Borussia Mönchengladbach: Sommer verhindert Platz 1 für die Bayern

Borussia Mönchengladbach: Sommer verhindert Platz 1 für die Bayern

„Herzlichen Dank“, sagte Nico Kovac. Gemünzt war es auf die Bereitschaft von Borussia Mönchengladbach, die Pressekonferenz nach dem „Duell“ mit den Bayern möglichst schnell und kurz abzuhalten. Die Münchner wollten ihren Flieger nicht verpassen. Doch die Aussage hatte Allgemeincharakter, der Service der Gladbacher an diesem Samstagabend war allumfassend, all inclusive sozusagen.

Beim 1:5 gegen die Dortmund-Jäger spielten die Profis von Dieter Hecking mit einer desolaten Defensivleistung den Steigbügelhalter für einen deutlichen Bayern-Sieg, der den Deutschen Meister fast an die Tabellenspitze der Bundesliga geführt hat: Lediglich Borussen-Torhüter Yann Sommer verhinderte mit etlichen Glanzparaden die Ablösung des BVB vom Platz an der Sonne. Immerhin reichte die Gastfreundschaft der Borussia aber noch dazu, nur noch mit einer um zwei Toren schlechteren Tordifferenz zum inzwischen ehemaligen Meisterschaftsfavoriten aufgeschlossen zu haben.

Auch in den 92 Spielminuten zuvor wollten die Kovac-Zöglinge keine Zeit verlieren. Das Erstlingswerk in der 1. Minute verhinderte noch Sommer gegen Robert Lewandowski. Doch der Weckruf für schläfrige Gladbacher blieb ungehört, wenige Sekunden später köpfte Javi Martinez zum 1:0 der Bayern ein.

Mitunter liefert das Drehbuch eines Bundesligaspiels den Protagonisten die Chance, innerhalb der vorgegebenen Spielzeit etwas zu lernen. An diesem 24.Spieltag war die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking nicht dazu in der Lage. Das demonstrierte sie direkt nach der Halbzeitpause, als Elvedi nach einem kapitalen Fehlpass die Parallele zum ersten Durchgang einleitete. James vergab sie in Minute eins der zweiten Hälfte. Doch Lewandowski bestrafte die Ignoranz mit einer schönen Drehbewegung, die ihn allein vor Sommer auftauchen ließ, mit dem 3:1 – erneut war das Spiel früh zugunsten des Tabellenzweiten „entschieden“.

„Das war naiver Fußball. So kannst du in der Bundesliga nicht spielen“, urteilte Hecking schonungslos. Denn auch beim 2:0, der ersten „Entscheidung“, durch Thomas Müller im Nachschuss (11.) lieferten Elvedi & Co. bereitwillig Schützenhilfe durch eine unfassbare Passivität.

Diese überwältigende Eile und Forschheit der Gäste konnte eigentlich nicht überraschend kommen. Hecking und seine Spieler hatten gut 17 Stunden Zeit, sich auf diese Überfälle einzustellen. Mit dem Schlusspfiff und der 1:2-Niederlage am Freitagabend in Augsburg hatten die Dortmunder für einen legale Blutauffrischung des hochdekorierten Verfolgers gesorgt. Gladbachs Trainer aber setzte weiterhin auf die Elf, die im Hinspiel die Bayern mit einem 3:0 maßlos geärgert hatte. Das kann ein psychologischer Kniff sein, nach dem Motto: Jungs, macht’s noch einmal! Aber nach zwei 0:3-Heimniederlagen hintereinander verpuffte dieses Vertrauen in die Möchtegern-Wiederholungstäter. Auch weil angesichts einer zuvor bereits aus den Fugen geratenen defensiven Stabilität die Aufstellung hochriskant offensiv war.

Die Entscheidung, hinten rechts auf Michael Lang statt wie zuvor Fabian Johnson zu setzen, war ein Fehlgriff. Auch weil Alassane Pléa dem Schweizer wenig überraschend als „Vorspieler“ nur beschränkt helfen konnte. Florian Neuhaus und Jonas Hofmann auf die Achterpositionen zu setzen, ist arg optimistisch bei einem offensivstarken Gegner, mit Denis Zakaria blieb ein Konkurrent mit mehr Dynamik und Zweikampfstärke erneut erstmal nur auf der Bank. Und wieder Christoph Kramer auf der Sechs statt Tobias Strobl zu bringen, rächte sich. Genüsslich stießen die Münchner zentral durch das Gladbacher Mannschaftsgefüge nach vorn. Doch Hecking stand zu seiner Entscheidung gegen den defensivstärkeren Strobl. „Chris Kramer war in den vergangenen beiden Begegnungen unser bester Spieler.“ Deshalb muss er aber für die Aufgabe gegen die Bayern nicht der Beste auf der ominösen Position sein.

Was Gladbach spielerisch drauf hat, demonstrierten sie nach dem 0:2. Das 1:2 durch Lars Stindls 50. Bundesligatreffer war nicht nur das schönste Tor des Spiels, es deutete auch an, dass Süle & Co. durchaus verwundbar waren (37.). Doch was sich die Gladbacher in ihren starken 20 Minuten vor der Pause aufgebaut hatten, stießen sie sofort nach der Pause wieder um. Drei Heimniederlagen in Folge, dabei 1:11 Tore: Das Gladbacher Polster auf die nachrückenden Mannschaften wie Frankfurt, Leverkusen und Wolfsburg schmilzt wie Schnee in der Frühlingssonne. „So dürfen wir nicht spielen“, schimpfte Hecking. „Verdient, auch in der Höhe“, konstatierte Max Eberl. Und Borussias Sportdirektor erwies sich wie seine Spieler zuvor als guter Verlierer: „Die Niederlage hängt nicht am 0:1.“

Auch Dieter Heckings Ratschläge an Chris Kramer fruchteten nicht. Foto: www.imago-images.de/Alex Gottschalk/DeFodi.eu;via www.imago-images.de

Dem war ein Schubser von Martinez an Elvedi vorausgegangen, leicht sichtbar, aber nicht für Schiedsrichter Felix Zwayer und auch nicht für den Video-Assistenten in Köln. Der Kreis schloss sich nach dem 4:1 durch Serge Gnabry (75.) mit Zwayers äußerst zweifelhaften Elfmeterpfiff. Der eingewechselte Koreaner Jeong rutschte mehr durch sein Bremsmanöver als durch einen zärtlichen Kontakt von Thorgan Hazard aus. Lewandowski verwandelte souverän zum Endstand.

Gute Verlierer aus Gladbach, die sich auch mit Foulspielen niederlagenfördernd zurückhielten – als guter Gewinner mochte sich Kovac dann dennoch nicht zeigen. „Das ist zu wenig, um im Bundesliga-Fußball einen Strafstoß zu bekommen“, beurteilte der Bayern-Coach die Situation vor dem 0:1. Und untermauerte diese Sicht mit einer Selbstbeschreibung. „Wer mich kennt, weiß, dass ich keine Probleme damit habe, die Wahrheit zu sagen.“ Überraschenderweise wuchs in dem Moment seine Nase nicht Richtung Mikrophon – Kovac musste sich ja angesichts des wartenden Fliegers kurzfassen.

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