Mönchengladbach: Borussia zwischen Charakter-TÜV und Soforthelfern

Mönchengladbach: Borussia zwischen Charakter-TÜV und Soforthelfern

Mike Hanke, Martin Stranzl, Harvard Nordtveit und jetzt Michael Fink: Borussia Mönchengladbachs letzter Wintertransfer schließt einen Reigen ab und steht für eine Idee. Es sind alles Spieler, die „die Situation annehmen und auch kennen”, erklärt Sportdirektor Max Eberl.

Die Situation ist Abstiegskampf. Und das ist kein A-Wort, das am Niederrhein gemieden wird wie in Dortmund das M-Wort. Naheliegend als Tabellenletzter. Beim Vergleich mit früheren Einkäufen drängt sich der Eindruck auf, dass sich Grundsätzliches geändert hat. Paradigmen-Wechsel würde es Lothar Matthäus, Schirmherr aller Fußball-Intellektuellen, wahrscheinlich nennen.

Weniger Qualität, mehr erdnahe Tugend

Einst die Verpflichtung von Raul Bobadilla und Juan Arango, jetzt nur noch deutschsprachige Profis mit womöglich weniger fußballerischer Qualität aber mehr erdnahen Tugenden. Eine neue Philosophie? Oder Eberls schmerzhafte Erkenntnis, dass der vereinseigene Charakter-TÜV bei den Einstellungsgesprächen versagt hat?

Aber wie so oft im Fußball, aber auch im wirklichen Leben, ist nicht alles so einfach, wie es aussieht. Auch wenn etliche Beobachter ein (Eigen-) Interesse daran haben, das zu suggerieren. „Kühlen Kopf bewahren”, nennt Michael Fink eines der angesagten Hilfsmittel im Kampf gegen den Abstieg. Damit hat Bobadilla so seine Schwierigkeiten, was sein Klub und auch die Mannschaft zu spüren bekamen. Diese Wesensseite war natürlich auch Eberl & Co. bekannt, als sie den 4-Millionen-Deal stemmten. Aber sie gingen das Risiko ein, weil das Potenzial der südamerikanischen Wuchtbrumme offensichtlich war und weiterhin ist. Den Stürmer deshalb ohne Kaufoption an Aris Saloniki auszuleihen, ist deshalb nachvollziehbar. In einer anderen Situation als der, in der sich Borussia derzeit befindet, ist der argentinische „Büffel” durchaus noch zu zähmen.

Der Fall Juan Arango ist anders, aber nicht weniger kompliziert. Der Venezolaner hat auch in Drucksituationen - etwa in der letzten Saison - Gladbach helfen können, ist also nicht per se Abstiegskampf-untauglich. Doch seine (angeborene?) Körperhaltung suggeriert fatalerweise nicht unbedingt die Leidenschaft und Aggressivität, die der Klassenkampf abverlangt. Der Mittelfeldspieler steht aber immer noch für ein Plus an Fußball-Kultur, doch in einer Mannschaft, die nicht nur in der Tabelle so weit zurückgeworfen wurde, geht diese Qualität unter und wirkt sogar kontraproduktiv. Und womöglich ist Arango trotz seines für den Fußball hohen Alters noch lernfähig: In einem Geheimtraining soll Michael Frontzeck dem 30-Jährigen zügiges Einwechseln beigebracht haben ...

Bobadilla ausgeliehen, Arango ist noch da, als wackelndes Versprechen auf eine fußballerisch bessere Zukunft, Michael Bradley dagegen wird gehen - womöglich in die Türkei zu Galatasaray statt zum FC Sunderland. Aus ehrgeizigen Gründen und nicht, wie ebenfalls von (un)geneigter Seite suggeriert, weil er zwei Mal die Bank drücken musste. Aber Moment mal! Ist nicht Bradley genau der Typ, den Borussia jetzt braucht? Aggressiv, laufstark, immer 120 Prozent gebend? Doch dieses Übermaß kam zuletzt selten der Mannschaft zugute, verpuffte in überflüssigen Laufwegen anstatt Ballgewinnen. „Struktur und Kommunikation” zählt Frontzeck als wichtigste Anforderungen an die Doppel-Sechser-Position auf. Michael Fink wird, wenn er schon am Sonntag bei seinem Ex-Verein Eintracht Frankfurt zum Einsatz kommt, bewusst weniger laufen, aber dafür mehr Zweikämpfe gewinnen. Er ist ein Achter wie Bradley, aber einer, der nicht sein Ding abspult, sondern für die Mannschaft effektiv sein will. Borussia wollte laut Eberl Bradley nicht abgeben, setzt aber darauf, mit Fink einen ungeplanten Soforthelfer Nummer 4 bekommen zu haben.

Voraussichtliche Aufstellung: Heimeroth - Levels, Stranzl, Dante, Daems - Neustädter, Nordtveit - Reus, Idrissou - de Camargo, Hanke

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