Mönchengladbach: Gladbach: Im Keller der Tabelle und vom Trainer verlassen

Mönchengladbach: Gladbach: Im Keller der Tabelle und vom Trainer verlassen

Das Bild, das die Lage bei Borussia Mönchengladbach am besten beschreibt, muss nicht lange gesucht werden, es fällt jedem direkt auf, die Blicke gehen ja sowieso nach vorne, Richtung Podium. Dort sitzen, von links: Max Eberl, Gladbachs Sportdirektor. Und Markus Aretz, Leiter Medien/Kommunikation/Marketing. Dort sitzt nicht: Lucien Favre, der seit ein paar Stunden nicht mehr Gladbachs Trainer ist.

Sein Stuhl bleibt leer, und deswegen wirken Eberl und Aretz ein bisschen wie Verlassene, und so war es ja auch, es war eine Trennung im einseitigen Einvernehmen. Favre wollte sie, der Verein wollte sie nicht, er hat darum gekämpft, dass der Trainer bleibt, das wird Eberl im Laufe der Pressekonferenz immer wieder betonen.

Chronologie einer Trennung

Dass sich Vereine von Trainern trennen, gehört zur Fußball-Bundesliga dazu, es ist nichts Besonderes. Das Prozedere ist so eingespielt wie die Laufwege bei einer guten Mannschaft. Es geht ungefähr so: Verein verliert viele Spiele, Verein bekennt sich zum Trainer, Verein entlässt den Trainer, Verein erhofft sich vom Nachfolger neue Impulse. Bleibt der Erfolg aus, wird als erstes der Trainer entlassen, das ist so gängig in dieser Branche, dass sich niemand mehr so recht darüber aufregen mag, meist noch nicht mal der entlassene Trainer.

Bei Borussia Mönchengladbach aber ist es anders gelaufen. In der Bundesliga sind fünf Spieltage absolviert, in der Champions League das erste Gruppenspiel, und Gladbach hat noch immer nicht gewonnen. Der Klub ist in eine Krise geraten und das Bemerkenswerte ist nicht, dass sie sich zu ihrem Trainer bekannt haben. Sondern dass sie es so getan haben, dass man ihnen das geglaubt hat.

Eberl hat Favre tatsächlich „unrauswerfbar“ genannt, und er hat das nicht in guten, sondern in schlechten Zeiten gesagt. Wer will, kann darin ein Bekenntnis zu ewiger Treue sehen.

Kämpfen, Verlassen, Trennen, Treue: Immer wieder geht es um solche Begriffe bei dieser Pressekonferenz, die damit beginnt, dass Eberl nach seiner Gefühlslage gefragt wird. Er sagt: „Ich bin sehr, sehr traurig, dass so eine unfassbar tolle Zeit so zu Ende gegangen ist.“ Später wird er das sehr, sehr traurig noch steigern, er sei „sautraurig“, sagt Eberl. Weil Favre nicht da ist, kann nur aus einer Perspektive geschildert werden, wie das Ganze gelaufen ist, es ist die des Sportdirektors. Eberl geht ein bisschen ins Detail und was er beschreibt, ist so etwas wie die Chronologie einer Trennung. Nach der 0:1-Niederlage in Köln hat Eberl mit Favre gesprochen. Über das, was falsch gelaufen war im Spiel und über das, was verbessert werden müsse. Es sei ein konstruktives Gespräch gewesen, sagt Eberl. Keines eigentlich, was ein Trainer führt, der seine Zukunft ohnehin nicht mehr bei dem Verein sieht, den er bis dahin betreut hat.

Am Sonntagmorgen, 7.20 Uhr, klingelte Eberls Handy, er war gerade mit dem Hund unterwegs. Favres Berater rief ihn an, die Ansage war da bereits sehr klar: Favre will zurücktreten. Eberl vereinbarte einen Termin zum persönlichen Gespräch, um 8.30 Uhr traf man sich. Präsident Rolf Königs und Vizepräsident Rainer Bonhof waren auch dabei. Eberl machte klar, dass der Verein einen Rücktritt des Trainers nicht akzeptieren würde: „Aber Luciens Meinung hatte sich im Laufe dieses Gesprächs manifestiert.“

Sie gingen auseinander mit der Vereinbarung, sich zwei Stunden später noch einmal zusammenzusetzen. In diesem Gespräch ging es dann um die sportliche Situation im Allgemeinen und die Zahl der Verletzten in Gladbachs Kader im Speziellen. Eberl wollte Favre klarmachen, dass auch dies seinen Anteil am Ausbleiben der Erfolge hat und dass es besser laufen würde, sobald der Trainer wieder auf den kompletten Kader zurückgreifen könne. „Aber er hat diese Argumentation gar nicht an sich rangelassen“, sagt Eberl.

