1. Sport
  2. Fußball
  3. Borussia Mönchengladbach

Vorbericht Borussia Mönchengladbach gegen Bayer Leverkusen

Kostenpflichtiger Inhalt: Borussia trifft auf Bayer Leverkusen : Gladbachs Yann Sommer und sein Plädoyer für „Kommunikation“

Der Torhüter von Borussia Mönchengladbach stellt sich auf durchaus knifflige Aufgaben für seine Mannschaft im Duell mit Bayer Leverkusen ein. Sein neues Leben als Familienvater schadet dem Schweizer dabei nicht.

Yann Sommer mag und macht keine halben Sachen. Borussia Mönchengladbachs vielseitiger Fußball-Profi ist zu ehrgeizig, so ehrgeizig, dass er beinahe zum Perfektionismus neigt. Beim Gitarrespielen, beim Kochen, bei der Literatur-Lektüre – vor allem aber bei seinen Künsten als Torhüter. Am Montagabend aber musste er Abstriche machen. Nicht in Sachen Corona-Hygiene.

Als Vorzeigeprofi wollte der Schweizer am Abend natürlich nicht die Abschlusspartie des 26. Spieltags der Bundesliga verpassen. Immerhin spielten die beiden kommenden Gegner seiner Gladbacher gegeneinander: Bayer Leverkusen, der Kontrahent am Samstag im Borussia-Park (15.30 Uhr) zu Besuch beim abstiegsgefährdeten Werder Bremen, am Dienstag Gastgeber der Gladbacher (20.30 Uhr). Zwei Fliegen mit einer Klappe, zwei Gegneranalysen mit einem Spiel: Doch Sommer schaffte es nur bis zur Halbzeit – die halbe Sache eben.

Früh raus – auch neben dem Platz

Der Grund: Mila, seine sechseinhalb Monate alte Tochter. Frühmorgens startet der Tag für den Schweizer Goalie, er kümmert sich als Erster um den Nachwuchs. Später übernimmt Ehefrau Alina. Und zur Zeit ist frühmorgens besonders früh – Mila zahnt. Früh rauskommen gehört zu den Aufgaben eines mitspielenden Torhüters, nicht nur deshalb kein Problem für den 31-Jährigen.

Dennoch: harte Zeiten. Aber über allen durchwachten Nächten schwebt sein Urteil: „Wunderschön!“ Daran kann auch die verpasste zweite Halbzeit der Leverkusener nichts ändern. „Abends sind wir beide sehr früh hundemüde.“ Schlafen statt Gegner-Analyse. „Ich hatte schon einen strukturierten Schlafplan. Aber im Moment ist es schwierig, und ich muss schon mal eine Stunde am Tag einschieben.“

Doch seine Ehefrau hält ihm den Rücken frei. Das hohe Profi-Ethos des Keepers bleibt dadurch weiterhin uneingeschränkt praktikabel. Und zu den Spielen hin garantiert die Unterbringung im Hotel – vor der Frankfurt-Partie gleich sieben Tage (und Nächte) – eine optimale Vorbereitung. So kann Yann Sommer ohne schlechtes sportliches Gewissen sagen: „Die kleine, süße Maus ist halt anspruchsvoll.“

Das ist die sportliche Aufgabe am Samstagnachmittag auch. Bayer hat nur zwei Punkte Rückstand und will mit aller Macht wie in der vergangenen Saison die Gladbacher vom Champions-League-Rang schubsen. Es wird ein Duell zweier extrem offensiv- und spielstarker Mannschaften. Ist dabei eine etwas vorsichtigere Vorgehensweise wie beim 3:1 in Frankfurt angesagt, wo ein Blitzstart mit zwei frühen Toren die Basis zum Sieg war? „Die Spielidee unseres Trainers ist, grundsätzlich mutig zu spielen“, sagt Sommer. „Aber nicht immer ist alles möglich, was man sich vornimmt. Oft entscheidet auch die Tagesform.“

Aber auch, wichtige Spieler des Gegners nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Wie etwa Jungstar Kai Havertz, der beim 4:1 in Bremen zwei Kopfballtore erzielte. Beide Treffer des Alsdorfers fielen vor der Pause, Sommer war da noch Augenzeuge. „Viel Spielintelligenz, Kreativität und Technik“, lautet seine Kurzanalyse. „Unsere Aufgabe ist es, ihn aus dem Spiel zu nehmen.“ Das ist nicht einfach, erst recht nicht mit orthodoxen Mitteln. „Wir haben noch nie einen Spieler für solche Aufgaben abgeordnet. Wenn du das machst, entsteht woanders eine Lücke. Speziell wenn man wie wir im Raum verteidigt“, erklärt Marco Rose.

Die Lücken gab’s reichlich in Bremen. Dort durfte Havertz zwei Mal fast unbedrängt einnicken. Muss solche Lücken also der Torhüter am ehesten erkennen und seine Vordermänner entsprechend positionieren? „Wer das macht, ist egal“, sagt Sommer, Nationalkeeper der Schweiz. „Kommunikation ist immer wichtig, wenn nicht das Wichtigste.“

„Wo läuft Havertz hin?“

Und er umreißt die Fragen, die in solchen Gefahrenmomenten beantwortet werden müssen. „Wo läuft Havertz hin, wo kommt er her, wie sind die Abstände zwischen den Abwehrspielern, wie hoch steht der Defensivblock?“ Die Koordinaten kann Sommer in Corona-Zeiten besonders gut durchgeben. „Es ist ein Riesenunterschied: Ich höre meine Kommandos bei Geisterspielen viel lauter. Und so kann ich sogar, anders als sonst, den Stürmern oder Mittelfeldspielern was sagen.“

Die Kommunikation mit Mila läuft weniger laut, dafür umso melodischer. Wenn Sommer zur Gitarre singt, trocknet so manche Träne schneller. Eine Win-win-Situation: Der Goalie verbessert seine Gesangs- und Instrumentenkunst, das Töchterchen profitiert mit besserer Laune und Schlaf. Und dafür gab es durch die Corona-Krise viel Zeit. „Ich konnte Mila viel besser kennenlernen.“ Durch die inzwischen aufs kommende Jahr verschobene EM hätten Mila und Alina zudem lange auf ihren Papa und Ehemann verzichten müssen. So aber wird die Vorsing-Zeit nicht unterbrochen.

Und auch nicht der Sprachunterricht von Klein-Mila. Der Papa ist fürs Französische zuständig, die Mama übernimmt das Hochdeutsche und Sommers Eltern das Schwizerdütsch. Struktur ist Yann Sommer eben nicht nur innerhalb seiner Mannschaft, sondern auch bei der Erziehung wichtig. „Sonst wär’s chaotisch geworden.“ Und wenn sich alles weiter so prächtig entwickelt, kann Papa Yann am 27. Juni spätabends Mila mit einem neuen Stück beglücken: der Champions-League-Hymne – instrumental versteht sich.

Voraussichtliche Aufstellung: Sommer – Ginter, Strobl, Elvedi – Lainer, Kramer, Hofmann, Bensebaini – Neuhaus – Pléa, Thuram