1. Sport
  2. Fußball
  3. Bundesliga

Chaotische Tage beim FC Bayern: Auf der Suche nach der großen Linie

Chaotische Tage beim FC Bayern : Auf der Suche nach der großen Linie

Die Trennung von Trainer Niko Kovac lenkt den Blick vor allem auf die übergeordneten Probleme des FC Bayern. Wer wird neuer Coach und wie geht es nach der Ära Hoeneß weiter?

Das Gesicht von Uli Hoeneß war immer ein beliebtes Fotomotiv in den Krisenzeiten des FC Bayern. Rund um die zusammengepressten Lippen brachte es oft alle möglichen Rottöne zum Vorschein. Manchmal aber war es gar nicht das Bayern-Rot, das das Gesicht des Patriarchen wie einen Indikator der Befindlichkeiten zu färben schien. Zuweilen sah Hoeneß fahl aus, beinahe blass, wenn er oben auf der Tribüne mitansehen musste, dass sein FC Bayern gerade arg aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und so ernst und erschüttert, wie Hoeneß am Samstag beim 1:5-Debakel bei Eintracht Frankfurt dreinschaute, mal rot, mal bleich, vermittelte er den Eindruck, dass den FC Bayern gerade mehr umtost als eine handelsübliche Herbstkrise.

Am Sonntagabend folgten die üblichen Vorgehensmuster. Um kurz vor 21 Uhr teilten die Münchner mit, dass die im Juli 2018 begonnene Zusammenarbeit mit Trainer Niko Kovac, 48, beendet ist. Sein bisheriger Assistent Hansi Flick, 54, übernimmt für die Spiele in der Champions League am Mittwoch gegen Olympiakos Piräus und in der Bundesliga am Samstag gegen Borussia Dortmund, für die Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge am Montag zwei Siege in Auftrag gab. Zudem teilten die Münchner mit, dass Hermann Gerland, 65, als Flicks Co-Trainer fungieren wird. Seit Sommer 2017 arbeitet der langjährige Assistent Gerland als Sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums. Offen blieb, wie es in der Länderspielpause weitergeht, in der zudem womöglich eine Leisten-OP bei Stürmer Robert Lewandowski ansteht, vielleicht aber auch erst in der Winterpause.

Ach ja, Lothar Matthäus ...

Für eine Pause im Spekulations-Karussell ist Lothar Matthäus erwartungsgemäß eher nicht zu haben: Der Rekordnationalspieler und selbsternannte Bayern-Experte traut Hansi Flick eine erfolgreiche Woche als Interimscoach beim FC Bayern zu, glaubt aber nicht an eine dauerhafte Verpflichtung als Cheftrainer. Flick sei „akribisch, detailversessen, ein Kumpel-Typ zu den Spielern und hoch professionell in seiner Arbeitsweise“, schrieb Matthäus in seiner Kolumne beim Pay-TV-Sender Sky und ergänzte am Montag: „Es würde mich nicht überraschen, wenn er seine Chance nutzt.“ „Allerdings glaube ich, dass Bayern einen Trainer sucht und präsentieren wird, der als Chef einen größeren Namen hat und mehr Titel vorweisen kann“, spekulierte Matthäus.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff traut Flick nach vielen gemeinsamen Nationalmannschaftsjahren die knifflige Aufgabe zu. „Qualität und Kompetenz hat er. Ich glaube nicht, dass er Angst davor hat“, sagte Bierhoff am Montag zur plötzlichen Rolle Flicks im öffentlichen Rampenlicht. Die Münchner könnten „dankbar sein, dass er da ist, dass sie mit ihm eine Lösung haben“. Im Sommer mit einem Plan B vorgebaut zu haben, könnte sich für die Münchner Bosse aktuell auszahlen.

Namen kurzfristig verfügbarer Trainer, von Ralf Rangnick, 61, über Massimiliano Allegri, 52, bis hin zu Arsène Wenger, 70, und José Mourinho, 56, werden natürlich trotzdem debattiert. Ebenso wie die wohl nur mittelfristig denkbaren Lösungen Erik ten Hag, 49, der zwischen 2013 und 2015 die zweite Mannschaft der Bayern betreute und derzeit Ajax Amsterdam trainiert, Mauricio Pochettino, 47, von Tottenham Hotspur oder Thomas Tuchel, 46, von Paris Saint-Germain. Doch ob und wann diese drei Fußballlehrer überhaupt verfügbar wären, ist ebenso unklar wie eine Antwort auf die eigentlich vorrangige Frage nach der großen Linie mitten im Umbruch. Fast allen Kandidaten gemein ist ja, dass sie allenfalls bedingt zu den Vorstellungen im Verein passen, und das Problem dieses Vereins ist seit einiger Zeit auch, dass die führenden Köpfe keine gemeinsamen Vorstellungen entwickeln können.

