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Aachen: Das Schicksal hat eine Dauerkarte

Aachen : Das Schicksal hat eine Dauerkarte

Es waren jene magischen Momente direkt nach dem Abpfiff, die für immer im Gedächtnis eingebrannt bleiben, Szenen, die ohne Worte zeigen, dass Fußball weit mehr ist als bloß ein Spiel: Ein ganzes Stadion singt ein trotzig-trauriges „You´ll never walk alone”, Co-Trainer Erik Meijer hält den weinenden Sascha Rösler in den Armen, Reiner Plaßhenrich humpelt an Krücken seinen trauernden Kollegen hinterher und versucht Trost zu spenden.

Es sind diese Szenen, in denen man das Herz eines Vereins schlagen hören kann; Szenen, die am Samstag am Tivoli trotzdem niemand erleben wollte. Dabei hatte der große Drehbuchschreiber auf keine Zutat verzichtet, um dem Spiel gegen Wolfsburg das Zeug zur Legende mitzugeben, und hatte als Zugabe das eigentliche Drama auf nur 20 Minuten komprimiert.

65. Minute: Zum ersten Mal in der gesamten Saison wurde der Alemannia ein Elfmeter geschenkt statt verweigert. Matthias Lehmann schnappte sich sofort den Ball und setzte ihn trotz der Zentnerlast auf den Schultern unhaltbar in die Maschen. Der Funken hatte gezündet, das ganze Stadion glaubte wieder, dass der Klassenkampf noch ein glückliches Ende finden kann. 68. Minute: Szilard Nemeth war nach seinem sechsmonatigen Ausfall fünf Minuten zuvor aufs Feld gekommen und machte seinen ersten Saisontreffer - wie im Verlauf der Woche von Trainer Michael Frontzeck prophezeit.

Das Hoffnungsfünkchen war zu einer lodernden Flamme geworden. Auch, weil Moses Sichone, der keinen neuen Vertrag erhält, die Kapitänsbinde mit Stolz trug, mit gebrochener Nase ackerte und rackerte und für den geschlagenen Torwart einen Schuss von Isaac Boakye von der Linie kratzte. Und wie sollte ein solches Spiel noch verloren gehen, wenn Alemannias dritter Torwart Marcus Hesse in seiner ersten Bundesliga-Partie, Kristian Nicht hatte Magen-Darm-Probleme, auf der Linie hielt wie ein Berserker.

Es kann gehen, wenn für Sichone und Hesse die Rolle der tragischen Helden vorgesehen ist, wenn das Schicksal eine Dauerkarte hat in dieser Saison. Denn nach dem Anschlusstreffer des ebenfalls erst fünf Minuten zuvor eingewechselten Christopher Lamprecht (81.), starb jede Zuversicht nur vier Minuten später.

85. Minute: Sichone klärte nicht energisch gegen Diego Klimowicz, und Hesse machte für den Argentinier, seit vier Spielen ohne Tor, die kurze Ecke auf. Die falsche Entscheidung. Alles in der Hand gehalten, alles wieder hergeschenkt. „Ich bin während des Spiels vier, fünf Mal auf Klimowicz getroffen, habe alles gehalten, doch am Ende geht er als Sieger vom Platz”, haderte der 23-Jährige mit sich und der Welt.

Doch die Klasse war sicherlich nicht in diesem einen Spiel, in dieser einen Szene verloren gegangen: „Die Saison ist sehr unterschiedlich verlaufen. Die Mannschaft war zeitweise sehr, sehr geschlossen, ist manchmal aber auch diffus geworden”, zog Sportdirektor Jörg Schmadtke nur ein kleines Saisonfazit. „Analysen sollte man ohne Emotionen machen, den Kopf zuschalten und die Dinge nüchtern bewerten”, weigerte er sich, kurz nach Spielschluss schon Pflöcke einzuschlagen. „Gegen Wolfsburg, das war ein Spiel wie die gesamte Saison, viel Hoffnung, viele Gefühle, Höhen und Tiefen eng zusammen, wie es nur im Fußball möglich ist.”

„Die Reaktion des Publikums war toll, das war erstklassig, aufbauend”, lobte Trainer Michael Frontzeck nicht nur sein Team, sondern auch die Leistung des 12. Manns auf dem Platz. „Wer am Samstag hier war, der weiß, was das Besondere ist an diesem Verein. Wer nicht da war, soll es sich in der nächsten Saison anschauen”, beendete Cristian Fiel vorerst das Kapitel Erste Bundesliga.