Kommentar zu Borussia Mönchengladbach: Im Bundesliga-Glashaus

Kommentar zu Borussia Mönchengladbach : Im Bundesliga-Glashaus

In der Startphase der Partie wurden in den Reihen der Gladbacher Anhänger wohl auch ursprüngliche Gegner des Ballbesitzfußballes zu ausgewiesenen Fans – wenn ihnen ihr Hörvermögen lieb war: Hatte RB den Ball, ertönte aus der Nordkurve das tausendfache Schrillen von Trillerpfeifen.

Nur eine gelungene Ballzirkulation der Borussia sorgte für Entlastung. So weit, so schlecht. Berechtigter Protest kann halt wehtun. Jenseits jeglicher Schmerzgrenze arbeitete ein Banner, das Leipzigs Trainer mit seiner zurückliegenden Erkrankung beleidigte. Der Be- und sichtlich Getroffene wunderte sich, wie das Banner überhaupt ins Stadion gelangen konnte.

Sein Kollege entschuldigte sich für diese „unsägliche“ Aktion. „Man muss sich fragen, ob diese Leute einen IQ von unter null haben“, formulierte Hecking. Eine Analyse, die handelsüblich ist bei der Aufarbeitung von Fan-Ausrastern verbaler oder körperlicher Art. Der verständliche Versuch, nicht zu tolerierende Auswüchse abzuqualifizieren. Moral, Respekt, Mitgefühl – diese Werte stehen nicht nur im Fußball derzeit nicht hoch im Kurs.

Dazu aber kommt noch etwas anderes: Feindbilder geben verunsicherten Menschen Sicherheit. Und gerade im Fußball sind sie für eine spezielle Klientel, die sich als Bewahrer des wahren Fußballs versteht, überlebenswichtig. Welch Arroganz!: Die Bundesliga ist ein Glashaus. Keiner kann moralisch berechtigt einen Stein werfen.

Die unbefleckte Tradition ist eine Illusion. Was unterscheidet Schalke mit seinen Gazprom-Millionen, Hannover mit Martin Kind, bald den HSV mit Klaus-Michael Kühne, die Werksklubs Wolfsburg und Leverkusen von Leipzig mit Dietrich Mateschitz und Hoffenheim Dietmar Hopp? Rangnicks Projekt wie jetzt in Leipzig ist spannend, fußballerisch interessant, oft unterhaltsam und respekteinflößend. Sympathisch muss ich es nicht finden. Der Stein bleibt mir.