Köln: 1. FC Köln: Zwischen spürbar anders und wieder so wie früher

Köln : 1. FC Köln: Zwischen spürbar anders und wieder so wie früher

Im Deutschen Sport- und Olympiamuseum in Köln wird gerade eine Ausstellung zum 70. Geburtstag des 1. FC Kölns im Februar vorbereitet. „Die Besucher sollen einen tiefergehenden Einblick in einen Klub erhalten, der seit sieben Jahrzehnten spürbar anders ist“, sagt Geschäftsführer Alexander Wehrle. Motto der Ausstellung: „Die Zeiten ändern sich, das Gefühl bleibt.“

Die Zeiten haben sich in den vergangenen Monaten in einem Tempo geändert, das niemand für möglich gehalten hätte. Und nebenbei ist dem Klub auch noch schnell der Chefplaner abhanden gekommen. Eine Mannschaft, die sich eben noch spektakulär für die Europa League qualifiziert hat, ist heute die schlechteste, die die Bundesliga bislang nach 13 Spieltagen erlebt hat.

Bislang war Tasmania Berlin die erfolgloseste Mannschaft, die je in der Eliteliga an den Start ging. Aber selbst der Aufsteiger hatte in der Saison 1965/66 nach 13 Spieltagen schon einen Sieg und ein Remis bei 6:47 Toren erreicht. Was ist passiert in dem Verein, der so euphorisch aufgepumpt in diese Spielzeit ging?

Ralf Friedrichs ist ein durchaus prominenter Fan des 1. FC Köln. Im Sommer hat er das Buch „Der Weg nach Europa“ herausgegeben. Es sind seitdem viele ungeahnte Kapitel dazugekommen. Der 53-Jährige vertritt die These, dass nach Platz fünf am Ende der vergangenen Saison die nötige Bestandsaufnahme ausgeblieben ist. Damals wirkte Trainer Peter Stöger bereits ziemlich ausgelaugt, aber im Freudentaumel werden die meisten Fehler gemacht. Die Kaderplanung — das muss man festhalten — missriet Jörg Schmadtke komplett. Und das auch nicht zum ersten Mal. „Er hat die Situation krass falsch eingeschätzt, hat nur talentierte junge Leute und Abwehrspieler geholt. Die Baustellen auf den Außenbahnen und im Mittelfeld hat er ignoriert“, wundert sich Friedrichs seit Monaten.

Perlentaucher außer Dienst

Schaut man sich die Tabelle der Kaderwerte an, liegt das Team exakt im Mittelfeld. Die Profis im Wert von 110 Millionen Euro haben an den ersten Spieltagen exakt vier Tore geschossen. Die interne Torschützenliste führen Frederik Sörensen, Yuya Osako, Sehrou Guirassy und Dominique Heintz gemeinsam an. Und nebenbei ist wohl auch der Wunschzettel von Stöger im Sommer nicht zum Tragen gekommen, erzählt man sich.

Man könnte Jörg Jakobs nach Ursachen fragen. Er war einmal der Perlensucher von Schmadtke. Die Männer waren nur im Duett zu haben. Erst in Aachen, dann in Hannover und nun auch in Köln. Es gibt eine interne Liste über die Transfers, die auf seine Beobachtungen zurückgehen. Es ist eine Erfolgsbilanz. Inzwischen ist Jakobs ein Perlensucher außer Dienst, das Verhältnis zu Schmadtke ist stark abgekühlt, bis vor ein paar Tagen war Jakobs abgeschoben ins Nachwuchsleistungszentrum. Öffentlich reden will er nicht, vorübergehend übernimmt er Schmadtkes Ressort, in die erste Reihe zieht es ihn nicht.