Ein Rücktritt wird nicht akzeptiert

Bevor sie das Gespräch beendeten, versicherte der Sportdirektor dem Trainer noch einmal, dass der Verein einen Rücktritt nicht akzeptieren würde. Am Sonntagabend verschickte Favre dann eine Mitteilung an die Deutsche Presse-Agentur, ein Adressat also, bei dem gewährleistet ist, dass nur wenige Menschen die Nachricht verpassen würden, dass er als Gladbach-Trainer zurücktritt. Normalerweise, sagt Eberl, hätte man auch nach dem zweiten Gespräch noch mal miteinander reden können, am Tag darauf etwa: „Aber mit der Pressemitteilung hatte sich das dann erledigt.“

Favre hatte Fakten geschaffen. Das unterscheidet den letzten Kampf um den Trainer von den vorangegangenen: Der Verein hat ihn verloren. Das ist neu. Nicht neu sind Gespräche, wie sie sie am Sonntag mit Favre geführt haben. Auch das sagt Eberl. Er möchte nicht verraten, wie oft der Trainer in Gladbach bereits kündigen wollte, aber es gab diese Situation mehr als ein Mal. Dennoch hatte zu diesem Zeitpunkt keiner mit seinem Abgang gerechnet. Der Verein wurde überrascht. Die Fans auch. Es gibt jetzt viele Fragen, deswegen hat der Verein spontan zur Pressekonferenz eingeladen.

Viele Fans und noch mehr Fragen

Eine halbe Stunde bevor sie beginnt, stehen knapp 30 Menschen vor der Geschäftsstelle im Borussia Park, die Hälfte sind Journalisten, die andere Hälfte Mönchengladbach-Fans. Was sie verbindet, ist, dass sie Antworten suchen. Die Journalisten haben den Vorteil, dass es ihr Job ist, anderen Fragen zu stellen und das machen sie dann auch. Die Fans werden gefragt, ob sie sich äußern wollen, vor einer Kamera, in ein Mikrofon. Manche wollen nicht, andere schon und es kommt zu Szenen wie der, in der ein Mann, der mit den Gladbachern bereits einiges durchgestanden haben dürfte, gefragt wird, wie es denn jetzt weitergehe mit dem Verein. Der Mann schaut in die Kamera, er schweigt lange, bevor er schließlich sagt: „Ehrlich gesagt: Mir fehlen gerade ein bisschen die Worte.“

Eberl ist das bislang nicht passiert. Nach dem Spiel in Köln sagte er, dass es nie ein gutes Zeichen sei, wenn alle Journalisten etwas von ihm wissen wollen. Dann lachte Eberl, dann beantwortete er Fragen.

Am Samstag hatte Gladbach nur ein Spiel verloren, nicht den Trainer. Der Medienandrang ist jedenfalls noch größer geworden, die Zahl der Getränkeflaschen auf den Tischen bei der Pressekonferenz ist kleiner als sonst. Der Rücktritt kam sehr plötzlich, deswegen mussten sie improvisieren in Gladbach. So wird es auch erst mal weitergehen. Sie stehen nicht nur ohne Trainer da, sondern auch ohne Idee, wer auf Favre folgen könnte.

Eberl sagt, dass er Ideen im Kopf, aber kein Zeitfenster habe, wann sie zu realisieren seien. Er sagt auch: „Jetzt, im September, fallen die besten Trainer nicht von den Bäumen, die meisten haben einen Vertrag.“

Max Eberl und das gute Gefühl

Ausdrücklich übergangsweise übernimmt André Schubert, der bisherige U 23-Trainer in Mönchengladbach. Das sei jetzt ein anderer Mensch, der vor der Mannschaft stehe, einer der neue Reize setzen könne. Er wolle Schubert nicht mit Erwartungen überfrachten, sagt Eberl: „Aber ich habe ein gutes Gefühl.“

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