Bremen: Gladbachs wildes Treiben an der Weser

Bremen: Gladbachs wildes Treiben an der Weser

Es gibt Arbeitstage, da hätte Lucien Favre wohl am liebsten mehr als zwei gesunde Hände. Im turbulenten Schlagabtausch beim SV Werder Bremen verging ja kaum eine Minute, in der der Trainer von Borussia Mönchengladbach nicht fuchtelnd mit einem Zettel in der rechten Hand und mit der linken Anweisungen gestikulierend an den Spielfeldrand eilte.

„Es war schön für die Zuschauer, aber für uns Trainer? Ich weiß nicht”, sagte der Schweizer Didaktiker mit aufgerissenen Augen über das wilde Treiben an der Weser, bei dem ein pedantisch arbeitender Fußballlehrer wie Favre so viel Korrekturbedarf bemerkte, dass dies seine menschlichen Kräfte überfordert hätte.

„Wir hatten so viel mehr Torchancen, deshalb hätten wir dieses Spiel gewinnen sollen”, grantelte der 54-Jährige hernach, wohl wissend, dass das spektakuläre 2:2 (0:1) aus Gladbacher Sicht auch deshalb zufriedenstellte, weil das zuletzt lahmende Offensivspiel an Sturm-und-Drang-Zeiten der 70er Jahre erinnerte.

25 Torschüsse listete die Spielstatistik für eine Fohlenelf, die gegen die früh dezimierten Bremer (Rote Karte Sebastian Boenisch wegen Notbremse, 27.) als die besser strukturierte Mannschaft auftrat. „Ein Super-Spiel”, hatte Not-Rechtsverteidiger Martin Stranzl gesehen, „nur das Ergebnis war sehr ärgerlich”, befand der von Abschlussschwäche befallene Patrick Herrmann.

So lange aber ein Irrwisch wie Marco Reus durch die Borussen-Reihen wirbelt, hat diese Mannschaft in Sachen Spielanlage viel mehr zu bieten als Europa-League-Kandidaten wie Leverkusen, Wolfsburg oder Bremen. Und das Sieben-Punkte-Polster vor dem VfB Stuttgart sollte allemal genügen, um Platz vier - und damit die Champions-League-Qualifikation - abzusichern. In dieser Verfassung ist Gladbach am Samstag im Derby gegen den 1. FC Köln und auch bei den finalen Aufgaben gegen Augsburg und Mainz der Favorit - was nicht für das Gastspiel beim Meister Dortmund (21. April) gilt.

Spekulative Debatten über die mögliche Punkteausbeute erträgt Favre noch schlechter als falsche Laufwege. „Ich will alle Spiele gewinnen und kann versprechen, dass wir um jeden Punkt kämpfen”, presste der Chefcoach hervor, der sich ärgerte, dass Abwehrchef Dante erneut patzte. Der wohl bald beim FC Bayern auf der Lohnliste stehende Brasilianer sollte sich keine Fehler mehr leisten wie vor dem 0:1 von Markus Rosenberg (18.).

„Ich war in dem Zweikampf naiv”, gestand der 28-Jährige immerhin. Weil Mike Hanke indes per Doppelschlag (52. und 66.) zu alter Treffsicherheit zurückfand, sah es erst so aus, als sollte Gladbach das erste Mal seit dem 21. März 1987 wieder im Weserstadion gewinnen können. Doch die Erben der damals mit 7:1 siegreichen Borussen um Uwe Rahn, Hans-Jörg Criens und Bernd Krauss zeigten eine defensive Anfälligkeit, die dem kopfballstarken Naldo noch das 2:2 ermöglichte (74.).

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