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Mönchengladbach: Entführung zum Party-Marathon

Mönchengladbach : Entführung zum Party-Marathon

Nicht einmal Marcell Jansen fühlte sich angesprochen. „Zieht den Bayern die Lederhosen aus”, stimmte gerade Christian Ziege auf der Bühne an. Doch der aktuelle Bayern-Profi hatte sich für die Feierlichkeiten auf dem Alten Markt in Mönchengladbach gewappnet und trug sein Herz nach außen gekehrt: Aufstiegstrikot und viele warme Worte für seinen Ex-Klub.

Der folkloristische Gassenhauer des ehemaligen Bayern-Profis und heutigen Gladbacher Sportdirektors kam ebenso an wie seine ummissverständliche Aufforderung an die rund 100.000 Besucher der Riesen-Sause: „Wer nicht hüpft, ist ein Kölner!”

Borussia kommt aus dem Feiern nicht raus. Mittwochnacht der Tanz in die Erstklassigkeit, Sonntagabend und -nacht die offizielle Aufstiegsparty, gestern der Junggesellenabschied von Alexander Voigt, nach dem letzten Spiel am Sonntag in Paderborn geht´s als Höhepunkt des Party-Marathons zur Party-Meile auf Mallorca. Sascha Rösler importierte die Idee der Mannschaftstour aus Aachen und Fürth. „Olli (Neuville) wollte nach Cala Ratjada, ich zum Ballermann. Ich habe mich durchgesetzt.”

Der Feier-Kapitän ist aber nicht nur Spiritus Rector der Ausgelassenheiten, er ist auch erstes Opfer. Bei der 2:3-Niederlage am Sonntag-Nachmittag erzählte gleich sein erster Steilpassversuch auf den sportlichen Kapitän von den Exzessen der jüngsten Vergangenheit. Er misslang jämmerlich. „Ich habe lange überlegt, ob es überhaupt Sinn macht, aufzulaufen”, zeigte sich Rösler einsichtig.

Doch das ausverkaufte Stadion beim letzten Heimspiel der Saison, die zu erwartende Riesen-Atmosphäre lockte. Doch die war stark gefährdet, als sichtlich unkonzentrierte Gladbacher nach 59 Minuten mit 0:3 unter die Freiburger Räder zu kommen drohte. Das einsetzende Pfeif-Konzert machte den müden Helden Beine. Die zwei Treffer versöhnten das Publikum.

„Wir wussten, dass die Borussen ihren Fans noch mal was zeigen wollten und darunter die taktische Disziplin leiden würde”, erklärte SC-Trainer Robin Dutt. Seine Mannschaft profitierte vor allem von der Überlegenheit im Mittelfeld, die durch Röslers Unvermögen, rechtzeitig auch nach hinten umzuschalten, verstärkt wurde.

Nach 65 Minuten erlöste Jos Luhukay Gladbachs Kampfschwein. Gram aber konnte man weder ihm noch Christofer Heimeroth sein, der das 0:1 durch Karim Matmour hätte verhindern können. „Nach dem 0:3 habe ich gedacht - oh je! Aber dann hat die Mannschaft wieder Charakter gezeigt und ist zurückgekommen”, zeigte sich auch Gladbachs Coach als Papa gnädig.

Stunden später auf der Bühne lebte der kleine Niederländer seine große Leidenschaft aus - als Teamplayer. Nicht aufgesetzt sondern identisch, weil sie wirklich seinem Credo entspricht: Statt sich als Aufstiegsmacher feiern zu lassen, komplimentierte er seine Co-Trainer Markus Gelhaus und Uwe Kamps ins Rampenlicht und vergaß auch nicht den Dank an die Abteilung Gesundheit. Der Zusammenhalt in und um die Mannschaft herum ist die Zauberformel für den Erfolg. Kaum zu sagen, wer mehr Anteile besitzt: Luhukay, Ziege, Teammanager Steffen Korell ...

Und bei den Aktiven: Patrick Paauwe, Rob Friend, Oliver Neuville, Sascha Rösler, Roel Brouwers oder Marko Marin? „So etwas habe ich noch nicht erlebt”, schwärmt Rösler, der sogar noch einen Tick mehr Zusammenhalt sieht als in den erfolgreichen Zeiten auf dem Tivoli. „In unserem Raum steht eine Tischtennisplatte, und daran absolvieren wir Turniere vor und nach dem Training. Da macht jeder mit, die Trainer, die Physios. Das ist unglaublich.”

Das wird auch Alexander Voigt gestern Abend gedacht haben. Der geplante Jungesellenabschied spielte sich nicht wie der Abwehrrecke erwartete in Köln ab, fand aber dort seinen Ausgangspunkt finden. Am Flughafen. Der harte Feierkern von elf Borussen entführte den Mann, der sich (mit Annika) traut, nach Mallorca. Heute geht´s zurück. Blitz-Trainingslager für die Mannschaftstour.

Die findet ohne Voigt statt. Der Bräutigam muss passen. „Das kann ich nicht machen.” Der Termin ist mit dem Trainer abgestimmt und festgelegt worden. Schon vor Wochen. Nun weiß man, warum der Druck so groß war, den Aufstieg vorzeitig zu schaffen. „Unmenschlich”, grinste Rösler.