Mönchengladbach: Gladbach naiv und unorganisiert ins Leverkusener Messer

Mönchengladbach : Gladbach naiv und unorganisiert ins Leverkusener Messer

Wie zum Hohn spannte sich in der 80. Minute auch noch ein Regenbogen über den Borussia-Park. Dort, wo das Glückssymbol mit der Erde verschmolz, fand die Elf von Dieter Hecking keinen Topf mit Gold, sondern mit einem für Borussen-Anhänger unappetitlichen Potpourri aus Absurdität, individuellen „Klöppsen“ und kollektivem Unvermögen.

Mit „Wahnsinn!“ beschrieb Gladbachs Kapitän Lars Stindl ein Spiel, das sich von himmelhochjauchzend in zu Tode betrübt wandelte. 1:5 verloren die Borussen gegen Bayer Leverkusen, das sie bis zur Halbzeit als untauglich demaskiert hatten, einen Anspruch auf einen der vorderen Plätze in der Fußball-Bundesliga zu erheben. 45 Minuten später musste sich die Heimmannschaft fragen lassen, ob sie ihre Hausaufgaben gemacht habe, um als seriöses Bundesligateam wahrgenommen werden zu können.

Gnadenlose Effizienz

Von diesem Widerspruch war auch Bayer-Trainer Heiko Herrlich gezeichnet, der zugeben musste, dass „es schwierig ist, so ein Spiel zu erklären“. Einer seiner knappsten Versuche war wohl der treffendste, und das passte zur gnadenlosen Effizienz, die seine Spieler nach der Pause zeigten, nachdem sie wochenlang mit ihren Großchancen geschludert hatten. „Unser Sieg war hochverdient, aber glücklich“, sagte der ehemalige Torjäger. Es lohnt sich allerdings, dieses vermeintliche Glück einmal unter die Lupe zu nehmen.

Sein Kollege Hecking durfte in der Pressekonferenz über die ersten 45 Minuten berechtigt behaupten, „das war unsere beste Halbzeit in dieser Saison“. Gladbach wirbelte, kombinierte, gewann Zweikämpfe, erspielte sich Tormöglichkeiten — und nutzte nur eine früh durch Fabian Johnson, der in eine wohlgetimte Flanke von Thorgan Hazard spritzte (7.). Da war er endlich, der langersehnte Fußball, der endlich auch mal attraktiv daherkam.

Nun gut, kleine Schönheitsfehler musste man akzeptieren. Etwa die Zögerlichkeit von Oscar Wendt (38.), den Schuss aus 3,99 Metern von Hazard mal wieder auf den Torwart — übt er das im Training? — oder das Luftlöchlein, das ein Edeltechniker namens Raffael schlug, als er eine brillante Hereingabe von Nico Elvedi verfehlte (43.).

Was dann auf schier unfassbare Weise in der zweiten Hälfte passierte, lässt sich festmachen an zwei Dingen: an einem Moment, die deutsche Sprache hat dafür die wunderbare Bezeichnung Wendepunkt parat, und einem taktisch-personellen Eingriff von Heiko Herrlich. Besagter Moment datiert auf die 46. Minute.

Routinier Wendt, der später mal wieder beweisen würde, dass er kein Abwehr-, sondern ein Mittelfeldspieler ist, erhielt den Ball in zentraler Position fußgerecht geliefert — und schob ebenso unnötig wie fatal die Verantwortung und den Ball auf links zu Johnson hinüber. Der Ausgangspunkt zu einem ersten Leverkusener Konter, dessen erfolgreichen Abschluss in letzter Sekunde Denis Zakaria verhinderte (47.). Die Ecke aber nutzte Sven Bender zum 1:1 — „der Dosenöffner“, wie Heiko Herrlich anmerkte.

An diesem Prozess aber war auch der Bayer-Coach beteiligt. Er hatte den wirkungslosen Alario rausgenommen, Julian Brandt auf den linken Flügel eingewechselt, Kevin Volland in die Sturmmitte beordert und Leon Bailey auf die rechte Seite gezogen. Damit entlarvte Herrlich eine der defensiven Schwachstellen im Borussen-Gefüge. Gegen Wendt drehte Bailey groß auf, nutzte den Spielraum, den ihm der Schwede bot, gnadenlos zum 2:1 aus (59.). „Dann haben sie uns mit ihren schnellen Leuten den Arsch aufgerissen“, schilderte Max Eberl drastisch. Denn was folgte, waren Kopien des Leverkusener Führungstreffer, den Lars Stindl einleitete: leichter Ballverlust eines Gladbachers (jetzt Cuisance und Elvedi), Brandt (61.) und Volland (69.). Der eingewechselte Joel Pohjanpalo setzte unter üblicher Duldung von Wendt mit dem 5:1 das i-Tüpfelchen auf die Mission: jeder Schuss ein Treffer (81.).

„Das zeigt, dass wir noch in einem Lernprozess sind“, urteilte Dieter Hecking und benutzte auch den Begriff „Jugendwahn“. Der personalisiert sich in die Sechserbesetzung mit Cusiance (18 Jahre) und Zakaria (20). Denen aber verzieh Max Eberl am ehesten das Unvermögen, beim Stande von 1:3 einfach mal das Spiel zu beruhigen und den Ball zu halten. „Wir versuchen da weiter, Tore zu schießen“, beschreibt der Manager die Harakiri-Haltung. Gladbach aber hat (Champions-League- und Nationalmannschafts-)erfahrene Abwehrspieler wie Matthias Ginter, Jannik Vestergaard und Wendt.

Und Gladbach ist ein Wiederholungstäter. Bereits in Dortmund brach die Mannschaft ein. Elf Gegentore in zwei Spielen — die Chance, die Klatsche beim BVB als Streichergebnis einzuordnen, hat das Hecking-Team verspielt. Das weiß auch Stindl. „Alles, was wir uns nach Dortmund wieder erarbeitet haben, machen wir mit einer Halbzeit kaputt.“ Hecking hat bei seinem Auftrag, die Balance zwischen Defensive und Offensive zu etablieren, einen herben Rückschlag erlitten.

In der Verfassung von Samstag könnte die Entscheidung der Borussia, das im Bau befindliche Jugendinternat auf 24 Plätze zu beschränken, voreilig gewesen sein: Seit dem 1:5 müsste die Kapazität der Lehrstellen auf mindestens 38 erhöht werden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bundesliga: Köln trostlos, Gladbach fassungslos