Aachen: Alemannias Trainingsauftakt: Begeisterung um einen Drittligisten

Aachen: Alemannias Trainingsauftakt: Begeisterung um einen Drittligisten

Thomas Stehle geht jetzt in seine neunte Saison an der Krefelder Straße, er hat noch die großen Zeiten erlebt mit Uefa-Cup-Abenden und dem Aufstieg in die Bundesliga. An diesem Sonntag musste der Verteidiger von Alemannia Aachen jedoch überlegen: „Wann hatten wir je so viele Zuschauer beim ersten Training?”

Stehle konnte sich nicht erinnern, und wem entgangen war, dass der Fußball-Zweitligist seit 35 Tagen ein Drittligist ist, der hätte glauben müssen: Hier präsentiert sich ein Meister oder Pokalgewinner. Rund 1000 Zuschauer säumten den Platz, es gab Applaus, als der Kader den Rasen betrat, Beifall für jedes Tor (es gab reichlich Treffer im Trainingsspiel), Klatschen beim Auslaufen. „Es ist Aufbruchstimmung da”, registrierte Cheftrainer Ralf Aussem zufrieden, „die Leute merken, dass hier was passiert.” Auch Uwe Scherr, Geschäftsführer Sport, sah eine erste Bestätigung: „Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.”

Beispielloser Umbruch im Kader

Es wäre sicher eine dankenswerte Idee gewesen, Handzettel ans Publikum zu verteilen mit Porträtfotos und Namen. Noch nie zuvor ist ein Alemannia-Kader so erodiert wie nach dem jüngsten Abstieg. 1970 waren elf Spieler bei der Stange geblieben (zwölf Abgänge), 1990 einer mehr (15 Abgänge) und 2007 sogar insgesamt 16 (zehn Abgänge). Nun geht gerade mal ein halbes Dutzend Profis (bei 22 Abgängen) den Weg eine Klasse tiefer.

Was Scherr und Aussem jetzt am ersten Tag der Vorbereitung auf den Platz stellten, ist das beachtenswerte Ergebnis einer unaufgeregten Personalplanung. „Da gibt es keinen, den wir nehmen mussten”, sagt Ralf Aussem, „das sind genau die, die wir haben wollten.” 18 Spieler versammelte der Coach um sich, im Lauf der nächsten Tage steigen auch Heimkehrer Sascha Rösler, Torhüter Mark Flekken und Mittelfeldspieler Robert Leipertz ein, der wie der bisherige A-Junioren-Kollege Dario Schumacher einen Zweijahresvertrag erhalten soll.

Mit Florian Müller, für den Scherr bei positiver Entwicklung nach zwei Kreuzbandrissen ebenfalls einen Kontrakt bereit hält, stünden 21 Kicker in Lohn und Brot. Drei Plätze wären noch frei, Alemannias Manager hat ein paar A-Junioren von Schalke, Wolfsburg, Hertha BSC und Bayern München auf dem Radar, die Halbfinalisten der Deutschen Meisterschaft. Und: „Ein Top-Spieler ist auch noch drin.” Uwe Scherr unterwirft sich da keinem Zeitdruck. „Unser Gerüst steht. Es werden noch Spieler auf den Markt kommen, mit denen man im Moment nicht rechnet.”

Bis zum Saisonstart (20. - 22. Juli, der Spielplan soll am 2. Juli veröffentlicht werden) muss Ralf Aussem das „Gerüst” möglichst zu einem repräsentativen Balkon ausbauen. „Wir werden sicher überall der Favorit sein. Aber die Beispiele der letzten Jahre zeigen, dass es wichtig ist, erst mal in der Liga anzukommen.” Den Kapitän wird der Trainer bestimmen, als erste Kandidaten gelten Albert Streit und Aimen Demai, auch wenn Aussem sich da noch bedeckt hält.

„Jetzt müssen wir nur noch schauen, dass wir ein Team werden”, sagt Streit. Der Empfang als Drittligist jedenfalls, „der war schon mal klasse”.

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