Aachen: Alemannia: Scherr sieht keine sportliche Entwicklung

Aachen: Alemannia: Scherr sieht keine sportliche Entwicklung

Der Spagat ist mühsam, man merkt Uwe Scherr die Anspannung vor der ungewohnten Übung an. Einerseits hat er die Pressekonferenz einberufen, um die Entlassung von den drei Trainern Ralf Aussem, Michael Burlet und Hans Spillmann plausibel zu erklären.

Andererseits will er aber auf keinen Fall das vom Publikum geschätzte Trio unnötig beschädigen. „Ich kann aber nicht anhand von Sympathiewerten entscheiden, ich muss mich am Vereinswohl orientieren”, sagt er.

Und da wolle er keinen Millimeter von seinem „kerzengraden Weg” abweichen. Der 42-Jährige hatte am Wochenende das knappe erste Saison-Viertel unter die Lupe gelegt. Sein Befund war eindeutig: „Sportlich zu wenig, es gibt keine Entwicklung.” Erst zehn Punkte hat der Absteiger bislang eingesammelt - „fünf davon zudem noch glücklich”, rechnet er vor (Karlsruhe, Saarbrücken, Erfurt). „Wir bewegen uns Schritt für Schritt weiter in die falsche Richtung.” Er vermisst Spielkultur, Leidenschaft, selbst ein Aufbäumen des „sehr, sehr gut besetzten Kaders” habe er in den letzten Wochen nicht mehr registriert. Aachen strahlte zuletzt so viel Spielfreude aus wie Mario Basler nach einer durchzechten Nacht.

Scherr argumentiert, er habe gar keine andere Wahl gehabt. Er verkleidet die Kritik in dem Satz: „So wie man trainiert, spielt man auch.” Das ist seine Kernthese: Die Mannschaft werde nicht ausreichend auf ihre Aufgaben vorbereitet. Aber auch das Team bekommt an diesem Tag - auf Nachfrage - ihr Fett weg. Natürlich seien viele Neuzugänge deutlich außer Form seit vielen Spieltagen unterwegs.

Am Morgen glaubte Ralf Aussem noch, er habe eine Einladung zu einem Arbeitstreffen, am Mittag wusste er, dass er seine Arbeitspapiere einladen kann. Alemannia Aachen zog am Montag wieder einmal die Notbremse. Der Trainer nahm die Entscheidung gefasst: „Ich gehe erhobenen Hauptes, kann jeden Morgen in den Spiegel sehen, daran werde ich nicht zerbrechen.” Solche Tage gehören zum Geschäft, sagt der 52-Jährige, aber aus seiner Stimmung macht er keinen Hehl. „Ich bin von einigen Herren menschlich enttäuscht.”

Das geht in Richtung einiger Aufsichtsräte. Leute, die ihm vor ein paar Tagen noch zu seiner Arbeit gratuliert hätten, stimmten jetzt gegen ihn. Das geht auch in Richtung Uwe Scherr, dem er ein „abgekartetes Spiel” vorhält. „Er wollte eine eigene Lösung.” Er hätte sich mehr Unterstützung, mehr Rückhalt für das komplizierte Projekt gewünscht, sagt Aussem. „Beim ersten Wellengang muss noch keiner über Bord gehen.” Inhaltlich habe er sich keinen Vorwurf zu machen, die schwere Verletzung von Aimen Demai sei der entscheidende Rückschlag gewesen. „Wir haben ihn nicht ersetzen können.”

Scherr erlebt in seinen ersten 100 Tagen den Verein von seiner anstrengendsten Seite. „Hier kracht es an allen Ecken. Die Gremien sind uneins, es gibt Theater mit den Fans, und jetzt sorgt auch der Sport für solche Schlagzeilen.” Trotzdem sagt Scherr, habe dieser Klub ein riesiges Potential, hier seien „außergewöhnliche Dinge möglich”, wenn denn die persönlichen Eitelkeiten einmal zurückgestellt würden. Konkreter wird er nicht. Es ist ein Tag, der Wunden reißt. Ralf Aussem sagt zum Abschied: „Es tut mir leid für die Fans, die immer darunter leiden müssen, dass wieder Mal jemand eine eigene Idee hatte.”

Vorübergehend wird U-23-Coach Peter Schubert die Mannschaft übernehmen. Am trainingsfreien Montag wurde das Team über die nächste Entwicklung am Tivoli informiert. Ohnehin ist das nächste Wochenende länderspielfrei.

Die Suche laufe jetzt erst an, sagt Scherr. Einen konkreten Termin für die Inthronisierung eines Nachfolgers gibt es nicht. Natürlich landeten bereits mittags die ersten Bewerbungen auf seinem Schreibtisch. In den Foren wird bereits diskutiert über Kandidaten wie Marco Kurz, Stefan Emmerling, Marco Pezzaiuoli oder Hans-Jürgen Boysen...

Christian Weber kommt für drei Jahre

Am Dienstag wird die Mannschaft den geplanten Laktattest machen, am Donnerstag betreut Interimstrainer Peter Schubert das Team beim Gastspiel bei Eintracht Verlautenheide (18.30 Uhr/Heider-Hof-Weg). Ab Dienstag ist auch Christian Weber bei der Mannschaft. Der Defensiv-Allrounder, der zuletzt bei Fortuna Düsseldorf arbeitete, unterschrieb am Tivoli für drei Jahre. Der 28-Jährige soll die Lücke schließen, die durch die Verletzung von Aimen Demai entstanden ist.

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