Stuttgart: Ex-Alemanne Daniel Engelbrecht: „Mit der Angst muss ich leben“

Stuttgart: Ex-Alemanne Daniel Engelbrecht: „Mit der Angst muss ich leben“

Die 75. Spielminute lief, und das Bemerkenswerteste an der Pokal-Partie war bis dahin, dass nicht der Favorit, Drittligist Stuttgarter Kickers, sondern Oberligist FV Ravensburg mit 1:0 führte. Bis Horst Steffen laut „Engel“ rief. Doch nicht himmlischen Beistand erhoffte sich der Kickers-Coach, er wollte Stürmer Daniel Engelbrecht einwechseln.

483 Tage nach seinem Zusammenbruch lief der 24-Jährige wieder in einem Pflichtspiel auf und schrieb damit ein Stück Sportgeschichte. Denn Engelbrecht ist der erste deutsche Fußball-Profi, der mit einem Defibrillator in der Brust spielt.

Der große Moment: Daniel Engelbrecht wird eingewechselt. Seine Hand berührt den Defibrillator in seiner Brust. Foto: Sport/Eibner

„Als der Trainer mich rief, war das einer der schönsten Momente in meinem Leben. Endlich wieder auf dem Platz zu stehen, wieder Fußball zu spielen.“ Nachdenklich sitzt Daniel Engelbrecht in einer Stuttgarter Pizzeria und sucht nach Worten, um zu erklären, was er gefühlt hat. Sein größter Traum ging in Erfüllung — dem Wunsch, Fußball spielen zu können, hat er alles untergeordnet. Möglicherweise riskiert er dafür sein Leben. „Kürzlich sagte meine Mutter, sie muss sich auf die Situation vorbereiten, dass ich auf dem Platz tot umfallen kann. Aber dass sie meine Entscheidung akzeptiert, weil Fußball mein Leben ist. Da habe ich zum ersten Mal realisiert, was ich da tue. Aber ich kann nicht anders.“

Heute steht Engelbrecht im Drittliga-Spiel bei Rot-Weiß Erfurt im Kickers-Kader — der Kreis schließt sich: Am 20. Juli 2013 war er in Stuttgart gegen Erfurt zusammengebrochen. Im Stadion herrschten 40 Grad, ein Schwächeanfall dachten alle. Auch die Ärzte fanden keine Ursache. Drei Wochen später, am 10. August, lief Engelbrecht gegen Holstein Kiel wieder auf — doch nach 30 Minuten versagte sein Kreislauf erneut. Diesmal stellten ihn die Ärzte auf den Kopf. Die bittere Diagnose: Herzmuskelentzündung.

„Drei Monate lang durfte ich nichts tun, musste mich erholen“, erinnert sich der Spieler, der von 2009 bis 2012 für Alemannia Aachen II spielte, an Monate voller Hoffnung. Gerade 23 Jahre alt geworden, erhielt er im November 2013 die niederschmetternde Diagnose: Sein Herz war irreparabel geschädigt. „Als mir die Ärzte sagten, es gebe die Chance, mir einen Defibrillator zu implantieren, habe keine Sekunde gezögert.“ Am 18. Dezember erfolgte die OP, doch zurück blieben Herzrhythmusstörungen. In einer zweiten, vierstündigen OP sollten die betroffenen Stellen verödet werden, doch das Vorhaben misslang, weil man den Herd nicht lokalisieren konnte.

