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Die Aufgaben von Steffen Korell bei Gladbach: Scouts, Verantwortung und Jugendwahn

Die Aufgaben von Steffen Korell bei Gladbach : Scouts, Verantwortung und Jugendwahn

Die Gladbacher „Forschergruppe“ von Steffen Korell gilt bereits traditionell als sehr gut. Der ehemalige Gladbacher Verteidiger ist seit 2008 ist bei Borussia für die Sichtung von Talenten verantwortlich. Fehlurteile kann sich der Klub nicht leisten.

„Die Waffen werden weniger“, sagt Max Eberl. Und meint damit die Ansätze, die ein „normaler“, das heißt nicht alimentierter Fußballklub wie Borussia Mönchengladbach besitzt, die Großklubs der Bundesliga ärgern zu können. Wohl die wichtigste „Waffe“ ist in den Augen des Sportdirektors nach wie vor das Scouting, auch wenn es „schwieriger geworden ist“.

Der Mann, der dafür beim Traditionsverein verantwortlich ist, heißt Steffen Korell. Und der sorgte vor einigen Wochen für eine Sensation, die seinen Charakter und seine Arbeitsweise trefflich beschreibt: Der ehemalige Gladbacher Verteidiger hatte einen Fernsehtermin. Dazu muss man wissen, dass der gebürtige Saarländer von Natur aus ruhig, bescheiden und absolut uneitel ist. So einer braucht keine Pressetermine. Doch die Biografie des Steffen K. muss (demnächst) nicht umgeschrieben werden: Sein TV-Auftritt entsprang genau diesen Charaktereigenschaften: Mönchengladbachs Chefscout drängte es nach den vielen Lobeshymnen, die auf ihn in dieser Saison noch mehr als zuvor eingeprasselt waren, die Leistung zu entpersonifizieren. „Teamarbeit“ ist das Stichwort.

Inzwischen gilt seine Gladbacher „Forschergruppe“ bereits traditionell als sehr gut. Und auch diese Anerkennung stellt der 48-Jährige ins Teamlicht: „Ich bin nur so gut wie die Vorarbeit. Max und ich kommen erst am Schluss dazu. Die wesentliche Arbeit wird zuvor gemacht.“

„Verantwortlich fürs Scouting“

Nur ist das in anderer Hinsicht stark untertrieben, denn Entscheidungen werden immer komplizierter, und viele Fehlurteile kann sich ein Klub wie Mönchengladbach, der nur das ausgibt, was er selbst verdient, nicht leisten. Seit 2008, parallell zum Aufstieg Eberls zum Sportdirektor, ist Korell verantwortlich fürs Scouting. Bis vor drei Jahren in Doppelfunktion als Chefscout und Teammanager. Seit 2017 kann sich der ehemalige Innenverteidiger komplett aufs Scouten konzentrieren. Die größte Veränderung, neben der personellen Aufstockung von zwei auf 12 feste Mitarbeiter, mag er am liebsten an Jahrgängen festmachen.

Der 2000er bedeutet für Korell eine einschneidende Änderung. „Da sind die Preise explodiert. Bayern München hat Chelsea für Callum Hudson-Odoi 30 Millionen Euro angeboten.“ Das Signal zu verstärkten Jagd auch der Großklubs auf ganz junge Talente und mit einem bis dahin für unglaublich gehaltenen finanziellen Einsatz.

Aktuell sorgt Borussia Dortmund für eine neue „Spitze“ – Jahrgang 2003: Der heutige Gladbacher Gegner steht kurz davor, einen 16-Jährigen zu verpflichten: Mittelfeldspieler Jude Bellingham vom Zweitligisten FC Birmingham. Die finanziellen Folgen für Gladbach, die traditionell stark vertreten sind auf dem Talente-Markt: „Wir können nur noch ein Super-Talent holen, wenn wir zuvor einen unserer Spieler verkaufen.“ Ein anderer Ansatz wäre, Talente noch früher zu verpflichten, was etliche Klubs bereits machen. Am Niederrhein aber ist das Mindesteintrittsalter 15 Jahre – fürs klubeigene Internat.

Und speziell bei jungen Spielern mag der Traditionsverein den Jugendwahn nicht mitmachen. „Wir machen uns schon sehr viele Gedanken, wenn wir einen jungen Spieler holen wollen. Schließlich ist die Verantwortung extrem groß. Und wir entscheiden uns nur für ein Talent, wenn seine Perspektiven bei uns sehr, sehr gut sind. Rutscht die Altersmarke nach unten, muss man noch viel sensibler damit umgehen.“ Zudem gilt für den Tabellenvierten eh ein vorgelagertes Kriterium: „Wir holen nur Spieler, die besser sind als unser eigener Nachwuchs. Eine zweiten Jordan Beyer zum Beispiel würden wir niemals verpflichten.“

Dieser verantwortungsbewusste Umgang mit jugendlichen und jungen Spielern hat sich längst rumgesprochen. Ein Vorteil neben der vorhandenen Infrastruktur, der im Wettbewerb mit anderen Bietern noch immer zieht. Wie etwa beim Transfer von Marcus Thuram. Dem französischen Stürmer wurde eindringlich klargemacht, dass Gladbach ihn holen würde, damit er auch spielt. Also kein Pokern, das Locken mit möglichst viel Geld, sondern das Aufzeigen der sportlichen Perspektive. „Wir wollen diese bewusste Entscheidung des Spielers pro Borussia Mönchengladbach.“

Hilfreich bei den Treffen mit Talenten, jungen oder mittelalten Spielern sind auch die Protagonisten auf Gladbacher Seite. Max Eberl steht schon lange für verantwortungsbewusstes Arbeiten gerade auch mit jungen Spielern. Und seine offen-authentische Art und Begeisterung für den Fußball und die Ideen, die er den Kandidaten aufzeigt, sind ein Pfund im direkten Gespräch. Seit dem vergangenen Sommer hat er obendrein mit Marco Rose eine echte Hilfe an seiner Seite für die finalen Gespräche. Gladbachs neuer Trainer gilt als Menschenfänger, er kann Fußballer überzeugen, kommt mit seiner kommunikativen Art besonders auch bei jungen Spielern gut an und hat sich auch fachlich bereits einen ausgezeichneten Ruf erworben.

Beide scouten ebenfalls noch, aber natürlich nicht so häufig wie die Spezialisten ihrer Spionageabteilung und auch weniger als Korell. „Seitdem ich den Teammanager-Posten an Christofer Heimeroth abgegeben habe, kann ich viel häufiger scouten.“ Wissen und gute Strukturen sind Macht. Kein Wunder, dass viele Klubs versuchen, gute Scouts abzuwerben. Auch von Gladbach. Man kann gegensteuern mit einer guten Bezahlung, aber es gibt Vereine, die mit wesentlich höheren Gehältern locken können. Korell setzt deshalb verstärkt auf „Identifikation mit dem Klub“. Und freut sich über das Ergebnis dieser Ausrichtung: „Die Fluktuation in unserer Abteilung ist sehr gering.“