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Aachen: 50 Spieler, sechs Trainer, zwei Manager

Aachen : 50 Spieler, sechs Trainer, zwei Manager

Samstag, 19. Mai 2001, Altstadt Mönchengladbach: Die offizielle Aufstiegsfeier steht erst am Sonntag an. Die inoffizielle der Fans hat schon begonnen. „Gott ist ein Borusse, denn er schickte uns seinen Sohn, Hans Meyer”, verkündet ein Spruchband vor einer Kneipe. Ein Selbstläufer war der Wiederaufstieg keineswegs, erkannten diese „Gläubigen”. Er ist vor allem das Werk des Trainers, der mit ganz wenig Geld eine funktionierende Einheit formte.

Auf den Tag genau sechs Jahre später bestritt die Borussia beim 0:2 gegen Bochum ihr vorerst letztes Erstligaspiel. Ein Teil der Fans empfindet für sein Team inzwischen nur noch Verachtung. Dass dem Abstieg nicht einmal ein Abstiegskampf vorausging, lässt nur wenig Trauer zu. Schmerzhafte Abnabelungsprozesse waren nicht zu bewältigen, denn alle Helden von 2001 haben den Verein längst verlassen.

Was für ein Auftakt! Bayern wird am Bökelberg 1:0 geschlagen. In Meyers Startelf stehen zehn Spieler aus dem Zweitligakader. Schon vier Spieltage vor Schluss ist der Klassenerhalt gesichert. Auffallend ist die Auswärtsstärke (16 Punkte). Die Leistungsträger sind: Abwehrchef Korell, Nielsen auf der „Sechser”-Position vor der Abwehr sowie Mittelstürmer van Lent als Anspielstation und zwölffacher Torschütze.

Saison 2002/03

Van Lent mit Kreuzbandriss, Nielsen zurück nach Dänemark, Korell formschwach - ohne die Achse der Vorsaison ist die Souveränität weg. Als Meyer nach dem 23. Spieltag aufgibt, hat die Borussia ebenso viele Punkte auf dem Konto und steckt mitten im Abstiegskampf. Die Auswärtsbilanz ist miserabel: vier Punkte aus zwölf Partien.

Unter dem neuen Trainer Ewald Lienen steht die Mannschaft im Gegensatz zu Meyers Vorwärtsverteidigung extrem tief. Nicht schön, aber effektiv. Für die nötigen Tore sorgen Skoubo und Forssell. Der eine, zu Saisonbeginn gekauft, schafft den Durchbruch. Der andere, in der Winterpause ausgeliehen, ist sofort voll da.

Saison 2003/04

Forssell lässt sich nicht halten; Skoubo wird zur Hassfigur der eigenen Fans und trifft nicht mehr. Der Stil bleibt unansehnlich, ist aber mittlerweile auch noch erfolglos. Einflussreiche Spieler kritisieren zudem Lienens Neigung, alles zu reglementieren. Die war auch schon bei seiner Verpflichtung bekannt, nun ist sie das i-Tüpfelchen für die Beurlaubung.

Nachfolger wird Berufsanfänger Holger Fach, der das Spiel mit zwei Spitzen bevorzugt. Die gerade erst gekauften Außenstürmer Ketelaer und Kolkka sind damit überflüssig. Fachs Umgang mit der Mannschaft ist sprunghaft. Mal lobt er sie überschwänglich, mal kritisiert er sie in Grund und Boden. Nach Niederlagen beklagt er gern öffentlich die „mangelnde Qualität” des Kaders.

Ein Zwischenhoch kurz vor Weihnachten beschert ihm die vorzeitige Vertragsverlängerung, keineswegs aber seinem Team den frühzeitigen Klassenerhalt. Fast hätten die Borussen am letzten Spieltag gegen 60 München nicht nur den Bökelberg verabschieden, sondern auch ein „Abstiegsendspiel” bestreiten müssen.

Saison 2004/05

Das neue Stadion steht, dann könnte auch der Kader etwas Glanz vertragen, finden die Verantwortlichen. Unter den acht Neuverpflichtungen sind erstmals große Namen: Ziege und Neuville, dazu der „Balkan-Ballack” Ivic und schließlich Heinz aus dem erfolgreichen tschechischen EM-Team.

