Mönchengladbach: Der harte Zweikämpfer und die Kreativität

Mönchengladbach: Der harte Zweikämpfer und die Kreativität

Martin Stranzl wird im Juni gerade einmal 32 Jahre alt. Das muss man vorausschicken, sonst könnte schnell der Gedanke aufkommen, der Österreicher käme aus einer längst vergangenen Zeit.

Aus dem Jahrhundert, als junge Fußballer noch selbst Schuhe geputzt und Trikots gewaschen haben, kochen mussten und wussten, wie man eine Versicherung abschließt.

So gut und „definitiv wichtig” es Stranzl auch findet, dass den Talenten heutzutage vieles abgenommen wird, dass es Internate mit Rundumversorgung gibt: Die somit zwangsläufig fehlende Selbstständigkeit führt für den Verteidiger von Borussia Mönchengladbach auch zum Verlust der Kreativität auf dem Platz. „Das letzte bisschen fehlt dann schon einmal, bei allem Talent”, hat der Modellathlet festgestellt, der bei seinem ersten Profi-Engagement bei 1860 München vor 15 Jahren noch vieles selbst erledigen musste, erledigen durfte.

Mut zum Risiko

Nun ist es nicht so, dass Stranzl dieses Phänomen im besonderen Maße bei seinem jetzigen Arbeitgeber kennengelernt hat, es ist mehr die allgemeine Betrachtung eines erfahrenen Mannes, der mehr ist als ein Profifußballer. Teamplayer sowieso, aber auch wohlgesonnener Ratgeber. Stranzl nimmt sich beim Training schon einmal die Talente zur Seite, macht ihnen Mut: „Das ist für sie doch eine einmalige Chance, sich zu zeigen, da müssen sie auch was riskieren.”

Hat er nicht selbst einiges riskiert, als er in der Winterpause der zunächst so vermaledeiten Saison 2010/11 von Spartak Moskau zur Borussia wechselte? Für den Österreicher war klar, dass die neuen Kollegen besser waren, als es mickrige zehn Punkte nach 17 Spielen auswiesen. „Allenfalls haben ein paar Kleinigkeiten gefehlt. Die haben schon vorher guten Fußball gespielt”, wusste der Abwehrspieler, der ein paar Spiele live gesehen und intensiv Videos studiert hatte.

Die Mission Klassenerhalt gelang, die Mission Europapokal . . ., nein, davon spricht Stranzl nicht. „Wir wissen, wie schnell es gehen kann”, verweist auch er auf das Borussen-Credo des Maßhaltens, stellt aber vor dem heutigen Spiel klar: „Natürlich wollen wir in Leverkusen gewinnen und oben bleiben”. Auch Mönchengladbacher Fußballer rechnen und wissen, dass im Erfolgsfall satte elf Punkte zwischen der Borussia und der Werkself liegen würden. Aber, und der Einwand muss gestattet sein: „Aber auch dann ist noch nichts entschieden.”

Dass in den letzten drei Spielen in manchen Phasen die Borussen nicht recht ins Spiel gekommen sind, hat Stranzl natürlich auch registriert, war als ballführender Spieler gerade gegen Freiburg oft vergeblich auf der Suche nach einer Lösung. „Das ist wieder eine Aufgabe für uns, wir sind dabei, das zu verbessern.”

So, wie sie seit Lucien Favres Amtsantritt als Trainer die Defensivarbeit der gesamten Mannschaft verbessert haben. So brillant, dass ein Treffer für den Gegner etwas Besonderes ist. „So extrem war es noch nie”, kann sich Stranzl an keine Station erinnern, in der eine Defensive so kompakt gestanden hat.

„Das ist natürlich absolut gut für das Selbstbewusstsein”, sagt der zuverlässige Innenverteidiger. Es berge aber auch die Gefahr, dass der eine oder andere denken könne, „die da hinten räumen schon alles weg”. Ein Fall für den Trainer, dessen Akribie Stranzl begeistert. Aber nicht nur die: „Lucien Favre will das Maximum aus jedem Spieler holen, bietet immer Lösungen an.” Und nicht zu vergessen: „Die menschliche Komponente passt, und er hat auch die gewisse Lockerheit.”

Der 1,90 Meter große, knallharte Zweikämpfer findet es „faszinierend, das alles beobachten zu können”, und deshalb ist seine eigentlich klare Ansage vom Karriere-Ende 2013 nicht mehr ganz so fest zementiert. „Man soll nie nie sagen . . .”

Brouwers kann spielen, eine Chance für Ring?

Also sagt Robin Dutt: „Die, die noch da sind, müssen jetzt ins Feuer.” Der Trainer von Bayer Leverkusen will nicht jammern, aber mit Lars Bender, Sidney Sam, Vedran Corluka und Tranquillo Barnetta fehlen Bayer Leverkusen heute vier potenzielle Stammspieler, dazu Michael Ballack. Und auch der Einsatz von Simon Rolfes und Stefan Reinartz ist nach der „Schlacht von Wolfsburg” noch nicht sicher.

Aber, und das hören sie in Mönchengladbach ganz gerne vor dem Anpfiff um 15.30 Uhr in der Bay-Arena: „Wir müssen unserem Stil treu bleiben und eben noch enger verteidigen.” Dutt will sich nicht so sehr auf die Borussia einstellen, die Roel Brouwers nach dessen Magen-Darm-Grippe einsetzen kann. So dürfte Martin Stranzl den gesperrten Tony Jantschke ersetzen. Und vielleicht bekommt Alexander Ring für den verletzten Patrick Herrmann eine Chance in der Startelf. (fö)

Voraussichtliche Aufstellung: ter Stegen - Stranzl, Brouwers, Dante, Daems - Nordtveit, Neustädter - Ring (Wendt), Arango - Reus, Hanke