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Die beinah philosophischen Rück-Sichten eines Torhüters ...

Die beinah philosophischen Rück-Sichten eines Torhüters ...

Hans Meyer nannte ihn oft in einer Mischung aus Zuneigung und Ironie „unseren Pressesprecher”. Jörg Stiel ist keiner der Stillen im Bökelberg-Land.

Doch der 35-Jährige hat sich nach seinem Last-minute-Einkauf vor drei Jahren schnell zum beliebtesten Ausflugsziel für Journalisten entwickelt. In Krisenzeiten wirken seine Worte wie ein Anti-Depressivum, in Momenten der Glückseligkeit wie ein Tranquilizer. Und so steht ihm nicht sonderlich der Sinn nach einem Helden-Epos à la „Arie und ich”. Borussias „Altertümer” als Fundament für die neue Klub-Entwicklung? „Arie und ich haben unseren Teil dazugetan. Aber auch andere.”

Mannschaftssport mit Stiel, da bleibt trotzdem Raum für beinah philosophische Gedanken. „Das was gut ist, muss man nicht immer ändern” lautet seine Erkenntnis. „Und dazu gehört auch Max Eberl. Für ihn ist es in den letzten Monaten sehr unglücklich gelaufen”, erweitert der Torhüter die Führungsriege.

Eberl ist seinem Defensiv-Spezialistentum zum Opfer gefallen, nachdem Ex-Stürmer Bernd Korzynietz erfolgreich zum rechten Verteidiger umgeschult worden ist. Der Münchner erträgt seine Bank-Rolle ohne jeden Ansatz eines Wehklagens und ist dennoch für die mentale Hygiene der Mannschaft enorm wichtig.

Da sind sie wieder: Hans Meyers „Charakter-Spieler”, zu denen auch Rekonvaleszent Steffen Korell gehört. Doch Jörg Stiel lässt sich nicht auf die Position eines Sprechers der grauen Panther reduzieren. „Zum Aufschwung gehören sicherlich auch Jeff Strasser, Sladan Asanin, der sich toll entwickelt hat, und Ivo Ulich, der unauffällig spielt, aber ungemein wichtig für die Mannschaft ist.”

Die Zweifel an seinen eigenen Fähigkeiten hat Stiel erst in den letzten Wochen erstickt. Mit den Paraden so genannter „Unhaltbarer”. „Ich kann mit diesem Begriff nichts anfangen. Aber oft sind es die berühmten zwei Zentimeter: Das sind einerseits Welten, ist andererseits aber auf dem Platz so wenig. Ich habe mir vorher keine Gedanken drüber gemacht - und jetzt auch nicht. Einigen wir uns darauf, dass ich in letzter Zeit mehr angeschossen wurde.”

Der Mann, der erst wieder durch das offensive System von Holger Fach seine Wertigkeit als Extra-Libero ausspielen kann, war unter Lienen beinah schon waidwund geschossen. „Es war nicht so offensichtlich, aber nach nach etlichen Bemerkungen war für mich klar, dass Reitmayer nach dem Hannover-Spiel eigentlich die Nr. 1 bleiben sollte.”

Die Entlassung von Lienen kam dazwischen, unter Holger Fach stellte sich die Lust am Fußballspielen und der Erfolg wieder ein. „Seitdem haben wir uns kontinuierlich verbessert. Wir haben wieder Spaß und können auch miteinander kritisch umgehen. Dafür ist Holger Fach verantwortlich”, erklärt Stiel.

Als Kapitän hielt er es für seine Pflicht, damals mit Sportdirektor Christian Hochstätter auch über Lienen zu sprechen. Heute will er das nicht mehr, „das ist mir zu mühsam”. Der Blick ist nach vorn gerichtet, durchaus aber mit philosophischen Rück-Sichten: „Damit etwas gut ist, muss es vorher vielleicht schlecht sein.”

Seine Prognose fürs neue Jahr: „Wir werden unseren Weg gehen.” Ob der in Mönchengladbach für ihn im Sommer endet, liegt einerseits an Borussia: Bis Ende April kann der Klub (wie auch ein Jahr später) eine einjährige Option ziehen. Andererseits steckt der Schweizer auch für den Fall der Vertragsverlängerung seine „Grenzen ab: Ich bin keiner, der sich auf die Bank setzt. Ich kann das nicht.”