Mönchengladbach: Ein Fußballspiel als Slapstick-Show

Mönchengladbach: Ein Fußballspiel als Slapstick-Show

Das Spiel stand unter Beobachtung - von 43.528 Zuschauern. Und die hätten vor dem Anpfiff des Spiel Borussia Mönchengladbach gegen Hannover 96 am ehesten darauf gewettet, dass die Partie 1:0, 0:0 oder 1:1 ausgehen würde.

Nicht aber, das sie acht Tore zu bewundern bekämen, der Gast davon sechs erzielen und die Heimelf trotzdem 5:3 gewinnen würde. Das Salz in dieser Toresuppe waren drei Eigentore von Hannover (Liga-Rekord), alle drei erzielt von einer Position außerhalb des Strafraumes, eines schöner als das andere.

Solch ein Drehbuch kann sich keine Wettmafia der Welt ausdenken und führte dazu, dass die beschenkten Gladbacher unmittelbar nach dem Schlusspfiff unfähig waren, sich extrovertiert zu freuen.

„Slapstick”, kommentierte Hannovers Hanno Balitsch die Auftritte der Kollegen Karim Haggui und Constant Djakpa. „Ihr erwartet doch keine sachliche Anlayse”, eröffnete Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl der sehnsuchtsvoll wartenden Journalisten-Schar.

„Im Fußball kann man nicht alles erklären”, kommentierte Michael Frontzeck. Der Borussen-Trainer hatte das Duell zweier gut organisierter Mannschaften erwartet und indirekt prophezeit.

Trainer-Alpträume

Das roch nach einem Kampfspiel, weniger nach einem Tor-Spektakel. Auf der Wellenlänge seines Chefs lag auch Frank Heidek. Haggui & Co. hatten Gladbachs Co-Trainer arbeitslos gemacht in Sachen Video-Analyse als Vorbereitung auf das Hinrunden-Abschlussspiel am Samstag beim Tabellenführer Leverkusen: „Die mache ich nicht.”

Wahnsinn lässt sich nicht kopieren. Doch das geschichtsträchtige Spiel lieferte noch weiteren Stoff, aus dem die Alpträume der Trainer sind.

Beide Abwehr-Reihen entzogen sich von Beginn an dem branchen-üblichen Kompaktheitsgebot. „Wir haben heute mehr Chancen zugelassen, als in den letzten fünf Spielen zusammen”, veröffentlichte Innenverteidiger Roel Brouwers seine Privat-Statistik. Mit ihrer Flexibilität und Rochaden-Lust bereiteten Didier Ya Konan und Jiri Stajner der Borussen-Defensive große Probleme.

Doch daraus wollte Brouwers kein grundsätzliches Problem ableiten. „Gomez und Olic sind genauso flexibel”, erinnerte der Niederländer an die unglückliche Niederlage bei den Bayern. Sein Trainer entdeckte - zumindest öffentlich - Abnutzungserscheinungen.

„Meine Mannschaft hat zuletzt immer am Limit gespielt. Heute nicht”, konstatierte Frontzeck. Der aber nicht immer nur über die Defensiv-Probleme reden wollte. Schließlich hatte man doch gewonnen und sich „viele Chancen herausgespielt”.

Die - gemeinsam mit den Gastgeschenken der Norddeutschen - zu einem Kantersieg gereicht hätten. 10:5 wäre durchaus ein realistisches Ergebnis gewesen. Denn auch Borussia bot Hannover noch etliche Möglichkeiten, Treffer zu erzielen, die nicht dem Gegner gutgeschrieben worden wären.

Ya Konan hatte immerhin zwei „astreine” Tore erzielt (36./69.), wenn man einmal vom Handspiel beim 2:4, mit dem er Brouwers und Tobias Levels düpierte. Für die turbulente Schlussminuten sorgte allerdings ein anderer Gladbacher. Passenderweise mit einem So-gut-wie-Eigentor: Linksverteidiger Jean-Sebastian Jaures, schon in München als einer der wenigen nicht überzeugend, führte bei einer scheinbar komfortablen 4:2-Führung den Ball entlang der Fünfmeter-Linie spazieren. Auf Höhe des zweiten Pfostens nutzte Christian Schulz die Mutter aller Todsünden und riss den Franzosen mit einer Grätsche zum 3:4 (87.) aus allen Träumen und Borussia in ein Herzflimmer-Finale.

Jaures hätte deshalb Haggui den rechten Fuß küssen müssen, mit dem dieser in der Nachspielzeit zum zweiten Mal seinen Torhüter überwand und dem Zittern der Borussen ein Ende setzte. Doch die ebenfalls nur nach vorne überzeugenden Hannoveraner waren genug - und nicht nur vom Ergebnis - geschlagen.

„Sie tun mir leid. Ich kenne einige von ihnen sehr gut. Und wenn du so verlierst”, sagte Thorben Marx. Karim Matmour analysierte etwas ungnädiger und mochte die drei Eigentore nicht nur unter der Rubrik Pech verbuchen. „So etwas kann man auch provozieren. Dann machen sie Fehler.”

Das trifft objektiv nur für den Slapstick-Auftakt von Hagui zu. Dieser Samstag, der 12. Dezember 2009 hätte wohl noch mehr Skurillitäten für die Norddeutschen parat gehabt. Da war sich nicht nur Jan Schlaudraff sicher: „Gut, dass der Schiedsrichter abgepfiffen hat. Wer weiß, was sonst noch alles passiert wäre.”

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