Ein bisschen ablesen ließen sich die übergeordneten Probleme auch an jenen drei Pressemitteilungen, die der Verein in rascher Folge verschickte. „FC Bayern trennt sich von Trainer Niko Kovac“ stand über den ersten beiden Erklärungen, wobei erst in der zweiten Kovac zitiert wurde. Die dritte Mitteilung war dann mit der Zeile „FC Bayern und Niko Kovac trennen sich“ überschrieben, was die angeblich einvernehmliche Entscheidung dokumentieren sollte. Doch eher entstand bei diesen Kommuniqués der Eindruck, dass einiges drunter und drüber geht beim Meister und sich diese auch ins Bild der Kakofonie von Rummenigge und Hoeneß fügen.

Zu den Merkwürdigkeiten zählten dabei auch die Zitate von Kovac, der in Frankfurt wiederholt ausgeschlossen hatte, aufzugeben. Tags darauf hieß es, er habe seinen Rücktritt angeboten. „Ich denke, dass dies zum jetzigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung für den Klub ist. Die Ergebnisse und auch die Art und Weise, wie wir zuletzt gespielt haben, haben mich zu diesem Entschluss kommen lassen“, wurde Kovac zitiert. Es klang wie eine goldene Brücke für einen Abschied mit Stil eines Trainers, der die Kabine längst verloren und ohnehin nie richtig gewonnen hatte. Andererseits griffen die Münchner einfach ins Archiv.

Auf Twitter kursierten rasch Vergleiche mit den Sprachregelungen beim Abschied von Carlo Ancelotti im September 2017. Wie beim Italiener war von einem „offenen und seriösen Gespräch“ die Rede, hinzu kamen weitere Parallelen in Rummenigges Zitaten. Sportdirektor Hasan Salihamidzic wurde nun mit fast exakt jenen Worten zitiert, die Rummenigge 2017 gewählt haben soll. „Ich erwarte jetzt von der Mannschaft eine positive Entwicklung und absoluten Leistungswillen, damit wir unsere Ziele für diese Saison erreichen“, hieß es damals bei Rummenigge. Bei Salihamidzic wurde nun „von der Mannschaft“ durch „von unseren Spielern“ ersetzt, sonst war das angebliche Zitat deckungsgleich.

Tatsächlich aber ist der FC Bayern in den vergangenen Jahren vor allem durch fehlende Einigkeit aufgefallen. Zu beobachten war das bei der Nachfolge von Sportvorstand Matthias Sammer ebenso wie bei der Frage nach der Besetzung des Trainerpostens. Rummenigge wollte nach Sammer Philipp Lahm. Rummenigge wollte nach Ancelotti und dem eingesprungenen Jupp Heynckes Tuchel, Hoeneß legte jeweils sein Veto ein. Am Ende wurden es Salihamidzic und Kovac. Ohne erkennbare Linie verlief im Sommer auch der Kaderumbruch. Spielmacher Philippe Coutinho wurde vom FC Barcelona ausgeliehen, nachdem sich die Bayern vergeblich und von Verletzungspech begleitet um die Flügelspieler Callum Hudson-Odoi und Leroy Sané bemüht hatten. Zuvor gab es die Presse-Beschimpfungs-Konferenz von Hoeneß und Rummenigge im Herbst 2018. Seither schwächten beide Kovacs Autorität auf ihre Art: Kritiker Rummenigge durch unverhohlene Skepsis, Förderer Hoeneß durch Empfehlungen für die Aufstellung.

In zehn Tagen steht auf der Jahreshauptversammlung der Abtritt von Präsident Hoeneß, 67, von der Vereinsspitze an. Danach wird er auch den Vorsitz im Aufsichtsrat abgeben, aber einfaches Mitglied im Gremium bleiben. Herbert Hainer, 65, wird beide Ämter übernehmen. Zuvor möchte Hoeneß dem Vernehmen nach noch Salihamidzic zum Sportvorstand befördern. Rummenigge, 64, wird sein Amt an der Spitze der AG Ende 2021 aufgeben. Von Januar an soll Oliver Kahn, 50, als Nachfolger aufgebaut werden. Der wahre Umbruch im Verein kommt also erst noch, und fraglich ist, ob ein Trainerwechsel allein die Symptome der übergeordneten Probleme lösen wird. Zumal Rummenigge am Montag ankündigte: „Auch in Zukunft werden Uli, Hasan und ich in Abstimmung mit dem Aufsichtsrat wichtige Entscheidungen gemeinsam diskutieren und beschließen.“