner Mannschaft in ihre Bestandteile zu zerlegen.

„Wenn ich das so kurz nach Spielende erklären könnte, dann hätte ich zuvor viele Schnitzer gemacht. Wenn man das Spiel betrachtet hat, kann man kaum glauben, was wir uns vorgenommen haben. Es wäre das Einfachste, wenn man jetzt sagt, die Mannschaft, die Spieler sind nicht gut genug.”

Zu einfach. Und so werden trotzdem schon in der Stunde, in der der Glauben an den Nichtabstieg einen Ehrenplatz in Ballhalla gefunden hat und die Hoffnung bereits künstlich beatmet wird, Erklärungsteilchen zusammengetragen.

„In einem so wichtigen Moment, ein Derby, ein volles Stadion, da brechen einige förmlich zusammen. Wir haben jetzt zwei Heimspiele hintereinander kein Tor geschossen, zwei Mal hintereinander nur mit zehn Spielern die Partie beendet. Da muss vielleicht der ein oder andere jüngere Spieler ran, der unbelastet antritt”, greift Latour schon in den Letzte-Hilfe-Koffer für die Erstklassigkeit.

Einzelne Spieler zu kreuzigen, scheint sinnlos angesichts der geschlossenen Mannschaftsleistung des FC, aber an zweien lässt sich die Malaise gut skizzieren: Alpay, das Urgestein aus Köln-Izmir, errangelt sich erst auf der Leverkusener Ersatzbank (!) gegen Auswechselspieler Roque Junior die Gelbe Karte und verdient sich im Anschluss noch den gelb-roten Karton, als er seinen Gegenspieler mit überbreiter Brust anrempelt.

Die aktuelle Nummer 34 der Torjägerliste errackert und ergrätscht sich am eigenen Strafraum unter den Augen von Bundestrainer Jürgen Klinsmann einen Ball, doch freistehend am Fünfmeterraum, am Elfmeterpunkt, von der Strafraumgrenze - da zerschießt Lukas Podolski nur das Netz; und zwar das Fangnetz hinter dem Tor.

Auf der Gegenseite fallen die Tore erneut in einem zeitlichen Abstand, dass man in nur einer Werbepause Gefahr läuft, alle entscheidenden Szenen zu verpassen.

Doch nach den Toren von Dimitar Berbatov (67.) und Andrej Voronin (70.) hat wenigstens Jecek Krzynowek ein Einsehen mit allen, die vielleicht gerade auf der Toilette waren, und erzielt für die noch Anwesenden erst in der 83. Minute den Endstand.

Der geplante Befreiungsschlag mit neuen Spielern, einem neuen Trainer muss angesichts von nur drei Punkten aus fünf Spielen als verpufft gelten.

Und wenn selbst vom Gegner die Beileidsbekundungen eintrudeln - „Ich hoffe nicht, dass wir den FC in die 2. Liga geschossen haben. Das würde mir sehr leid tun”, kondoliert etwa Andrej Voronin - klingen auch Durchhalteparolen und Trotzankündigungen von eigener Seite nur noch wie hohle Phrasen am Grab.

Objektiv geändert hat sich wenig: immer noch sechs Punkte Abstand zum 15. Tabellenplatz. Subjektiv haben die versteinerten Gesichter von Wolfgang Overath und Hanspeter Latour eine andere Sprache gesprochen.

Vielleicht hilft da nur das Heilmittel Torwart Alexander Bade: „Wir müssen irgendwie ein Schweinespiel gewinnen.”