Aachen: „Domspringen”: Björn Otto fliegt im ,Hexenkessel über 6,01 Meter

Aachen: „Domspringen”: Björn Otto fliegt im ,Hexenkessel über 6,01 Meter

Es gibt in Berlin das Theater „Hexenkessel”, in Herzogenrath und vielen anderen Städten werden Restaurants so genannt. In Euskirchen kann man sich im „Hexenkessel” ein Tattoo oder Piercing verpassen lassen, und Star-Regisseur Martin Scorsese drehte mit Robert de Niro vor fast 40 Jahren einen Gangsterfilm namens - „Hexenkessel”.

Doch den einzig wahren „Hexenkessel”, den gibts in Aachen. Zwischen Dom und Rathaus - den Katschhof.

Längst haben die Stabhochspringer dieser Welt den Platz im Herzen Aachens zu ihrem „Hexenkessel” ernannt, sie lieben diesen Platz und begeistern sich Jahr für Jahr aufs Neue. Auch wenn einigen Athleten am Mittwoch deutlich anzumerken war, dass eine sehr, sehr lange Saison zu Ende geht - auf einen war Verlass: Björn Otto, der Silbermedaillen-Gewinner der Olympischen Spiele. Als einziger Springer überquerte er die 5,71 Meter - im dritten Versuch.

Und als der 34-Jährige die 5,91 Meter, den neuen Meeting-Rekord, in Angriff nahm, da ist der Katschhof wieder ein wahrer, sie wissen schon: „Hexenkessel”. Die Bässe wummern, das rhythmische Klatschen nimmt keine Ende, auf den Tribünen sitzt niemand mehr. Der erste Versuch ist richtig, richtig gut, aber die Latte fällt.

Der zweite ist weniger gut, aber dann: Otto fliegt über die Latte, und plötzlich versteht jeder auf dem tobenden Katschhof gut, was Otto gemeint hat, als er einmal sagte: „Für mich ist das die geilste Sportart, die es überhaupt gibt. Es ist so beeindruckend und für einen, der nie gesprungen ist, wahrscheinlich auch nicht nachvollziehbar. Wenn man mit so einem Prügel losläuft, vier Meter vor der Matte abspringt, dann 5,91 Meter hoch und hinten wieder runter, das ist schon mehr als beeindruckend. Das kommt dem Fliegen schon sehr nah.”

Und dann, natürlich, die 6,01 Meter, das muss sein, die sechs Meter will Otto endlich einmal überfliegen. Und er schafft das Unglaubliche, getrieben von der Sehnsucht, endlich, endlich diese Sechs-Meter-Marke zu knacken: Im zweiten Versuch durchbricht der Mann, der im kommenden Jahr eine Pilotenausbildung beginnen will, diese Schallmauer. 5000 Menschen sind fasziniert. Das ist, wieder einmal, großer Sport auf dem Katschhof!

6,01 Meter! Weltjahresbestleistung, Deutscher Rekord, Otto ist der 18. Mann der Welt, der sechs Meter übersprungen hat. Zwölf Jahre nach dem ersten Freiluftsprung über die sechs Meter von Tim Lobinger schraubt sich Otto auf den Stabhochsprung-Olymp!

Nur einer schaute der „Otto-Show” ein kleines bisschen traurig zu: Raphael Holzdeppe, Bronzemedaillen-Gewinner bei den Olympischen Spielen, musste passen. Beim Istaf in Berlin am vergangenen Sonntag hat er sich eine Verhärtung im Oberschenkel zugezogen. Mittwochmorgen entschied der Zweibrücker mit dem Physio, dass ein Start zu riskant sei. „Die Gesundheit geht vor”, sagte der 22-Jährige, „ich wäre so gerne hier gesprungen, aber es geht leider nicht.”

Auch nach Steven Lewis aus Großbritannien hielten die Zuschauer vergeblich Ausschau: Da seine Mutter plötzlich ins Krankenhaus eingeliefert wurde, reiste der Olympia-Fünfte von London nach Hause. Doch Michael Leers fand Ersatz - Brad Walker, 31, Bestleistung 6,04 Meter, Katschhof-Sieger von 2008.

Stabhochspringer wollen immer hoch hinaus. Auch Walker, doch die lange Saison hat auch dem US-Star die Kräfte geraubt. Somit hatte sich schnell die Spreu vom Weizen getrennt, auch wenn das Publikum - natürlich - wieder einmal versucht hatte, sie alle über die Latte zu tragen. Danny Ecker, bis Mittwochabend einer von bisher nur zwei deutschen Sechs-Meter-Springern, der vor einer Woche seine Karriere beendet hat, fand als Zuschauer die passenden Worte. „Das ist eine unglaubliche Atmosphäre hier.”

Den Einlage-Wettbewerb bei den Frauen gewann Chloe Henry, 25, aus Belgien. Sie überquerte exakt vier Meter - in einem „kleinen Hexenkessel”. Denn bereits drei Stunden vor dem ersten Sprung der Männer war die eine Sitzplatz-Tribüne mit knapp 400 Stabhochsprung-Fans schon rappelvoll.

Das Domspringen in Zahlen

1. Björn Otto (Uerdingen/Dormagen) 6,01 m

2. Karsten Dilla (Leverkusen) 5,56 m

3. Malte Mohr (TV Wattenscheid) 5,56 m

4. Michael Frauen (Leverkusen) 5,41 m, Jan-Robert Jansen (Niederlande) 5,41 m, Tobias Scherbarth (Leverkusen) 5,41 m

7. Tom Konrad (Schwerin) 5,21 m, Brad Walker (USA) 5,21 m, Hendrik Gruber (Leverksuen) 5,21 m

10. Alexander Straub (Filztal) 5,21 m

11. Yoo Suk Kim (Korea) 5,21 m

12. Marvin Caspari (Leverkusen) o. gültigen Vers.

Raphael Holzdeppe (Zweibrücken) verzichtet

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