Mönchengladbach: Von Stereotypen, Pseudo-Fachleuten und Dreifach-Trotz

Mönchengladbach : Von Stereotypen, Pseudo-Fachleuten und Dreifach-Trotz

Nun, man könnte Berti Vogts ernstnehmen, der den Profis von Borussia Mönchengladbach nach dem verlorenen Derby in Köln vorgeworfen hat, nicht genug gekämpft zu haben. Der Mann also, der einst behauptete, Max Eberl habe seinen Job als Sportdirektor in Gladbach bekommen, weil er zufällig mit seinem Fahrrad an der Geschäftsstelle am Borussia-Park vorbeigefahren sei.

Der Mann, der sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit dem Boulevard ins Bett legte, obwohl genau dieser ihn während seiner Zeit als Bundestrainer lustvoll demontiert hatte. Kurzgesagt: uninteressant! Interessant aber ist, diese Stereotype, die inflationär in der Fan-Aufforderung gipfelt „Wir woll’n Euch kämpfen seh’n!“, einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und ihre Verwendbarkeit bzw. Untauglichkeit auf die Mannschaft von Dieter Hecking zu untersuchen. Speziell vor einer Aufgabe, wie sie am Freitag (ab 20.30 Uhr) bei Eintracht Frankfurt auf Gladbach zukommt.

Max Eberl wäre glücklich, wenn die Lösung der Gladbacher Probleme, wie sie beim FC aufgetreten sind, so wie von den Pseudo-Fachleuten beschrieben wären. Nichts wäre leichter, als eine Mannschaft mit den Tobias Levels dieser Fußballwelt zusammenzustellen. Aber auch nichts sinnloser. Der Wert der Grätschspezialisten hat im gleichen Maße abgenommen wie die Profis und der Fußball an sich schneller geworden sind.

Hätte etwa ein Jannik Vestergaard das 1:0 der Kölner durch seinen Landsmann Frederik Sörensen per großer Außensichel verhindern können? Dafür hätte er beim Judo eine Wertung bekommen, im Fußball aber nur eine Rote Karte und der FC einen Strafstoß.

Es geht also nicht um tumbe Hau-rein-Mentalität, auch wenn es als letztes Mittel auch mal zielführend sein kann, sich in einen Schuss zu werfen. Doch das muss die Ausnahme oder ein Signal sein, noch mal alle Reserven zu mobilisieren. Als prägendes Stilmittel aber ist es untauglich. Es geht viel mehr um gutes Stellungsspiel, Handlungsgeschwindigkeit, Antizipation und letztendlich um Konzentration.

Auch der Siegtreffer der Kölner wäre mit diesem Rüstzeug nicht gefallen. Nico Elvedi hätte bei der richtigen Umsetzung die Flanke von Konstantin Rausch unterbinden, Vestergaard und Denis Zakaria FC-Stürmer Simon Terodde am Kopfball hindern können. Was mit Kampf allenfalls unzulänglich, eher aber falsch beschrieben wird, ist in Wirklichkeit Spielschärfe. Die setzt sich idealerweise zusammen aus innerer Einstellung und technisch-körperlichem Rüstzeug, für die letztendlich der Trainer verantwortlich ist und für den der Manager den Kader entsprechend bestücken muss. Niemand muss mit dem Messer zwischen Zähnen in ein Spiel gehen, aber wohl mit heißem Herzen und unbändigem Willen.

Das gilt nicht nur für Abwehraktionen. Der Ballgewinn im Mittelfeld kann die Schlüsselsituation gerade in einem engen Spiel sein. Die Einstellung „ich will, ich will!“ den Ball haben ist dann die konstruktive Entsprechung der Defensiv-Tugenden. Gladbach hat mit Zakaria einen neuen Mann, der genau dies beherrscht. Der Schweizer besitzt von Natur aus Wettkampfschärfe. Dieses siegbringende Grell-Gen ist auch in Offensivkräften der Gladbacher angelegt, denen man es oberflächlich betrachtet nicht zutraut.

Thorgan Hazard ist so einer, wie er mit seinem Treffer zum 2:0 gegen Augsburg bewies. Es war ein dreifaches Trotz-Tor: Der 24-Jährige besaß zwei potenzielle Anspielpartner und entschied sich trotzdem selbst zum Abschluss. Der fulminante Flachschuss war aber auch eine Reaktion auf die unterschwellige bis offene Kritik an seinen Verwertungsqualitäten — Trotzkopf. Und zuletzt war es ein wunderschönes Willens- und Grelltor, auf das der Belgier stolz sein kann — trots auf flämisch! Dennoch steht Hazard eher für Florett statt Säbel. Wie auch die gesamte Mannschaft der Gladbacher. Fußballspielen und intelligente Zweikampfschärfe schließen sich nicht aus. Den Beweis dürfen die Hecking-Schützlinge am Freitag in Frankfurt erneut antreten.

Voraussichtliche Aufstellung: Sommer — Elvedi, Ginter, Vestergaard, Wendt — Hofmann, Kramer, Zakaria, Hazard — Stindl, Raffael