Sommer mit Sahne-Tag: Gladbacher Achtungserfolg mit Mängeln

Sommer mit Sahne-Tag : Gladbacher Achtungserfolg mit Mängeln

Probleme mit dem Timing sind zwei Wochen vor dem Start der Fußball-Bundesliga wenig überraschend. In Mönchengladbach wurden sie bereits vor dem Anpfiff des letzten Testspiels der Borussia gegen den FC Chelsea offensichtlich.

Die neue Einlaufhymne „Die Seele brennt“, von Fan-Organisationen gewünscht, um mehr Emotionen zu wecken, war bereits abgelaufen, als die Protagonisten durch den Spielertunnel kamen. Einige Fans versuchten ohne Lautsprecherunterstützung trotzig, den abgelösten Gesang „Die Elf vom Niederrhein“ anzustimmen. Doch zu einem ernsthaften Anti-Votum reichte das nicht.

Die leicht misslungene Choreografie passte zur ambivalenten Vorstellung der Mönchengladbacher, die nach dem 2:2 gegen den englischen Top-Klub ihren neuen Trainer Marco Rose urteilen ließen: „Man sieht, wo wir hin wollen.“ Vor diesem erfragten Statement legte der 42-Jährige aber eine mehrsekündige Denkpause ein. So, als wollte er nicht zu viel Kritisches, sagen. Denn natürlich beherrschen seine Schüler den Lernstoff noch nicht nachhaltig. Und selbst in der erstaunlich guten Anfangsphase stand der Fußballlehrer an der Seitenlinie und korrigierte das extreme Anlaufverhalten seiner Profis.

Roses Anspruch ist hoch. Doch ein Ideologe seiner Aktiv-Philosophie ist er nicht. Die Leidenschaft, das Pressing, die Härte und Leidenschaft im Zweikampf sind Mittel zum Zweck. Und der ist so simpel wie letztendlich auch der Fußball: „Wir haben ein Ergebnis geholt.“

Übersetzt heißt das: Die neue, dominante und attraktive Spielweise ist kein Selbstzweck. Auch Rose ordnet sie dem Effekt, dem Resultat unter. Und das war in diesem Fall kein Sieg, aber ein Achtungserfolg: „Wir haben schließlich nicht gegen irgendwen gespielt.“

Das war bereits im Laufe der ersten Halbzeit, aber erst recht nach der Pause zu spüren. Vom frühen Stellen der Londoner war nicht mehr viel zu sehen. Nun litten die Gladbacher ihrerseits unter dem frühen Pressing der Gäste und vermochten sich nicht mehr geordnet zu befreien. „Wir waren viel zu passiv“, kritisierte Rose. Die Gegentore durch zwei Foulelfmeter waren nur eine unzulängliche Bestrafung. Wie schon vor der Pause zeigte Yann Sommer eine überragende Leistung und war nur vom Elfmeterpunkt zu bezwingen (59., Abraham/86., Barkley). Vorsichtshalber sollte Rose seinen Torhüter bis Donnerstag  wegschließen. Dann schließt die Transferperiode in England.

Doch der Fußballlehrer ist sich der Treue seines Keepers so sicher, dass er es wagte, dessen Kapitänsbinde an Matthias Ginter zu überreichen. „Ich habe mit Yann vor dem Spiel geredet und ihn gefragt, wie er es sieht. Für ihn war es kein Problem, wenn er die Binde nicht hat.“ Die Aktion macht Sinn, bedenkt man, dass der Trainer von seinen Spielern verlangt, unangenehmer zu werden, sich mehr zu wehren und härter gegen sich selbst zu sein. „Aber das gelingt nur im Team.“ Und das strukturiert im Spiel anzuleiten, ist für einen Feldspieler einfacher als für einen Torhüter.

Weniger Chancen zulassen ist seine konkrete Forderung. Aber davon abgesehen „habe ich auch viel Gutes gesehen“. Beide Gladbacher Tore zum Beispiel durch Alassane Pléa (13.) und Jonas Hofmann (39., Vorarbeit Pléa). Der Start war furios: Nach 117 Sekunden hatten Thuram & Co. bereits zwei Mal auf Chelsea-Tor geschossen. Dass der seit Jahren nicht mehr so ausgeprägte Mut keine 90 Minuten anhalten konnte, muss jedem klar sein. Marco Rose sowieso. „Da hat die Überzeugung gefehlt.“ Die sollte möglichst schnell wachsen. Auch wenn die kommende Aufgabe im Pokal am Freitag nur Sandhausen und nicht Chelsea heißt. „Mehr Konstanz“ muss da bereits möglich sein. Und acht Tage später zum Bundesligaauftakt zu Hause gegen Schalke sollte die „Seele länger brennen“ – und das nicht nur beim Einlaufen.

Aufstellung Borussia: Sommer - Lainer, Ginter, Elvedi (76. Cuisance), Wendt (76. Beyer) – Strobl (76. Bennetts) – Zakaria (66. Bénes), Hofmann (76. Raffael) – Neuhaus (76. Embolo) – Thuram (46. Herrmann), Plea (76. Johnson)

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