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Leverkusen: Der Vize-Meister als „Pflegefall”: Bayer Leverkusen

Leverkusen : Der Vize-Meister als „Pflegefall”: Bayer Leverkusen

Es ist immer das selbe perverse Ritual: Vor jeder Halbsaison stellt der Salzburger Buchmacher „Intertops” die Frage: „Welcher Erstliga-Trainer fliegt 2003 als erstes?”

„Favorit” ist diesmal Leverkusens Coach Klaus Toppmöller. Das überrascht schon, denn erst vor wenigen Tagen ist der 50-jährige weltweit zum drittbesten Trainer des abgelaufenen Jahres ausgerufen worden. Vize-Meister, Vize-Pokalsieger, Vize-Champions-League-Sieger.

Doch weil nirgendwo die Lorbeeren so schnell wie in der Fußball-Sparte verwelken, wackelt selbst der Stuhl des profilierten Trainers. „Wenn ich die ersten vier Spiele in der Rückrunde nicht gewinne, werde ich entlassen”, hat Toppmöller in diesen Tagen selbst in einem Interview gesagt.

Und sich damit den Zorn von Bayers Sportbeauftragten Meinolf Sprink zugezogen. „Damit hat sich der Trainer doch selbst das Damoklesschwert über den Kopf gehängt.”

Sechs Tage vor dem neuerlichen Start gegen Energie Cottbus glimmt die Glut beim Tabellen-14. Es zwickt und zwackt noch in allen Mannschaftsteilen. Torwart Jörg Butt patzte gegen Aachen wie auch schon einige Male in der Hinrunde.

Immerhin 80 Minuten lang dauerte die Deutschland-Premiere von Jens Nowotny nach seinem Kreuzbandriss. Dem Kapitän fehlt noch deutlich die Spitzigkeit.

„Ob er gegen Cottbus spielt, entscheide ich nach Rücksprache mit der medizinischen Abteilung”, sagt Toppmöller. Kollege Lucio wird noch mindestens acht Wochen fehlen, teilt Manager Reiner Calmund mit.

Die gute Nachricht: Der brasilianische Weltmeister steht vor einer Verlängerung seines ohnehin bis 2005 laufenden Vertrages.

In der Winterpause hat Toppmöller das System von 4-3-3 auf 4-4-2 umgestellt. „In unserer Situation muss man etwas ändern.” Welche Situation? „Wir stecken bis auf weiteres im Abstiegskampf.” Noch vor wenigen (Spiel-)Tagen wollte der Trainer das Feld bis zu den UEFA-Cup-Rängen von hinten aufräumen.

Davon ist der Verein derzeit so weit entfernt wie Jan Simak von einem Stammplatz. Als „Pflegefall, mit dem niemand mehr spielen will”, hatte Toppmöller den 6,5 Millionen Euro teuren Zugang von Hannover 96 in der Winterpause bezeichnet. Selten ist Kapital unterm Bayer-Kreuz so schnell vernichtet worden.

„Dieser Begriff musste nicht sein”, hat Sprink seinen Angestellten öffentlich kritisiert, „das hat mich sehr erschrocken. Damit hat er einen Menschen entmündigt.”

Die Schelte ist angekommen. Am Samstagmorgen fehlte Simak unentschuldigt beim Training, weil er davon ausging, dass die Partie gegen Aachen am Nachmittag stattfinden sollte.

Milde wie ein Franziskaner-Mönch „urteilte” sein Trainer und verhängte gestern nur eine Geldstrafe von 20 000 Euro, die Simak der Kinderkrebshilfe spendete. „Junge Spieler machen Fehler, die habe ich auch früher gemacht.” Dem Spieler Toppmöller wurde manche Eskapade damals verziehen, das Eis für den Trainer Toppmöller in Leverkusen ist dagegen etwas dünner geworden.