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Mönchengladbach: Borussias Glück kommt aus 35 Metern geflogen

Mönchengladbach : Borussias Glück kommt aus 35 Metern geflogen

Wir schreiben das Jahr 2013. Ein einsamer See irgendwo in Finnland. Auf einem Steg sitzt Joonas Kolkka, hält die Angel ins Wasser und lässt verträumt seinen Blick über die glitzernde Oberfläche, die Gedanken über seine Fußballer-Karriere schweifen. „Jetzt könnte es mir wieder passieren.” Zu spät.

Der ehemalige Profi von Borussia Mönchengladbach ist 39, im Urlaub und von der Szene am 29. November 2003 um 15.35 auf dem Bökelberg kann Trainer Kolkka allenfalls seinen Spielern von Reipas Lahti erzählen.

Aus dem Poesiealbum eines Berufsfußballers: Schulbuchmäßiger Rückpass von Joris van Hout, Kolkka ballert umbedrängt den Ball aus sieben Metern neben den Pfosten.

„Solch eine Chance vergibt man nur einmal in zehn Jahren”, glaubt Holger Fach an die Einmaligkeit dieser Verfehlung anno 2003. Für seinen „Schüler” Kolkka im Nachhinein eine nette Episode, fürs Unternehmen Heimsieg über Kaiserslautern ein psychologischer Ballast.

„Das war ein Schock, und dann kommen im Abstiegskampf natürlich die Ängste hoch”, analysierte der Fußballlehrer eine chaotische erste Halbzeit, die auf wundersame Weise dennoch in einen 2:1-Sieg mündete.

Haschmich-Spielchen

„Schocker” Kolkka sieht das etwas anders. „Das war nur eine Situation”, sagt der Finne, „ich habe den Ball einfach falsch getroffen.” Besonders treffend war seine Sicht der anschließenden Malaise: „Wir sind immer einen Meter hinter den Gegnern hergelaufen.”

Da es aber um Profi-Fußball und nicht um ein lustiges Haschmich-Spielchen ging, ergaben sich wenig erheiternde Folgen. Chancen zu Hauf für die Gäste, die - so Ex-Lauterer Jeff Strasser - „aber auch „ein tolles Pressing zeigten”. Die Führung durch Lincoln war nur ein schwacher Ausdruck der Pfälzer Überlegenheit.

Hiobs Glücksschuss

Nun weiß der Fußball-Kenner, dass Kleinigkeiten schon notorisch ein Spiel entscheiden können. Und die haben schon mal einen langen Weg: 35 Meter zum Beispiel. Diese Distanz überwand Bradley Carnell kurz nach der Pause, als Tim Wiese völlig unnötig weit aus seinem Kasten lief und dem Südafrikaner den Ball vor die Füße boxte. Dessen Lob begleitete der FC-Keeper nur mit Blicken, um sich später ohne rot zu werden zu rechtfertigen: „Ich dachte, er geht an die Latte.”

Für Borussias Hiob - Muskelfaserrisse, Nierensteine, Blutvergiftung - ein besonderer Moment, der wohl auch nur einmal in zehn Jahren vorkommt. „Ich habe davon geträumt, irgendwann dem Verein etwas zurückzugeben. Das ist ein schönes Gefühl, wenn man vier, fünf Monate nichts zeigen konnte”, strahlte der Neuzugang, der sich bei seinem ersten Einsatz von Anfang an wie die meisten seiner Kollegen Holger Fach bis zur Pause als Auswechsel-Objekt anbot. „Das ist für mich kein Happyend, sondern der Anfang. Das Tor ist für mich nicht so wichtig, was ich brauche ist Konstanz.”

Auch im Spiel war sein Zaubertor der Anfang: Erst jetzt erinnerten die Fach-Leute an ihre Wolfsburger Groß-Tat (3:1-Sieg), aber nicht ohne ab und an die Un-Leistung aus der ersten Hälfte zu zitieren. „Kompliment, dass sie zurückgekommen sind”, lobte der Gladbach-Coach. „Einer ist für den anderen da.”

Wie Reservist Max Eberl. Der hatte Arie van Lent vor dem Wolfsburg-Spiel die Haare millimeterkurz geschoren. Mit Erfolg: Die Kopfbälle des Torjägers kommen nun völlig ungepolstert. Bei den „Wölfen” zum 2:1, und auch am Samstag wuchtete van Lent zum Sieg ein (69.).

Zwei Dreier in Folge für die Tabelle. Und der Neben-Lohn: Die Vertragsverlängerung von „Friseur” Eberl ist durch, die von „Modell” van Lent wird wohl demnächst folgen.