Aachen: Domspringen: Wenn der Trainer in die Knie geht

Aachen: Domspringen: Wenn der Trainer in die Knie geht

Michael Kühnke hat sich erst mal ein ruhiges Plätzchen gesucht. Was auf dem Katschhof, nun ja, eigentlich unmöglich war. Kühnke aber hat es geschafft, er musste ein bisschen Zeit für sich haben.

Er wollte zumindest versuchen zu realisieren, was ihn gerade in die Knie getrieben hatte. Im wahrsten Wortsinn, denn als Björn Otto an diesem denkwürdigen Mittwochabend die magische Marke von sechs Metern erstmals in seinem Leben überquert hatte, war Kühnke aus Hochachtung für diese Leistung vor dem 34-Jährigen auf der Anlaufbahn in die Knie gegangen. Was 5000 völlig losgelöste Zuschauer am liebsten auch getan hätten. Ihr Jubel, ihr Applaus, ihre Begeisterung waren aber auch nicht ganz so schlecht...

Man hätte es ahnen können

Michael Kühnke, 39, ist Björn Ottos Trainer und genehmigte sich bei der rauschenden Siegesfeier - ein Bier. Um 7 Uhr am Donnerstag saß Kühnke nämlich wieder an seinem Schreibtisch in Köln bei einer Betriebskrankenkasse. „Aber die Kollegen haben mich in Ruhe gelassen”, berichtete der Coach, „das geht mir noch alles durch den Kopf.” Kühnke hatte eine aufwühlende Nacht hinter sich. Dieser unglaubliche Sprung ließ ihn einfach nicht los. Auch wenn er schon vor Monaten hätte ahnen können, was sein Schützling auf dem Katschhof würde leisten können.

Björn Otto ist kein Freund von Prognosen, Fragen nach zu erwartenden Höhen lehnt er als Kaffeesatzleserei ab. Doch Kühnke hat schon lange gemerkt, dass sich in Aachen was ganz besonders Hohes abspielen könnte. „Schon vor drei, vier Monaten hat Björn davon gesprochen, dass Aachen noch mal ein ganz großes Ziel sei.”

Björn Otto, getrieben vom Wunsch, endlich die Schallmauer sechs Meter zu durchbrechen, weiß, dass in Aachen die Bedingungen perfekt sein können. So wie am Mittwoch, als neben dem perfekten Anlaufsteg den Springern ein leichter Wind in den Rücken blies, dazu war es trocken. Und - natürlich - diese Atmosphäre: „Aachen”, sagt Otto, „Aachen ist was Besonderes, in diesen Hexenkessel hier reinzuspringen...” Und wie er reinsprang!

Ein Seil in sechs Metern Höhe

Spätestens nach dem Aufwärmprogramm hatte auch Kühnke geahnt, dass es ein geschichtsträchtiger Abend werden könnte. Björn Otto („nach dem Einspringen wusste ich, dass es hoch gehen kann”), hatte sich da schon an sechs Metern versucht. „Ich hab das Seil (Anm.: beim Einspringen wird nicht über eine Stange gesprungen) schon mal so hoch legen lassen”, verriet Kühnke, „Björn hat das nicht gewusst.” Was der Coach wusste: „Beim Einspringen habe ich ein Funkeln in seinen Augen gesehen, und da war mir klar: Da geht was.”

Bei 5,56 Metern erst stieg Otto ins Wettkampfgeschehen ein, neun seiner elf Konkurrenten hatten sich da schon verabschiedet. Es war kein Pokerspiel des neuen deutschen Rekordhalters, des 16. oder 18. Menschen, der die Sechs-Meter-Marke überquert hat (da schwanken die Angaben). „Ich bin diesen Sommer nie unter 5,50 Metern eingestiegen.” Ein Zeichen für das Selbstbewusstsein, das ein Springer haben muss, wird er in diesen Höhen vorstellig. Und/oder einen Lauf, bei dem vieles, wenn nicht alles klappt. Das Risiko eines schmerzhaften Absturzes ist sonst recht groß.

Zur Erklärung: Jeder Athlet hat die Möglichkeit, die Sprungständer zwischen null und 80 Zentimetern nach hinten zu verschieben, gemessen vom Einstichkasten aus. „Der Großteil der Springer bewegt sich zwischen 60 und 80 Zentimetern”, erklärt Ottos Manager Marc Osenberg. Nur wer sich absolut sicher fühlt, kann einen kürzeren Abstand wählen, denn je näher die Latte über dem Einstichkasten liegt, desto steiler muss der Springer hinauf. Misslingt der Sprung, droht eine Landung neben der Matte.

„Du musst eine große Sicherheit haben”, sagt Osenberg. Um zum Beispiel nur 45 Zentimeter Abstand zu wählen. „Entweder bist du verrückt, oder du bist dir hundertprozentig sicher.” Otto war nicht verrückt, als er die Sprungständer nur 45 Zentimeter vom Einstichkasten entfernt aufstellen ließ. „Es hat halt alles gepasst”, wird Björn Otto nach dem Sprung und den ersten Feierlichkeiten noch auf der Matte sagen.

Das zweite Mal

Es hat alles gepasst, auch die Wahl des Sprungstabs war die Richtige. „Ich hab ihn erst das zweite Mal in der Hand gehabt”, verrät der Leverkusener, „das erste Mal 2007”. Michael Kühnke erinnert sich: „Da hatte er ein ähnlich erfolgreiches Jahr”, und nur dann kann man es wagen, mit einem solch extrem harten Stab zu springen. „In London habe ich ihn nicht in der Hand gehabt”, sagt Otto, da war ihm das Risiko zu groß. In Aachen nicht, und so gelang Björn Otto ein Sprung, den Michael Kühnke schlicht als „phänomenal” beschrieb.

Am Sonntag in Stettin (Kühnke: „Ein reines Lustspringen”) wird Björn Otto seine Saison beenden. Die Diplomarbeit wartet, und zur Entspannung geht Otto natürlich mal wieder in die Luft. Wenn das Wetter es zulässt, wird er mit dem Gleitschirm fliegen. Und auf jeden Fall ein bisschen höher als 6,01 Meter. „In San Diego”, hat er mal erzählt, „da hatte ich während eines Trainingslagers meinen Gleitschirm dabei. Und da sind dann F 16- Kampfjets und Hubschrauber unter mir geflogen.”

Das gute Gefühl des Stabhochspringers beim Anlauf auf Osenbergs Steg

Nicht nur in seiner Funktion als Manager hat Marc Osenberg einen Anteil an Björn Ottos Rekordsprung, sondern auch als Steg-Bauer. 2004 wars, als der damalige Athlet Marc Osenberg den Entschluss fasste, einen Steg bauen zu lassen, einen bis heute weltweit einzigartigen.

Während die Athleten bei den normalerweise verwendeten Rahmen-Konstruktionen wegen der Querverstrebungen der meist zwei Meter langen Holzplatten ein unterschiedliches Lauf-Gefühl haben, ist bei Osenbergs Konstruktion (Hohlkammer-Profil) bei jedem Schritt der Widerstand gleich.

Somit haben die Springer auf dem 45 Meter langen Steg stets das gleiche Gefühl. Dazu kommt ein Belag, der der wohl beste und schnellste auf dem Markt ist.

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