Schmadtke war der Blitzableiter des Fanfrustes nach den ersten Wochen. Für jemanden, der auch gerne austeilt, reagierte er erstaunlich dünnhäutig. Der sonst so wetterfeste Geschäftsführer Sport hat sich schnell vom Geißbockheim verabschiedet, der Trennungsschmerz wurde mit einer Millionengabe versüßt, die ihm auch bei eigenem Rückzug zustand. Er hinterließ einen ziemlich verblüfften Verein. „Niemand war darauf vorbereitet“, sagt Christian Löer, der Sportchef des „Kölner Stadtanzeigers“. Er findet, dass Schmadtke den Verein bei erstbester Gelegenheit im Stich gelassen habe. Hinter vorgehaltener Hand bestätigen auch Vorstände, wie enttäuscht sie von seinem Abgang sind, den manche als Flucht interpretieren. Der Kontakt ist abgebrochen.

Jörg Schmadtke kann viel aus wenig machen

Es gibt durchaus Muster in der Biografie des Managers. Die größten Erfolge hatte er in Aachen, Hannover und Köln, wenn er improvisieren musste. Schmadtke gilt als einer, der aus wenig sehr viel machen kann. Finanzielle Not hat ihn immer erfinderisch gemacht. Vielleicht ist die andere Aufgabe, plötzlich Millionen sinnvoll anzulegen, sogar die schwierigere. Es gibt eine weitere Gemeinsamkeit seiner Abschiede. Er hat immer von sich aus die Zelte abgebrochen, wenn er es für passend hielt. Und nicht immer brach kollektive Trauer bei den verlassenen Klubs aus. Schmadtke, der beim FC seinen Sohn in der Scoutingabteilung untergebracht hat, polarisiert.

Am Geißbockheim erzählen sie die Geschichte von seinem schnellen Abgang so: Seine Position war geschwächt, weil er entgegen aller Beteuerungen seinem Trainer Peter Stöger die Entlassungspapiere in die Hand drücken wollte. Im Vorstand habe er für den Plan keine Sympathisanten gefunden. Hinterlassen hat der kantige Manager ein ziemliches Vakuum im Ressort Sport. „Er hat ohne Vorwarnung den Verein verlassen“, sagt Christian Löer. Dem FC ergeht es wie allen Vereinen, die Schmadtke verlassen hat. Der Manager ist weg, die Probleme wachsen. Plötzlich müssen Leute wie der Sportvorstand Toni Schumacher sich mit Dingen wie Personalplanung beschäftigen, was ihnen nicht immer so leicht fällt.

Acht Jahre lang hat Ralf Friedrichs zu seinem „FC-Stammtisch“ geladen. Es war ein semi-kritisches Format, aktuelle und ehemalige Spieler klönten mit Fans und Journalisten. Es waren meist kurzweilige, anekdotenreiche Stunden. Im Sommer hat Friedrichs den Stammtisch geschlossen. Es gab mehrere Gründe, ein Anlass war: „Man hat uns das Wasser abgegraben.“ Irgendwann wollte der FC keine Spieler mehr schicken, schließlich zahlen andere Anbieter dafür viel Geld. Längst versuche der Klub über seine vielen medialen Kanäle, die Meinungshoheit zu erlangen, sagt Friedrich. Das ist ein ambitioniertes Projekt, denn jahrzehntelang war der FC ein ungemein geschwätziger Klub, der sich vom Boulevard treiben ließ.

In Köln hatten sich die Medien auf Jörg Schmadtke eingeschossen. Als der 53-Jährige hastig von Bord ging, fehlte es wochenlang an einer konstruktiven Auseinandersetzung mit der Situation, beobachtet Friedrichs. Der Autor und Moderator sagt, dass er Peter Stöger „großartig“ finde. Er mag aber nicht den Personenkult, der ihn zu sehr an die kritiklose Zeit mit Christoph Daum erinnere. „Muss man nicht mal fragen, warum sich kaum ein Spieler weiterentwickelt hat, warum es so viele Verletzte gibt, warum die Qualität bei Standards so atemberaubend schlecht ist?“ Friedrichs vermisst bis zu dem vermurksten Spiel gegen Hertha BSC am Wochenende die mediale Kritik am überaus beliebten Wiener Trainer. „Wir haben uns lieber alle lieb und schunkeln fröhlich in die 2. Liga.“