Ende Januar sollte eine dritte OP Abhilfe schaffen. Um die Störungen vor der OP bewusst auszulösen, rannte Engelbrecht im Krankenhaus vom ersten hinauf in den zehnten Stock. „Als ich hochkam, fingen meine Beine an zu zittern. Mir wurde schwindelig, ich bekam keine Luft mehr, es war ein Gefühl, als würde mein Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt“, erinnert sich der junge Fußballer an diesen Moment. „Ich war zu 100 Prozent sicher, dass ich sterben würde. Ich habe an der Wand gelehnt, mein Leben an mir vorbeiziehen sehen und mir nur gewünscht, dass ich mich von meiner Familie und meinen Freunden hätte verabschieden können.“

In dem Moment, als er zu Boden ging, löste der Defibrillator einen Schock aus, und Engelbrecht flog quer durch den Flur. Über 800 Volt schossen durch seinen Körper — und das bei vollem Bewusstsein. „Die Ärzte haben mir hinterher gesagt, wie ungewöhnlich das ist, normalerweise sind die Betroffenen bewusstlos, wenn der Defibrillator schockt. Aber sie haben auch gesagt, dass ich noch bei Bewusstsein gewesen bin, sei ein Zeichen für meinen Kampfgeist“, so Engelbrecht, der ungeheure Schmerzen ertragen musste. „Es war ein Gefühl, als stünden zwei, drei Menschen auf meiner Brust, mein ganzer Körper brannte.“ Auch die dritte, fünfstündige OP brachte nicht den gewünschten Erfolg.

Es folgten Monate voller Angst, die Nahtoderfahrung setzte Daniel Engelbrecht zu. „Ich hatte Angst, alleine auf die Straße zu gehen, ich hatte Angst, alleine zu schlafen. Meine Brüder oder Freunde waren in diesen Wochen ständig um mich herum.“ Mehrfach am Tag überfielen den jungen Fußballer Panikattacken. „Ich hatte immer wieder Angst zu sterben“, gesteht er, und beim Blick in seine blauen Augen kann man seine Qualen spüren. „Die Ärzte haben mir gesagt, die gute Nachricht sei, dass ich es schaffen könnte, die schlechte, dass meine Psyche und meine Seele daran kaputtgehen könnten.“ Sechs Wochen lang war Engelbrecht in intensiver psychologischer Betreuung, inzwischen sind die Panikattacken verschwunden, die Angst aber ist geblieben. „Mit der Angst muss ich leben.“

Es waren harte Monate für den jungen Spieler, Monate voller Ungewissheit, voller unbeantworteter Fragen. „Natürlich stellt man sich so unnütze Fragen wie ,warum ausgerechnet ich?‘ Wenn Freunde mit ihren ganz alltäglichen Sorgen kamen, habe ich mich gefragt, was sind das für Probleme gegen meine? Ich musste schließlich jeden Tag um mein Leben fürchten“, gesteht Engelbrecht, dessen Umfeld ihn aber auffing. „Ohne meine Familie und meine Freunde hätte ich das niemals geschafft. Ich bin allen sehr dankbar.“

Es blieb viel Zeit, sich über sein Leben Gedanken zu machen, und ein Wunsch wurde immer stärker. „Ich habe gesehen, wie schnell ein Leben vorbei sein kann. Und ich wollte endlich meinen Vater kennenlernen.“ Ein Wunsch, den er sich im Frühjahr erfüllen konnte. Kurz darauf stand OP Nummer vier an. Kardiologen, nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus den Niederlanden und Spanien hatten seinen Fall ausgiebig beraten. „Es waren die Besten der Besten — und sie sahen eine Chance.“ Am 20. Mai begab sich Engelbrecht in Bremen erneut unters Messer, in der achteinhalbstündigen Operation wurde eine Stelle an der Außenseite seines Herzens lokalisiert und vereist. „Als ich aufwachte und die Ärzte mir sagten, es sei alles gut verlaufen, habe ich geweint. Danach konnte ich zum ersten Mal nach einem Jahr wieder lachen“, gesteht Engelbrecht.

