Das Spiel gegen Hoffenheim: Gladbach kredenzt weiter „Essig-Kost“

Das Spiel gegen Hoffenheim : Gladbach kredenzt weiter „Essig-Kost“

Das 2:2 gegen Hoffenheim fühlt sich für Torhüter Sommer wie ein Sieg an, ist aber doch eher ein schlechter Witz.

Und so könnte es gewesen sein: Dieter Heckings Blick blieb auf der Suche nach Hoffnung an etwas grell Künstlich-Blondem hängen. Die Signalfarbe auf Josip Drmics Kopf hatte gewirkt. Der Mann, bei dessen Einwechslung (81.) sich die meisten der Anhänger von Borussia Mönchengladbach gefragt hatten, wer das sei, stellte drei Minuten später mit seinem Treffer zum Endstand von 2:2 den Spielverlauf gegen 1899 Hoffenheim auf den Kopf. Zum zweiten Mal in dieser Begegnung für eine desolat aufspielende Mannschaft, deren Ausgleich zum 1:1 durch Abwehrspieler Matthias Ginter (72.) bereits ein Witz war.

Die Statistik offenbarte in diesem Fall zumindest die Wahrheit: Bereits zur Halbzeit lag das Torschussverhältnis bei 16:1 zugunsten von Hoffenheim. In dieser für eine Heimmannschaft, die noch immer um die Teilnahme an der Champions League kämpft, verheerenden Bilanz steigerte sich Borussia zumindest so zaghaft wie sie zuvor spielte und verbesserte es auf 10:26.

„Hingefallen, aufgestanden, hingefallen, aufgestanden“, versuchte Yann Sommer ein Heldenepos zu erzählen. Gladbachs Torhüter aber wusste ganz genau, dass dies nur eine Karikatur eines Heldenstücks sein konnte. Aber als Kapitän muss er das, und als einziger Borusse mit Normal- bis Superform darf er das. „Das fühlt sich gut an“, sagte der Schweizer Nationalspieler, „fast wie ein Sieg.“

Gefrustete Fans

Die Seelenlage des Gladbach-Anhangs sah anders aus. Die Fokussierung auf das Ergebnis mochte niemand mitgehen. Pfiffe kamen bereits nach wenigen Minuten auf, begleiteten die Spieler in die Halbzeitpause und nach dem Schlusspfiff auf dem Weg in die Nordkurve. Im Gegensatz zu den 94 Minuten zuvor reagierten Ginter & Co. relativ konsequent und brachen den traditionellen Gang zum eigentlich recht stressresistent gewordenen Kern der Anhängerschaft ab. „Ich denke, man muss sich auch nicht alles gefallen lassen“, begründete Ginter die Abkehr.

Ähnlich werden wohl auch die gefrusteten Fans gedacht haben, die nach einer süßen Hinrunde seit dem 20. Spieltag nur noch mit Essig „verwöhnt“ werden. Dieser Beigeschmack eines mit glücklich kaum noch zu benennenden Punkterfolges war zu intensiv. Dem mochte sich Ginter nicht ganz entziehen. „So bizarr sich das auch anfühlen mag: Wir sind immer noch vor Hoffenheim.“

Wäre das Spiel 1:7 ausgegangen, hätten sich Trainer Julian Nagelsmann und seine Mannschaft immer noch über eine mangelhafte Chancenverwertung ärgern können. Was das für Dieter Hecking bedeutet hätte, bleibt Spekulation. Fakt ist, dass zur Halbzeit aus dem ihm unterstellten Zustand einer „lame duck“ bereits ein fetter Truthahn geworden war. Die verängstigte, fehlerhafte und nur reaktiv ausgerichtete Vorstellung bot nicht den geringsten Ansatz, das Wirken des Trainers zu erkennen.

Selbst Hecking-Gegner können aber nicht ernsthaft geglaubt haben, der 54-Jährige hätte seine Profis dazu angestiftet. Und der Trainer-Routinier suchte verständlicherweise eine Erklärung im Psychologischen. Fehlendes „Selbstvertrauen“ sei der Kern des Problems, das dazu geführt habe, dass seine Jungs „bis zur Halbzeit sehr, sehr schlecht gespielt haben“.

In den fünf Minuten, die er in der Pause Zeit für Korrekturen hat, entdeckte er aber die von vielen bezweifelten Ansätze, immer noch seine Mannschaft erreichen zu können. „Einwirken, hochziehen“, beschrieb Hecking seine To-do-Liste. Ermöglicht durch das Ergebnis, eben nur 0:1 – und in der Folge sei die Zuversicht mit jeder von den Hoffenheimern nicht verwerteten Chance gestiegen.

Und so folgte für den Gladbacher Coach noch ein Erfolgserlebnis, das über die Balsam-Wirkung des Unentschiedens hinausging. „Was das 1:2 mit einer Mannschaft machen kann – verheerend!“, beschrieb Hecking den zweiten Rückschlag für sein Team. Das 2:2 schreibt er einer Stehaufmännchen-Mentalität zu. Es wäre ein kleines Wunder, wenn dies wirklich so wäre und der Teilerfolg nicht lediglich ein weiteres Kapitel aus dem so dicken Wälzer „So ist Fußball“ darstellt.

Dann bestünde auch noch Hoffnung für Thorgan Hazard, der auf für ihn niederschmetterndste Weise belegt, was der „Kopf“ aus einem überdurchnittlich guten Fußballer machen kann. Jeder, der will, und offensichtlich waren es an diesem Samstagnachmittag Tausende, die das nicht wollten, kann sehen, wie er kämpft. Nicht mit dem Gegner, sondern mit sich. Der Fan sieht, wie der Spieler eine Entscheidung trifft, die sich fast immer als falsche entpuppt. Der Zuschauer denkt, die Intuition des belgischen Nationalspielers ist perdu: Hazard verheddert sich nur noch im Gestrüpp seiner wirren Krisen-Ausbruchsversuche.

Jeden, der den Fußball und diesen Fußballer kennt, muss das schmerzen. Aber das sind ohrenscheinlich nicht mehr viele. Und so ist die Aussicht für einen ambitionierten und professionellen Spieler, sein letztes (Heim-)Spiel für die niederrheinische Borussia in zwei Wochen ausgerechnet gegen seinen neuen Arbeitgeber Dortmund in Würde bestreiten zu dürfen, ähnlich gering, wie die der Gladbacher, sich noch für die Champions League zu qualifizieren.

„Ich werde ihn immer schützen“, verspricht Dieter Hecking. Das könnte eigentlich nur eine Nichtaufstellung sein. Aber ähnlich wie in der Trainer-Verschlusssache „lame duck“ wird sich Hecking und der Verein mit Vehemenz gegen eine populistische Entscheidung stemmen.

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