Als die Mannschaft trotzdem wieder den Stammplatz im Tabellenkeller einnimmt, reißt Präsident Königs der Geduldsfaden. Im Oktober muss Fach gehen. Auch der Trainer soll nun ein Star sein. Die Wahl fällt auf Dick Advocaat. Der „kleine GeneralÓ kommt, sieht und - verlangt neues Personal. In der Winterpause werden weitere sieben Spieler geholt. 15 Neue binnen eines halben Jahres - der Boulevard titelt spöttisch „Kaufhaus des Westens”.

Die Leistungen des Teams unter Advocaat sind katastrophal. Nach nur 18 Spielen ist das Experiment beendet. Auch Christian Hochstätter, als Sportdirektor für das Personalmanagement mitverantwortlich, verlässt den Club und wird durch Peter Pander ersetzt. Weil die ersten vier Partien mit Interimstrainer Horst Köppel ohne Gegentor enden, gelingt trotz allem die Rettung. Fans sowie Teile der Medien feiern den „Zu-Null-Horscht”, obwohl die Null dreimal auch vorne stehen bleibt.

Saison 2005/06

Köppel nutzt seine frische Popularität geschickt für einen festen Anstellungsvertrag. Dieses Mal gibt es bei den Transfers mit Helveg nur einen großen Namen. Doch der dänische Routinier enttäuscht. Auch von den übrigen Neuen taugt keiner zum Führungsspieler.

Nach gewohnt holprigem Auftakt startet die Borussia am 6. Spieltag aber eine fast schon sensationelle Serie. Mit viel Glück holt sie aus fünf Spielen 13 Punkte. Für den Rest der Spielzeit allerdings zehrt man nur noch von diesem Polster. Die negative Tendenz ist eindeutig und die Trennung von Köppel zum Saisonende schon frühzeitig beschlossen.

Saison 2006/07

Der neue Trainer ist ein sehr alter Bekannter. Nach 19 Jahren kehrt Jupp Heynckes zurück. Für die Baustelle offensives Mittelfeld greifen die Borussen tief in die Tasche: Degen kostet anderthalb, Insúa sogar vier Millionen Ablöse. Doch beide erweisen sich als Totalausfälle. Im Angriff vertraut Heynckes dem vorhandenen Personal. Angesichts der zuletzt gezeigten Leistungen ist das für Sonck, Kah, Sverkos und Rafael ein gewaltiger Vertrauensvorschuss. Zu rechtfertigen weiß ihn keiner der vier.

Weil zudem Neuville über zwei Drittel der Spielzeit ausfällt, verfügt die Borussia zumeist über keinen einzigen brauchbaren Stürmer. Auch ein Winterpause-Coup à la Forssell gelingt diesmal nicht. Das Saisonende erleben weder Heynckes noch Pander im Amt. Das von ihnen zusammengestellte Team hat die wenigsten Torchancen und die schlechteste Chancenverwertung aufzuweisen - eine tödliche Kombination.

So wird Borussia Mönchengladbach erneut zweitklassig - nach 50 Spielertransfers, sechs Trainerwechseln und zwei vorzeitig verabschiedeten Sportdirektoren. Doch ein wenig Kontinuität gibt es. Die im Präsidium und im Vorstand des Aufsichtsrates in der Verantwortung stehenden Herren wollen bleiben.

Von Jörg Stiel bis Mikkel Thygesen

Saison 2001/02: Stiel, Fredrikson, Münch, Kluge, Ulich, Felgenhauer, Küntzel

Saison 2002/03: Strasser, Schlaudraff, van Hout, Skoubo

Saison 2003/04: Carnell, Ojigwe, Kirch, Sverkos, Kolkka, Ketelaer (war in der Vorsaison schon ausgeliehen), Reitmaier, Broich

Saison 2004/05: Kampa, Ramovic, Fukal, van Kerckhoven, Ziege, Ivic, Neuville, Heinz, Keller, Daems, Moore, Thijs, Böhme, Sonck, Elber

Saison 2005/06: Bögelund, Helveg, Zé António, Oude Kamphuis, El Fakiri, Lisztes, Kah, Svensson, Rafael

Saison 2006/07: Heimeroth, Svärd, Degen, Insúa, Gohouri, Baumjohann, Thygesen

Leihspieler: Mieciel (2001/02), Ketelaer, Forssell (2002/03), Obradovic, Rubén, Maric (2003/04), Delura (2006/07)