Seither ist es bergauf gegangen: Unglaublich, schon vier Wochen später, am 16. Juni, stand der junge Fußballer erstmals wieder auf dem Platz. Eine Minute laufen, gesteigert auf fünf. Dann Fußballtennis, das erste Krafttraining, nach einem Monat der erste Dauerlauf, nach sechs Wochen das erste Intervalltraining. Daniel Engelbrecht hat jeden Moment genossen: „Ich war wieder zurück.“ Am 5. November wurde der gebürtige Kölner 24 Jahre alt — und erhielt sein schönstes Geburtstagsgeschenk: Die Ärzte schrieben ihn gesund, er durfte ins Mannschaftstraining zurückkehren. „Ohne Einschränkungen“, wie er strahlend betont.

Nachdenklich geworden

Die 15 Monate haben Spuren hinterlassen. Ohnehin war Engelbrecht nie ein Lautredner, drängte sich allenfalls mit Leistungen in den Vordergrund. Doch nach seiner Erkrankung ist er nachdenklicher geworden. „Ich habe gelernt, meine Gesundheit zu schätzen, früher habe ich sie als Selbstverständlichkeit angesehen“, sagt Engelbrecht, „früher war jede Verletzung, wegen der ich nicht spielen konnte, eine Katastrophe. Heute weiß ich, dass es Schlimmeres gibt. Dass ein Kreuzbandriss nichts ist im Vergleich dazu, Angst um sein Leben haben zu müssen. In der letzten Zeit habe ich so viel Lebenserfahrung gesammelt wie andere in einem ganzen Leben.“

Engelbrecht hört heute mehr auf seinen Körper. „Ich bin nach wie vor ehrgeizig, achte aber auf meinen Körper. Mit Horst Steffen habe ich einen verständnisvollen Coach, er beobachtet mich ständig, bremst mich auch mal, damit ich es nicht übertreibe. Das werde ich aber auch nicht, ich lasse mir die Zeit, die ich brauche.“

Rund zehn Zentimeter ist die Narbe auf seiner Brust lang, darunter sitzt unübersehbar der Defibrillator. Auf dem Platz bedeckt Engelbrecht das Gerät mit einer Brustplatte, die es vor Schlägen schützen soll. Jeden Tag, um 23 Uhr, werden die Daten ausgelesen — ein Router neben seinem Bett übermittelt sie täglich ans Krankenhaus. Fünf bis zehn Jahre hält eine Defibrillator-Batterie, je nachdem wie oft das Gerät schocken muss. „Die Ärzte haben mir aber eine gute Prognose gegeben, sie sind zuversichtlich“, sagt Engelbrecht. „Ich habe gelernt, meinem Körper wieder zu vertrauen, und ich fühle mich nicht mehr, als wäre ich in einem fremden Körper.“

Am Samstag, nach dem Spiel in Erfurt, reist er nach Mainz, ist zu Gast im „Aktuellen Sportstudio“. Bundesweit hatte seine Rückkehr auf den Fußballplatz für Schlagzeilen gesorgt . „Ich bin stolz, dass ich der erste deutsche Fußballprofi mit einem Defibrillator in der Brust bin. Nur eine Handvoll Menschen hat daran geglaubt, dass ich zurückkomme“, genießt der Stürmer die große Aufmerksamkeit. Nach Monaten der Angst und Sorgen ist das Balsam auf seine Seele, auch wenn er sich lieber andere — sportliche — Schlagzeilen gewünscht hätte.

„Es wird nie mehr so, wie es mal war. Ich spüre, dass mein Herz anders arbeitet als früher. Ich spüre jeden Extraschlag, das ist unangenehm, und das löst automatisch Angst bei mir aus. Die Angst wird nie weggehen, aber ich habe gelernt, damit zu leben“, blickt Daniel Engelbrecht optimistisch in die Zukunft. Auf Anraten seiner Ärzte möchte er ein Buch über seine Erfahrungen schreiben. Und anderen Menschen in einer ähnlichen Situation helfen: „Ich würde jedem, der so ein Problem hat, gerne mit Rat zur Seite stehen, weil ich weiß, wie es ist, wie man leidet. Und dass man immer mit der Angst leben muss.“

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