Aachen: Das gefährliche Spiel mit dem inneren Feuer

Aachen: Das gefährliche Spiel mit dem inneren Feuer

Frank Schaefer, so sagte er das vor zehn Monaten, wollte den Weg frei machen und die Mission Klassenerhalt nicht gefährden. Deshalb hatte er im vergangenen April, nach nur einem halben Jahr im Amt als Chefcoach des 1. FC Köln, gleich wieder das Handtuch geworfen, als sich seine Mannschaft in der Fußball-Bundesliga bedrohlich der Gefahrenzone näherte.

Das war die offizielle Version. Man hätte genauso gut sagen können: Frank Schaefer, ein gläubiger Mann mit Prinzipien, hatte die Nase voll von der andauernden offenen und versteckten Kritik des Kölner Sportdirektors Volker Finke. Er hatte genug von den Indiskretionen seiner Mannschaft. Das alles wollte er sich nicht mehr antun. Und auch wenn er es nicht so direkt sagte: Schaefers Psyche hatte gelitten.

Jetzt kümmert er sich um die Spieler, die der FC an andere Klubs verliehen hat. Beim achten Trainerseminar, das der Fußballverband Mittelrhein mit der Robert-Enke-Stiftung im Aachener Universitätsklinikum veranstaltete, wirkt Schaefer aufgeräumt und zufrieden. Er möchte eine Botschaft vermitteln: „Der Trainer muss ein Gefühl für die Probleme seiner Spieler entwickeln, diese frühzeitig erkennen und lösen.” Und Probleme gebe es nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf psychischer Ebene. Das „Gefühl”, von dem Schaefer spricht, erhalte ein Trainer, indem er den ständigen Dialog mit der medizinischen Abteilung eines Vereins suche. „Die Mediziner holen wichtige Punkte. Auch bei den Amateuren”, sagt Schaefer.

Möglicherweise holen die Ärzte deswegen noch viel mehr: „Psychische Erkrankungen sind bei Sportlern die häufigste Diagnose”, sagt Professor Frank Schneider, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Depressionen seien ein Problem, das zunehmend auch im Amateursport eine Rolle spiele.

Es gebe nicht nur die Robert Enkes, Ralf Rangnicks und Markus Millers, die der Krankheit ein prominentes Gesicht gaben, „aber gerade in unteren Ligen traut sich kaum einer, der sich ausgebrannt fühlt, jemandem seine Probleme zu schildern”, sagt Schneider, der selbst im Kuratorium der Robert-Enke-Stiftung sitzt, die sich nach dem Freitod des ehemaligen Nationaltorwarts der Aufklärung der Krankheit Depression und Kinderherzkrankheiten widmet.

Überhaupt, die prominenten Fälle: „Schauen Sie”, sagt Schneider bestimmt, „bei Rangnick wurde es seitens seines Arztes allen Ernstes so dargestellt, als sei sein Burnout keine Depression. Denn eine Depression sei ja unheilbar. Das ist einfach falsch.” Schneider rät Sportlern, in welchen Ligen auch immer unterwegs, offen mit Problemen umzugehen und den Trainer frühzeitig zu kontaktieren. Der Kölner Schaefer sagt das gleiche. Und doch: „Die meisten lassen sich nicht behandeln”, sagt der DGPPN-Präsident, „und die, die es tun, gehen aus Scham unter falschem Namen zum Arzt, weil sie keine Schwäche zeigen wollen.”

Auch sei es nicht gut, die wenigen prominenten Fälle, zu denen auch der ehemalige Vierschanzen-Sieger Sven Hannawald gehört, als Maßstab zu nehmen. Karl-Walter Zilkens, Leiter der Physiotherapie und Standard Care im Aachener Uniklinikum, sagt: „Enke, Rangnick und wie sie alle heißen sind nur die Spitze des Eisbergs. Das, was wir medial zu sehen bekommen - aber längst nicht das Abbild der Realität.” Bei professionell geführten Vereinen gebe es ein großes Betreuerteam, mehrere Physiotherapeuten und Ärzte, die sich um Leib und Seele der Spieler kümmern würden. „Im Amateurbereich muss der Trainer das alles meistens allein regeln”, sagt Frank Schaefer. Regeln heißt im konkreten Fall: die Spieler mental stärken. „Gerade um diejenigen, die verletzt sind und länger ausfallen, muss man sich kümmern.” Wer zu schnell nach einer Verletzung auf den Platz zurückkehren wolle, der riskiere nicht nur eine neue, schlimmere Verletzung, sondern auch einen „psychischen Knacks, von dem sich der Spieler dann möglicherweise gar nicht mehr erholt”. Es sei ein gefährliches Spiel mit dem inneren Feuer, mit der eigenen Gesundheit, warnt Frank Schaefer.

Der gebürtige Kölner, der von der U 8 bis zu den Profis fast alles trainiert hat, möchte nicht nur als ehemaliger Coach von Lukas Podolski und Co. wahrgenommen werden: „Die meisten Erfahrungen habe ich im Jugendbereich und als Trainer der Zweiten Mannschaft gesammelt. Mit Leuten, die Fußball noch nicht professionell betrieben.” Er redet von Schnittstellen im Verein, davon, dass sich ein Trainer nicht nur mit seinen Spielern, sondern vor allem mit der eigenen medizinischen Abteilung eng abstimmen müsse. „Ich weiß, dass in unteren Ligen, bei kleinen Vereinen, nicht überall gute Voraussetzungen gegeben, nicht überall Ärzte und mehrere Physiotherapeuten vorhanden sind”, sagt er. „Aber mit Kreativität können vorhandene Potenziale besser genutzt werden.” Potenzial heißt: Co-Trainer und Physios sensibilisieren.

Bedeutung des Alltags

Professor Hans-Christoph Pape, der als Direktor der Unfallchirurgie während seiner Laufbahn verschiedenste Verletzungsursachen mitbekommen hat, misst dem Alltag der Sportler eine immense Bedeutung zu: „Im Breitensport sind Verletzungen auch davon abhängig, wie viel Stress derjenige durch den Beruf und das Privatleben hat. Daraus kann sich je nach Charakter auch eine gefährliche psychische Situation ergeben.”

Frank Schneider hofft, dass psychische Erkrankungen im Sport gesellschaftlich akzeptiert werden. Ob und wann das der Fall sein könnte, darauf will er sich aber nicht festlegen: „Das ist noch ein langer, langer Weg . . .”

Symptome zunächst 14 Tage lang beobachten

Erste Anzeichen von Burnout im Amateursportbereich seien laut Professor Frank Schneider ähnlich wie im Lebensalltag konstant mangelnde Motivation, Schuldgefühle und Persönlichkeitsstörungen.

Sollten diese Symptome frühzeitig erkannt werden, helfe es, zunächst zwei Wochen abzuwarten. „Erst dann kann man die Diagnose stellen, ob es sich wirklich um eine Krankheit handelt”, so Schneider. Gerade verletzte Spieler seien stärker gefährdet als fitte Teamkollegen.

Dem Trainer komme dabei eine entscheidende Aufgabe zu: „Bei ihm läuft alles zusammen. Er muss Verständnis aufbringen und den Spieler, so gut es eben geht, schützen.”