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Mönchengladbach: Ein Leben zwischen Frust und Freudentanz

Mönchengladbach : Ein Leben zwischen Frust und Freudentanz

Der „tiefste Tiefpunkt” ließ einst Rudi Völler auf Island explodieren. Der „Ausbruch” von Steve Gohouri drohte auch. Bis Donnerstag Abend. Dann „googelte” er im Internet - und tanzte durch die Mönchengladbacher Wohnung. „Aber nur halb”, gestand der Ivorer.

Seine Nominierung für den Africa-Cup (20.1. bis 10.2. in Ghana) ist noch nicht endgültig. Der 26er Kader wird bald auf 23 reduziert.

Dennoch geht es dem Innenverteidiger nun leicht besser. Noch am Tag zuvor war er am Boden. Körperlich - und seelisch. „Ich bin total kaputt”, stöhnte er. „Ein ganz kleiner Muskelfaserriss” setzt den Modellathleten zur Zeit matt. Deshalb erlebt er das Spiel am Sonntag gegen Paderborn nur von der Tribüne aus.

Aqua-Jogging statt Training - „Ne, das mach ich nicht mehr. Da bist du ja mehr kaputt als nach zwei Spielen.” Doch die Erinnerung daran ist fast verblasst. Am 11.11. (!) spielte er letztmalig für die Borussia in einem Pflichtspiel. Nur die letzten sechs Minuten (0:0 bei 60 München).

Fataler Disco-Besuch

Am 7. Oktober stand er in Koblenz zum letzten Mal in der Startformation. Wenige Tage danach katapultierte er sich mit einem Disco-Besuch in Köln, ausgerechnet vor dem Derby gegen die Domstädter, aus dem Kader. „Ich bin stinksauer. Ein bisschen auf alle. Am meisten aber auf mich.” Kein bisschen aber auf Filip Daems, der seitdem seine Rolle als Innenverteidiger mehr als gut ausfüllt.

„Er macht es gut. Da kannst du nichts sagen.” Jos Luhukay erfüllt dieses Lob mit noch mehr Leben. „Fast fehlerfrei, mit Auge, schnell, gut im Spielaufbau, begeht kaum ein Foul.” Der gelernte Außenverteidiger hat sich festgespielt, Gohouri fühlt sich chancenlos.

„Fußball ist manchmal knallhart. Ich weiß, Steve will spielen. So kenne ich ihn. Aber da muss Steve durch. Nur eine Verletzung - dann ist er wieder da”, umreißt der Trainer die Situation. Doch der Ivorer wähnt sich an seiner Leidensgrenze angekommen. „Ich habe fest damit gerechnet, gegen die Bayern im Pokal zu spielen. Du hoffst und hoffst und hoffst - und dann kommt die Enttäuschung. Dann wieder: Du hoffst und hoffst und hoffst - die nächste Enttäuschung.”

Es brodelt in ihm. Trotz der Vor-Nominierung. Der 26-Jährige ist außerhalb des Spielfeldes ähnlich impulsiv wie beim Fußball. „Ich habe Angebote”, sagt er leicht trotzig, und weiß doch, dass sein - gut dotierter - Vertrag noch bis 2010 geht. „Jeder hat seine Interessen”, wiegelt er ab. „Das Geld kommt für mich nicht an erster Stelle: Ich will spielen.” Aber wie? Noch mehr kämpfen, sich aufdrängen beflügelt durch die Nominierung? „Ich gebe doch schon immer 300 Prozent”, resigniert er.

Sein Manager soll möglichst bald mit Sportdirektor Christian Ziege sprechen. Doch der sieht nur wenig Gesprächsbedarf. „Steve ist ein guter Spieler und viel zu wichtig für die Mannschaft.” Gohouri aber erinnert sich an die Gespräche vor der Saison, als er nicht nur mit Geld, sondern auch mit der Würdigung, ein ganz wichtiger Pfeiler im zukünftigen Aufstiegsteam zu sein, gehalten wurde. „Ich wollte zum Africa-Cup - und dann mit Borussia aufsteigen”, gibt er seinen Masterplan wieder.

Das erste Ziel ist (fast) erreicht, obwohl er nicht mehr damit gerechnet hatte. Doch er fürchtet nun, beim nächsten Mal aus dem Kader zu purzeln. „Stielike hat mir vor meiner Vertragsverlängerung gesagt, besser Zweite Liga und spielen als Erste Liga und nicht spielen. Er spielt nicht. Und die Konkurrenz in der Nationalmannschaft ist riesig. „Steve Gohouri ist nichts!”, sagt er selbst. Es gibt bekanntere Mitspieler wie die Defensiv-Stars Kolo Tour?, Emmanuel Ebou? (beide Arsenal), Abdoulaye Meit? (Bolton Wanderers) und Guy Demel (HSV).

Fröhliche Weihnachten für den eisenharten Verteidiger? Bei einer Nicht-Nominierung würde nicht einmal Aqua-Jogging im Atlantik vor Abidjan, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates, helfen. „Ne, Wasser ist eh nicht mein Ding. Klar, ich kann schwimmen, aber ansonsten bin ich mehr Schweizer.” Skifahren ist ihm zwar zu gefährlich. Aber „Langlauf ist klasse. Das haben wir einmal drei Tage in einem Trainingslager mit den Young Boys Bern gemacht. Super!”

Ein Passwechsel also, um als Nationalspieler aktiv zu sein? Europameisterschaft statt Africa-Cup? „Ich bin zwar in Frankreich aufgewachsen, habe in der Schweiz gearbeitet. Aber ich bin an der Elfenbeinküste geboren. Das ist Heimat. Und man sollte nie vergessen, wo man herkommt.” Und auch nicht, wo man hingeht. Am Montag erst einmal nach Zürich, Weihnachten zur Familie in Paris, und dann - Ghana oder Borussia-Park. Und weiter warten, dass sich ein Konkurrent verletzt, erkrankt, gesperrt ist - oder sich beim Disco-Besuch fotografieren lässt...