1. Sport
  2. Fußball
  3. Bundesliga

Mönchengladbach: Die Spirale des Schreckens

Mönchengladbach : Die Spirale des Schreckens

Im Sommer war die Welt am Niederrhein noch in Ordnung. Borussia Mönchengladbach schien bestens präpariert, die neue Saison - nach einer zurückliegenden fast langweilig erfolgreichen - noch besser anzugehen.

Kein Leistungsträger hatte das Weite gesucht, Sportdirektor Max Eberl und Trainer Michael Frontzeck machten sich mit nur wenigen, gezielten Einkäufen ans Feintuning der Mannschaft. Igor de Camargo, als neuer Sturm- und Mannschaftsführer, Bamba Anderson als Backup und Lehrling für die Abwehr und Mo Idrissou, um den Weggang des unzufriedenen Sturmtanks Rob Friend zu kompensieren. Schöne heile Welt, Optimismus pur - und nur sechs Monate später liegt sportlich (fast) alles in Schutt und Asche.

Nur selten sind es im Fußball böse Schicksale, die sich verschworen haben gegen einen Ahnungslosen und Unschuldigen. Aber in der Negativ-Entwicklung der Saison, die schnell zur Schreckensspirale wird, geben sich etliche Ansätze zur kritischen Beleuchtung. Jeder aber, der sich jetzt hinstellt und behauptet, er hätte all dies kommen sehen, ist ein Scharlatan.

Die ganze Bandbreite des zum größten Teil auch unverschuldeten Dilemmas zeigte sich komprimiert in Köln-Müngersdorf. Der gerade wieder genesene Roel Brouwers verhilft der Wackel-Abwehr zu lange vermisster Stabilität und muss zur Halbzeit verletzt in der Kabine bleiben. Sein „Ersatz” ist Dante, der ebenfalls sein Debüt gibt und sich bereits nach 20 Minuten erneut schwer verletzt. Ein solches Drehbuch würde von keiner Hollywood-Filmfirma angenommen, und fast wirkt es im Nachhinein als Hohn, dass das Derby grandios mit 4:0 gewonnen wird.

Eines von zwei fußballerischen Festspielen, zu denen Borussia in dieser Halbserie fähig ist. Das erste läutete den grandiosen Absturz ein. Das spektakuläre 6:3 in Leverkusen vernebelte den Spielern die Köpfe, davor konnten auch die bewusst nüchternen Einschätzungen von Eberl und Frontzeck nichts ändern. Statt einer Wende nach dem inhaltlich enttäuschenden Einstieg in die Spielzeit mit einem 1:1 gegen Nürnberg, nahm der schleichende Verfall eines Kaders seinen Lauf. Das „Leverkusener Gift” wirkte langsam, aber nachhaltig. Und auch das Kölner Gegengift vermochte nicht, den Prozess aufzuhalten. Aufopferungs- und verständnisvoll begleiteten Sportdirektor und Trainer die Fehlleistungen der Spieler.

Helfer wider Planung

Und die Crux zeigte sich in der Personalie Jan-Ingwer Callsen-Bracker. Dessen Fehler-Liste war rasend schnell länger als sein Name. Doch der Innenverteidiger war eigentlich gar nicht mehr existent, fristete nur ein fußballerisches Dasein in der Mönchengladbacher U23, weil er die vertraglich gesicherte Unterbringung 1. Klasse der unkomfortablen Unterbringung in einem unterklassigen Klub vorzog. Sollte ihn also Michael Frontzeck öffentlich geißeln dafür, dass er einen Bock nach dem anderen schoss, den Helfer wider Planung aber nicht wider Willen?

Denn Callsen-Bracker wollte, aber er konnte nicht. Und machte damit seinen Trainer sprachlos: Der biss sich lieber die Zunge ab, als das objektive Dilemma zu benennen und sich dahinter zu verstecken: mangelnde Qualität. Doch diese extrem strapazierfähige Treue, die Langmut angesichts zahlreicher ungewollter Fehler und Entgleisungen auf und neben dem Spielfeld (Arango, Bobadilla) verdichtete sich zu einem kontraproduktiven Kleister, der die Risse nur notdürftig kittete.

Der Zeitpunkt, den Schalter auch was den Tonfall und den Druck auf die Spieler angeht umzudrehen, wurde verpasst. Zu lange hielt sich das Bildnis vom guten und einsichtigen Profi, anstatt den entsprechenden Kandidaten frühzeitig kräftig in den Hintern zu treten. Beispiel etwa Mo Idrissou, dessen permanent vorlauten Worte unbestraft blieben, solange er Tore schoss. Der Anspruch ist hoch, aber hätte Gladbachs ambitionierte aber noch nicht sehr erfahrene Sportliche Leitung früher erkennen müssen, auf welch tönernen Füßen die defensive Stabilität ihrer Mannschaft steht? Dante weg - fast alles weg?

Fakt ist, dass die Mischung des Kaders offensichtlich nicht dazu geeignet ist, mit einer sich derartig zuspitzenden Krisensituation fertig zu werden. Was einer Ohrfeige gleichkommt für Sportdirektor Max Eberl, der immer wieder das Kriterium Charakter bei Scouting und Spielerverpflichtungen betont hatte. Wohl gemerkt, hier geht es nicht um moralische Qualitäten, es geht um Hochleistungssport. Sonst hätte ein Stefan Effenberg niemals ein Führungsspieler sein können.

Rückkehrer und Neulinge für Gladbachs „Rettungsplan 26”

Schlüsselspieler Dante zurück, Routinier Martin Stranzl dazu, das defensive Allround-Talent Havard Nordtveit (20) in der Hinterhand plus ein nicht handzahmer, aber berechenbarerer Strafraumspieler mit Mike Hanke statt Raul Bobadilla. Marcel Meeuwis und Jan-Ingewer Callsen-Bracker sollen gehen, für Bobadilla wird ein Abnehmer gesucht: So will Borussia den „Rettungsplan 26” angehen. 26 Punkte ist das Maß aller Dinge. Womöglich sogar nur für den Relegationsplatz.

Dabei geht es um mehr, als um den Trainerstuhl von Frontzeck. Es geht um das System Eberl, um die Strukturen, die der Sportdirektor und sein Team geschaffen haben. Und um die Zukunft des Klubs. Die „Initiative Borussia” lauert nur auf die Chance, den Verein auf links zu krempeln. Bei einem Abstieg ließen sich die Fans auf der nächsten Mitgliederversammlung nur zu leicht dazu instrumentalisieren.