Mönchengladbach: Herrmanns erfolgreiche Jagd im 96er Hühnerstall

Mönchengladbach: Herrmanns erfolgreiche Jagd im 96er Hühnerstall

Rolf Hülswitt zog seine grüne Kappe — und damit den Hut: Sogar Borussia Mönchengladbachs Zeugwart-Ikone, gefürchtet für seinen Griesgram-Charme, hatte Patrick Herrmann beeindruckt. Mehr Anerkennung geht nicht. Dem Flügelflitzer wurde sie zuteil, als ihn Lucien Favre zwei Minuten vor Schluss der Partie auswechselte.

Und auch das demonstrierte Anerkennung, wenn auch nur die vom Trainer: Herrmann hatte zuvor ein durchaus kompliziertes Spiel mit zwei Toren entschieden. Borussias 2:0 über Hannover 96 sichert Platz drei in der Fußball-Bundesliga

Acht Tore hat der 24-Jährige in dieser Saison in der Bundesliga erzielt und damit gegen Hannover Max Kruse in der internen Torschützen-Rangliste abgelöst (7). „Ich hatte mir vorgenommen, die Sechser-Marke in dieser Saison unbedingt zu knacken und bin froh, dass mir dies nun bereits gelungen ist“, sagte der Doppeltorschütze. Noch bemerkenswerter ist die Wandlung Patrick Herrmanns, der lange Zeit als nur talentiert und schnell und über Strecke nicht sonderlich effektiv galt.

Nachdem der Flügelflitzer in dieser Saison bereits mit mehr Körperlichkeit und kerniger Schusskraft überraschte, verblüffte der gebürtige Saarbrücker nun mit zwei Abstaubertoren allererster Güte. Eine Polyvalenz, die Gladbach teuer zu stehen kommen kann. Herrmanns Vertrag läuft in Sommer 2016 ab, die jüngste Entwicklung inklusive Tore fördert die Argumente seines Spielerberaters bei den derzeitigen Verhandlungen mit Sportdirektor Max Eberl. Man benötigt nicht viel Phantasie, um für die kommenden Tage die gehaltsmaximierenden Berichte über das Interesse von Klub X und Y zu erwarten.

Die Kälte war durchdringend. Das Publikum war ermüdet und sehnte die Halbzeitpause herbei. Die Ballwanderung in Handball-Manier von links nach rechts hatte sich aufs Gemüt gelegt. Die Hardcore-Defensivhaltung der Niedersachsen kanalisierte die Gladbacher Ballstafetten in relativ ungefährliche Bahnen. Und so löste eine Kleinigkeit den Frust unter den Zuschauern und sorgte für eine erste Eruption im Borussia-Park: Zwei Minuten vor der Pause ließ Tony Jantschke den heranstürmenden Joselu an der Seitenlinie mit einer Pirouette ins Leere stürmen. Der Höhepunkt der ersten Halbzeit!

Doch wenige Sekunden später folgte der wahre: Thorgan Hazard, der bis dahin eher eine unglückliche Figur abgab, entschied sich für ein Mittel, mit der auch eine tief stehende Abwehr geschockt werden kann. Sein flacher Pass-Schuss von rechts verwandelte die 96er-Abwehr in einen mit Panik erfüllten Hühnerstall. Jungfuchs Hazard hatte das richtige Gespür, Fuchs Herrmann bewies seinen Torhunger: Am zweiten Pfosten spritzte er in den Ball und bugsierte ihn aus wenigen Zentimetern zum 1:0 über die Linie (43.).

Was wollte eigentlich Hannover? Fußballspielen auf jeden Fall erst nach der Pause — was aber eine ebenso schlechte Entscheidung war wie das Catenaccio in Halbzeit 1. Die Räume, die sie nun boten, nutzte Gladbach genüsslich, auch wenn ein Sané-Kopfball erstmals Gefahr vor dem Tor von Yann Sommer heraufbeschworen hatte (54.). Doch einem Remake des ersten Tores verweigerte Herrmann die Aufführung, als er eine erneute scharfe Hazard-Reingabe auf Torhüter Ron-Robert Zieler bugsierte (67.). Doch in geänderter Rollenbesetzung gelang es: Diesmal passte Hazard steil auf Kruse, dessen Hereingabe ersprintete erneut Herrmann und drückte den Ball zum 2:0 über die Linie (75.).

„Er geht gerne in den Strafraum“, lobte Favre seinen neuen Torjäger. Doch für den passionierten Ausbilder ist der 24-Jährige immer noch ein Füchschen. „Er muss noch viel lernen. Er ist noch jung — für mich ist er noch ein Kind.“ Max Eberl allerdings entdeckt einen Ausbruch aus dem Kindergarten. „Patrick ist ein Stück weit ein Mann geworden.“ Was eine Weiterentwicklung unter Kindergärtner Favre nicht ausschließt.

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