Der FC-Fan vermutet, dass immer noch „gefühlt etwa 70 Prozent“ an Stöger festhalten würden. Das deckt sich exakt mit einer aktuellen Umfrage des „Kicker“. Bei Facebook hat sich bereits die Gruppe „1. FC Köln Aufstiegsfeier 2019“ gefunden. Mehr als 4300 Fans haben fest zugesagt, bei der Aufstiegsfeier am 12. Mai 2019 teilzunehmen, weitere 9100 haben ihr Interesse bekundet. Der Zuspruch zu der Mannschaft ist immer noch bemerkenswert. Auch heute Nachmittag werden wieder Tausende FC-Anhänger zum Spiel auf Schalke (18.30 Uhr) pilgern.

Peter Stöger ist seit viereinhalb Jahren in der Stadt. Er hat inzwischen mehr FC-Spiele als Hennes Weisweiler gecoacht. Länger im Amt bei einem Bundesligisten ist nur Christian Streich, der seit mehr als zwei Jahrzehnten in unterschiedlichen Positionen beim SC Freiburg Talente entwickelt. Stöger wird nach den Erfolgen in den vergangenen Jahren immer noch als Heilsbringer verehrt, auch wenn er längst den Eindruck macht, dass sein Dienst mit der Mannschaft nur noch treue Pflichterfüllung ist. Die Mannschaft hat er nicht mehr in die Gänge bekommen.

Vor ein paar Tagen war der Spielerrat beim Vorstand, der Trainer war informiert. Timo Horn oder auch Kapitän Matthias Lehmann machten sich für ihren Chef stark. Den Spielern war Verschwiegenheit zugesichert worden, sie hätten hinter verschlossenen Türen — sofern es die gibt in dieser fiebrigen Stadt — auch eine andere Sicht darlegen können. „Stehgeiger“ wunderte sich im FC-Forum: „Wer den Sumpf trockenlegen will, darf nicht die Frösche fragen.“ Zuletzt hat Stöger gesagt, er wolle den Platz nur frei machen, wenn „es denn einen besseren Kandidaten“ gebe. So als könne er das festlegen. Er darf weitermachen, zumindest heute beim nächsten Auswärtsspiel auf Schalke.

Was für Stöger spricht? Wenig.

Stöger profitiert gerade von der Abwesenheit eines sportlichen Leiters. Weder Präsident Werner Spinner noch Geschäftsführer Alexander Wehrle oder Aufsichtsrat Toni Schumacher wollen mit dem Makel behaftet sein, den populären Trainer vom Hof geschickt zu haben. Die Entscheidungen sollen andere treffen. Auch Sportjournalist Löer findet wenige Gründe, die für den Trainer sprechen. Er sagt: „Stöger hat zuletzt oft davon profitiert, dass er ein Opfer der Umstände war.“

In den vergangenen Monaten hat sich tatsächlich der Eindruck verfestigt, dass dem Verein, der sich so prächtig entwickelt hat, die größtmöglichen Leidensprüfungen auferlegt wurden. Das Krankenlager platzt aus allen Nähten. Und in Köln verfestigt sich der Eindruck, dass nur der Videobeweis an den ersten Spieltagen noch schlechter funktioniert hat als die eigene Mannschaft.

Bis zu diesem letzten Spiel zahlte der Wettanbieter Tipico 400 Euro an jeden Kunden aus, der auch nur einen Euro darauf gesetzt hatte, dass dem 1. FC Köln in der Bundesliga nicht ein einziger Saisonsieg gelingen wird. Nach dem Duell mit Hertha BSC, eine der auswärtsschwächsten Mannschaften überhaupt, halbierte sich die Quote. Aus Sicht der Buchmacher ist das Szenario deutlich wahrscheinlicher geworden, dass sich die matte Mannschaft ohne jeden Sieg in die zweite Bundesliga verabschiedet am Ende einer Saison, die getreu dem Vereinsmotto „spürbar anders“ verläuft.