Mönchengladbach: Nur Christoph Kramer wähnt sich auf Augenhöhe

Mönchengladbach: Nur Christoph Kramer wähnt sich auf Augenhöhe

Es war eine Lehr(anderthalb)stunde: Borussia Mönchengladbach demonstrierte beim 0:0 gegen Bayern München, was ihr Trainer Lucien Favre unter intelligentem Verteidigen versteht. Und das ohne ihren intelligentesten Verteidiger, Tony Jantschke, der kurzfristig mit einem grippalen Infekt ausfiel.

Aber auch das beweist: Trainerarbeit reduziert sich nicht auf das Vermögen einzelner Spieler. Unabhängig von Personen, und damit auch Ausfällen, muss das Kollektiv die Unterrichtsstoffe verinnerlich haben.

Die zumindest in Ansätzen Entmystifizierung der Bayern-Allmacht kann dem Rest der Bundesliga Mut machen, auch wenn das uneingeschränkte Daumendrücken aller anderen 16 Vereine nicht vollends zum Erfolg geführt hatte. Die meisten der Gladbach-Verantwortlichen aber sind viel zu schlau, um aus der am Sonntag gezeigten Leistung mehr zu ziehen, als es der Mannschaft gut tun würde. Viele der Spieler auch.

Womöglich bezeichnend, wenn ausgerechnet Christoph Kramer selbstbewusst formuliert: „Nach dem neunten Spieltag lügt die Tabelle nicht. Wir sind die zweitbeste Mannschaft im Moment in Deutschland.“ Derlei Momente interessieren nicht wirklich, es gibt nur einen Moment, der zählt: der nach dem 34. Spieltag. Und was zuvor eben nicht passieren darf, ist die Selbstüberschätzung, die speziell nach einer Leistung wie beim 0:0 verlockend daherkommt. Kramer ist ein gutes Beispiel dafür, sich auf das zu verlassen, was man kann und nicht das mit Gewalt zu versuchen, was man — noch — nicht kann.

Der Mann, der durch seine Gehirnerschütterung inklusive Gedächtnisverlust im WM-Finale dauerhaft emporgespült wurde in die Phalanx der WM-Helden, hat Mühe, das Erlebte gut verdaut auf den Platz zu bringen. Das Duell mit dem Tabellenführer war nicht die erste Bühne, die der 23-Jährige, an sich selbstbewusst, aber nicht überheblich, zu nutzen versuchte, sich spielerisch seinen Titel-Kameraden wie Götze und Özil anzunähern. Der Leverkusener Leihspieler will zurzeit noch mehr als ihm gut tut. Favre hat das ungewollt gefördert, als er ihn als „Führungsspieler“ bezeichnete, und als den versucht sich der Mittelfeldspieler auch zu geben.

Er dirigiert demonstrativ mit den Armen, mutet sich mehr zu, als ihm gut tut. Und will obendrein auch noch das Besondere liefern. Doch Joachim Löw hat ihn nicht aus dem Feinkostregal gegriffen. Kramer wurde nicht in den Nationalmannschaftskader berufen, weil er den Zidane-Trick beherrscht. Seine Stärken sind und waren einfache, klare Pässe und sein unglaubliches Laufpensum im Dienst der Mannschaft.

Schwierige erste Halbzeitl

Der erste, gescheiterte Versuch des ehemaligen Bochumers stand deshalb auch exemplarisch dafür, was Borussia sich zu diesem Zeitpunkt nicht leisten konnte und auch nicht durfte: Bis zur Halbzeit lebte die Favre-Elf von ihrem lehrbuchreifen Abwehrverhalten. Fast alle Versuche, sich auch einmal spielerisch — wie gewohnt über Pass-Ketten — zu befreien, misslangen. Die Übermacht (75 Prozent Ballbesitz) der Bayern dennoch schadlos zu überstehen, beweist, wie tief diese defensive Qualität mittlerweile in der Borussia anno 2014 verwurzelt ist.

Als Kruse & Co. nach der Pause auch noch zulegen und die fast übermenschliche Konzentration gegen das Ball-Monster aus München trotzdem aufrechterhalten konnten, zeigte sich, dass eben dieses bajuwarische Ungetüm auch menschliche Züge hat. Die nun blitzartig rausgespielten Torchancen, die überwiegend Manuel Neuer zum Opfer fielen, schienen Pep Guardiola so beeindruckt zu haben, dass er eine frühere Hochschätzung des Gegners noch einmal wiederholte: eine „Champions-League-Mannschaft“ ist Borussia für den Spanier.

Auf diesen Schmus muss und sollten Kramer & Co. nicht reinfallen. Denn bei allem medialen Geblubbere von Bayern-Jäger und Titelambitionen: Das Spiel war keines auf Augenhöhe! Das wäre es gewesen, wenn Borussia versucht hätte mitzuspielen und schadlos aus dieser Hybris rausgekommen wäre. Lucien Favre verkniff sich leichten Herzens dieses Harakiri, der Schweizer setzte lieber auf taktische Disziplin und Kampfbereitschaft.

Sich mit den Großen auch in Sachen Ballbesitz und Dominanz messen zu können, ist ein Projekt, an dem der Schweizer Tüftler noch lange zu basteln hat. Der von dieser Sehnsucht verführte Christoph Kramer wird dies womöglich in Mönchengladbach nicht mehr erleben.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Spitzenspiel ohne Sieger: Gladbach trotzt Bayern 0:0 ab

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