1. Sport
  2. Fußball
  3. Bundesliga

Mönchengladbach: Favres Borussia verliert nicht die Nerven

Mönchengladbach : Favres Borussia verliert nicht die Nerven

Allzu hoch fliegende Phantasien wurden nicht befriedigt an diesem frühen Samstagabend. So mancher hatte vor dem Anpfiff bereits ausgerechnet, wie hoch Borussia Mönchengladbach gewinnen musste gegen den VfB Stuttgart, um nach gefühlten Ewigkeiten zumindest für knapp 24 Stunden wieder einmal auf Platz 1 der Fußball-Bundesliga zu stehen.

Die Ergebnisse der 15.30-Uhr-Spiele befeuerten diese Hochrechnung. Doch schon nach rund 25 Minuten hätte jeder der 48 322 Beobachter im Borussia-Park fühlen können, dass ein Remis gegen diesen VfB schon ein gutes bis optimales Ergebnis sein würde. Schiedsrichter Manuel Gräfe pfiff dennoch nicht vorzeitig ab, und so erlebten die Zuschauer zumindest ein getuntes Remis: ein 1:1 statt eines 0:0.

Natürlich kann Lucien Favre nicht gestehen, ebenfalls so früh im Spiel diese genügsamen Gedanken gehabt zu haben. Tapfer betonte Borussias Trainer seinen ursprünglichen Siegeswillen: „Ich bereite die Mannschaft immer darauf vor zu gewinnen.” Mönchengladbach profitierte am zweiten Spieltag des Saison vor allem davon, dass der Schweizer seine Mannschaft auch darauf vorbereitet, nicht zu verlieren.

Denn der Spielverlauf hätte unter ganz anderen Vorbereitungsvoraussetzungen auch leicht, wie so häufig in der Hinrunde der letzten Spielzeit, in eine Niederlage münden können. Speziell gegen den VfB Stuttgart, dessen Trainer Bruno Labbadia genüsslich anmerkte: „Wir fahren sehr gerne hierher.” Im letzten Jahr drehten die Schwaben den Spieß noch um und gewannen nach einem 0:2-Rückstand noch 3:2. Diesmal egalisierten sie die Führung durch einen Foulelfmeter von Filip Daems (67.) zwar mit dem Treffer von National-Stürmer Cacau (71.). Doch zum Siegtreffer reichte es nicht, obwohl der Vollkost-Tisch nach der Gelb-Roten Karte für Roel Brouwers einladend gedeckt zu sein schien.

Das also war die eine Hälfte des 1:1-Glases, die gefüllte. Borussia verliert nicht mehr so schnell den Kopf und auch nicht die Ordnung wie in den Chaos-Tagen der letzten Saison. Eindeutig das Werk und das Verdienst von Lucien Favre und die Basis für eine herzanfallfreie Spielzeit 2011/2012, auch wenn der Fußball-Tüftler gebetsmühlenartig verkündet: „Es wird eine sehr, sehr schwere Saison.”

Bleibt aber noch die andere Hälfte des Glases: Nun kann man nicht unbedingt von einer Leere an Torchancen sprechen. Doch das Pro­blem, das sich bereits in den Vorbereitungsspielen zeigte, schreit nach verstärkten Lösungsansätzen. Gerade mal zu zwei Möglichkeiten reichte es für die Heimmannschaft bis zur Pause. Eine ganz früh (2.) und die andere ganz spät (43.). Beide vergab Marco Reus, sein gut gemeinter Heber war zu „abgehoben”, sein Linksschuss nicht präzise genug. Immerhin aber holte er den Strafstoß raus, als VfB-Neuzugang William Kvist den Schulterschluss mit ihm suchte. „Den muss man nicht geben”, gestand Reus freimütig.

Reus und sein „innerer Drang”

Beteiligt war Mönchengladbachs Himmelsstürmer allerdings auch an einer anderen Problematik - und zwar in beiden Halbzeiten. Reus „innerer” Drang: Vor der Pause drängte der Sturm-Sprinter zu sehr in die Mitte, wo sich die Stuttgarter Defensiv-Zentrale genüsslich und erfolgreich des 22-Jährigen annahm. In der zweiten Hälfte ließ er Hintermann Tony Jantschke auf der rechten Seite immer wieder allein.

Der VfB setzte den Bohrer auf diese Schwachstelle an: Cacau und der eingewechselte Ibrahima Traore nötigten Gladbachs Rechtsverteidiger immer wieder zu Eins-gegen-Zwei-Situationen. Gavres Eingriff sollte helfen: Raul Bobadilla raus, Reus rückte in die Zentrale und der eingewechselte Lukas Rupp auf dessen Rechtsaußen-Position. Leidtragender einer „Ruppigkeit” war allerdings ein Mannschaftskollege. Der 20-jährige Edel-Techniker brachte mit einem zu kurzen Kopfballzuspiel Brouwers in Bedrängnis, der sich nur noch mit einem Foul an Martin Harnik zu helfen wusste, um den Durchbruch des Österreichers zu stoppen.

Auch der Ausgleich zuvor war zwar verdient, aber unnötig: Erst blieb Mike Hanke mit einem unnötigen Dribbling an der Seitenlinie an Kvist hängen, verpasste dann auch noch, den Dänen zu foulen. Dessen Flanke köpfte Christian Gentner dem heranstürmenden Cacau vor die schnellen Füße.

„Ein Sieg wäre auch wohl nicht verdient gewesen”, befand nicht nur Lucien Favre, der nun vor einer doppelten Aufgabe steht: Falls Martin Stranzl nicht rechtzeitig bis zum Wolfsburg-Spiel am Freitag fit wird, muss er einen neuen Innenverteidiger finden. Noch schwieriger aber dürfte es sein, ohne zu großes Risiko das Primat der defensiven Ordnung in ein Mehr an Offensiv- und Kreativaktionen umzuwandeln.

„Es gibt noch sehr viel Arbeit”, sagt Favre. Ohne die aber wäre der Schweizer Entwickler wohl auch nicht glücklich.