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Karlsruhe: Aachen befreit sich selbst aus misslicher Lage

Karlsruhe : Aachen befreit sich selbst aus misslicher Lage

Eugen Strigel blickte irritiert umher. Das Volk tobte, und gleich wurde der DFB mit Fangesängen ins Zwielicht gerückt. Der Lehrwart und Schiedsrichterbeobachter griff auf der Pressetribüne im Karlsruher Wildparkstadion zum Stift und kritzelte „Elfmeter aus heiterem Himmel” in seinen Notizblock.

Der Protest nahm zu, Strigel musste sich gegen ein badisches Rumpelstilzchen wehren, dessen Vokabular nicht vor 22 Uhr zitiert werden kann.

Der Oberschiedsrichter griff zum Telefon, um anschließend erleichtert mitzuteilen: „Die Fernsehbilder waren eindeutig. Der Elfmeter war berechtigt.”

War er. Es war die spielentscheidende Szene an diesen klirrendkalten Nachmittag. Alemannia Aachen gewinnt 1:0 beim Karlsruher SC. „Das war noch keine Trendwende, aber wir haben die Arbeit angenommen, das ist ein gutes Signal”, ordnete Manager Jörg Schmadtke den Erfolg ein. „So hat Köln schon acht- oder neunmal gewonnen.”

Scharpings Pferdekuss

Selten waren die Voraussetzungen schlechter für Aachen gewesen. Der Rückrundenstart war solide vermasselt, das Team personell arg geschwächt. Gleich fünf Stammkräfte der Vorrunde fielen aus. Auf der Bank saßen nur noch sechs Spieler, die es in dieser Spielzeit gerade einmal auf ein Dutzend Einsätze gebracht haben.

Kurzfristig war auch noch Jens Scharping (Pferdekuss) ausgefallen. Und auf dieser Mannschaft lastete auch noch die Erwartung, in die Erfolgsspur zurückkehren zu müssen. Schon vor dem Anpfiff bildeten die Spieler einen Kreis, rückten näher zusammen, und Ersatz-Ersatz-Kapitän Willi Landgraf feuerte das ausgedünnte Team noch einmal an.

Aachen, diesmal tiefer aufgestellt, setzte die aufstrebenden Gastgeber minutenlang in deren Hälfte fest. Chancen blieben eine satte Halbzeit lang aus. Auf einem Untergrund, mit dem auch Autobahnen gebaut werden, entwickelte sich ein fehlerhaftes Spiel.

Der Kreativitätsstau auf dem Rasen wurde an diesem Tag nicht mehr aufgelöst. Jan Männer hätte die Entscheidung für den KSC schaffen können. Nach einem schnell ausgeführten Freistoß lenkte Aachens Keeper Stephan Straub den Ball noch um Kamellebreite am Pfosten vorbei (53.).

Dann brach die 65. Minute an. Beim Karlsruher SC hat Aachen in den letzten Jahren regelmäßig die Weichen in die eine oder andere Richtung gestellt. Kai Michalke zwirbelte einen Eckball heran, Mario Eggimann schnappte sich mit beiden Händen Emil Noll, als wolle er einen Fluchtversuch verhindern. „Ich ziehe ihn ein bisschen”, verharmloste der Schweizer seinen Fanggriff.

Unverändert machen die Spieler die Elfmeterschützen unter sich aus. Kai Michalke und Sergio Pinto, die beide in dieser Spielzeit schon einmal gescheitert waren, tauschten sich aus. Die Entscheidung fiel auf den Portugiesen, der ausgesprochen kaltschnäuzig verwandelte (66.).

„Das war heute die Rückmeldung von Aachen”, versicherte der Torschütze. Der Rest aus Aachener Sicht war Bibbern und Zittern: Der eingewechselte Daniel Reule purzelte durch den Strafraum. „Auch da muss man Elfmeter geben”, reklamierte KSC-Coach Ede Becker nach dem Schlusspfiff.

Und kurz vor Toresschluss rettete noch einmal Straub gegen den Stürmer. Es war nicht der Nachmittag eleganter Eroberer, sondern der heroischer Verteidiger. Dem erschufteten Sieg heftete nichts Spektakuläres an, aber er wirkte ungemein befreiend.

„Wir haben uns das Glück erzwungen”, atmete Dieter Hecking durch. Neue Ansprüche wurden nicht ausgegeben. „Unsere Form ist weiß Gott noch nicht so gut. Wir müssen erst einmal unseren Rhythmus wieder finden. Keiner soll glauben, dass wir schon über den Berg sind.” Die Aachener Saison ist nicht vorzeitig entwertet.

„Es war wichtig, dass wir uns auch mal durchgekämpft haben”, bilanzierte Kai Michalke. Der Torjäger, diesmal im offensiven Mittelfeld aufgestellt, zeigte ebenso wie Simon Rolfes die beste Leistung in diesem Jahr.

Nach dem Spiel lief der Kleidertransfer einmal umgekehrt. Nicht die Spieler gaben ihre Trikots ab, dafür statteten die frierend-feiernden Fans sie mit Cowboy-Hüten aus. Endlich wieder Karnevalsstimmung. Wie schon im letzten Jahr in Aue setzte sich Aachen am Karnevalssonntag unter enorm schwierigen Verhältnissen durch. Ein Hoch auf die Brauchtumstage!

Und auch Eugen Strigel, der schon fröhlichere Zeiten erlebt hat, war zufrieden. Er bescheinigte Schiedsrichter Matthias Anklam eine gute Leistung.