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Aachen/Köln: Ein Auftritt mit Folgen — nicht nur für den Spieler

Aachen/Köln : Ein Auftritt mit Folgen — nicht nur für den Spieler

Es dürfte ungemütlich werden für Hakan Calhanoglu. Der Auftritt Bayer Leverkusens beim Hamburger SV am Samstag ist auch die Rückkehr des 20-jährigen türkischen Nationalspielers an die alte Wirkungsstätte.

Seinen Namen nimmt man in der Hansestadt seit des Wechseltheaters im Sommer nicht gerne in den Mund. Von der „heißesten Rückkehr aller Zeiten“ spricht gar die Hamburger Presse. Mit seiner uminösen Krankschreibung hat sich Leverkusens Offensivtalent beim Bundesliga-Dino jedenfalls keine Freunde gemacht.

Die Rolle der Reizfigur hat Calhanoglu auch in den vergangenen Wochen nicht ablegen können — im Gegenteil: Seinen bemerkenswerten Auftritt im ZDF-Sportstudio, wo er Ex-HSV-Sportchef Oliver Kreutzer heftig beschuldigte und zudem berichtete, einst im Mannschaftshotel der türkischen Nationalmannschaft von einem Begleiter eines Mitspielers mit einer Pistole bedroht worden zu sein, quittierten die Nutzer der sozialen Netzwerke mit üblen Beleidigungen. Auch der Werksklub, der seinem Schützling in dieser Woche einen Maulkorb verpasst hatte, musste sich einiges an Kritik gefallen lassen: Hat der Verein seinen Shootingstar mit dem Auftritt im Aktuellen Sportstudio ins offene Messer laufen lassen? Der Bundesligist selbst fühlt sich vom ZDF hinters Licht gefühlt: Mit dem Sender seien die Fragen vorab abgesprochen gewesen, heißt es.

Im Interview erläutert Dr. Christian von Sikorski, Kommunikationswissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln, die Gefahr und Folgen unvorbereiteter Auftritte in der Öffentlichkeit.

Herr von Sikorski, wie ist der Auftritt von Hakan Calhanoglu aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive zu bewerten?

Von Sikorski: Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive stellt sich natürlich die Frage, welche Intention der Spieler, eventuell auch der Verein mit dem Auftritt von Herrn Calhanoglu verfolgt hat und erreichen wollte. Spieler wie Vereine nutzen ein solch öffentliches Forum in der Regel als Raum, um ihr Image zu profilieren.

Hakan Calhanoglu stand aufgrund des Wechseltheaters vom Hamburger SV zu Bayer Leverkusen schon lange in der Kritik. War es daher rückblickend ein Fehler des Spielers, überhaupt auf die Fragen zu den bekanntlich heiklen Themen einzugehen?

Von Sikorski: Grundsätzlich ist es als positiv zu beurteilen, wenn Spieler/Funktionäre zu aufkommenden Diskussionen Stellung beziehen. Doch insbesondere bei kontrovers diskutierten Themen, bei denen es — wie wir es nun in dem Interview erlebt haben — um Schuldfragen oder die mögliche Ausübung von körperlicher Gewalt durch eine andere Person geht, sollten Stellungnahmen vorab reiflich überlegt sein. In unserer hochkemplexen Mediengesellschaft können auf unüberlegte Stellungnahmen schnell heftige Reaktionen folgen, die dann kaum mehr zu kontrollieren sind.

War es vielleicht sogar ein Fehler des Vereins, einen 20-Jährigen überhaupt mit solch einem Live-Auftritt zu konfrontieren?

Von Sikorski: Das kann man so sicherlich nicht pauschal sagen. Allerdings müssen solche Auftritte gut vorbereitet sein. Wenn abzusehen ist, dass ein junger Spieler mit kontrovers diskutierten Themen in einer Live-Sendung konfrontiert wird, ist es sinnvoll, den Spieler dabei zu unterstützen. Forschungsergebnisse zeigen, dass Individuen sehr unter öffentlichen Diskussionen um ihre Person und unter Anschuldigungen um ein vermeintliches Fehlverhalten leiden können.

Kann ein 20-jähriger Fußballprofi, der ständig in der Öffentlichkeit steht, überhaupt einschätzen, welche Folgen gewisse Äußerungen in den Medien haben können?

von Sikorski: Das kommt sicherlich sehr auf den individuellen Spieler und seine Persönlichkeit an. Generell ist aber zu beobachten, dass die Grenze zwischen Informationen, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind und solchen, die privat sind, immer stärker verschwimmt. Einzelne Personen können dann nicht mehr entsprechend zwischen beiden Informationsarten unterscheiden. In Anlehnung an den berühmten Soziologen Goffman wird hier metaphorisch gerne von einer Vorder- und Hinterbühne gesprochen. Auf der Vorderbühne sollten öffentliche Informationen preisgegeben werden, auf der Hinterbühne kommuniziert man hingegen private Informationen, die nur für Eingeweihte bestimmt sind.

Das heißt, der Spieler bewegte sich während des Interviews zunehmend auf der Hinterbühne?

Von Sikorski: Man konnte zumindest den Eindruck gewinnen, dass ein beträchtlicher Teil an Informationen, die eigentlich für die Hinterbühne gedacht waren, ihren Weg auf die Vorderbühne gefunden haben. Und dies zur besten Sendezeit des ZDF.

Die Verantwortlichen von Bayer Leverkusen haben ihrem Spieler in dieser Woche einen Maulkorb verpasst. Ist dies die richtige Kommunikationsstrategie?

Von Sikorski: Es sollte von Vereinsseite alles getan werden, den Spieler vor einem ‚möglichen Drang‘ zu schützen, sich öffentlich weitergehend rechtfertigen zu wollen. Hierbei könnten ansonsten neue und unvorhersehbare kommunikative Fehler entstehen, die Herrn Canhanoglu dann wiederum öffentlich vorgeworfen werden. Dies würde die Diskussion um seine Person weiter befeuern.