Aachen: Gladbach-Ikone „Hacki” Wimmer wird 70 Jahre alt

Aachen: Gladbach-Ikone „Hacki” Wimmer wird 70 Jahre alt

Bei jedem Heimspiel im Borussia-Park beobachtet Herbert Wimmer, genannt Hacki, seinen Fußball-Enkel: Christoph Kramer. Einer, wie die Fußball-Legende aus dem Aachener Stadtteil Brand, der läuft und läuft und läuft... Seelenverwandtschaft — beide gelten als die Inkarnation eines Mannschaftsspielers.

Und es gehört wenig Fantasie dazu, zu behaupten, der Mittelfeldspieler, der am Sonntag 70 Jahre alt wird, könnte mit seinen damaligen Qualitäten auch heute noch in der Favre-Elf mithalten.

Dieses Mönchengladbacher Offensiv-Quintett mischte in den 60er Jahren die Bundesliga auf: Bernd Rupp (von links), Herbert Laumen, Hacki Wimmer, Jupp Heynckes und Günter Netzer. Foto: sport/Horstmüller

Der Überspieler, dem Wimmer jahrelang seine läuferischen und fußballerischen Qualitäten zu den großen Füßen legte (Schuhgröße 47), könnte dies pikanterweise nicht: Günter Netzer, mit dem Hacki Wimmer ein kongeniales Gespann bei Borussia Mönchengladbach und auch in der Nationalmannschaft bildete, würde dem läuferischen und Geschwindigkeits-Anspruch des modernen Fußballs im Allgemeinen und des Schweizer Trainers im Speziellen nicht mehr genügen. Doch Netzer galt und gilt als der Genius, der Regisseur und die Fußball-Lichtgestalt der damaligen Fohlenelf.

Wimmer diente dem Blondschopf als Zuarbeiter, „Wasserträger“ und Abwehrjäger. Netzers Schatten wirkt bis in die heutige Zeit. Wenn sein ehemaliger Teamkollege heute über den Parkplatz zum Borussia-Park geht, „erkennt mich kaum jemand. Die sind heute fast alle zu jung“, erzählt Wimmer. Und man kann sich sicher sein, dass es ihm auch so lieber ist. „Hacki“ mied anders als etwa Netzer das Rampenlicht. Der Brander ist extrem bescheiden und uneitel. Und man glaubt es ihm sofort, wenn er beteuert, auch schon vor 44 Jahren nicht eifersüchtig gewesen zu sein oder sich als unterbewertet gefühlt zu haben als „Wasserträger“.

„So war es doch auch“, schmunzelt er. „Ich habe Netzer vieles zu verdanken.“ Aber nicht alles. Denn auch als der Spiritus Rector der Fohlenelf Borussia Mönchengladbach Richtung Real Madrid verließ, blieb die Mannschaft erfolgreich. Zwei Mal wurden Wimmer und Netzer gemeinsam Meister, drei Titel erspielte sich Borussia anschließend ohne den Mittelfeldstar, aber mit dessen Adjutanten. „Als Netzer weg war, wurde alles anders“, blickt Wimmer zurück. „Alle waren gleich, jeder lief für jeden, keiner musste mehr auf Netzers Gegenspieler achten — es war ein toller Zusammenhalt.“

Markenzeichen: Bescheidenheit

Herbert Wimmer war viel mehr als ein Hilfsarbeiter für den großen Künstler. Doch reden mochte er nie viel darüber. Nicht über seine Tore (51 in 366 Spielen für Mönchengladbach), nicht über seine Qualitäten jenseits der Kilometerfresserei. Hennes Weisweiler, Trainer-Legende der Borussia, hätte sich wohl kaum für einen Leichtathleten von Borussia Brand interessiert, als er ihn 1966 zum Bökelberg holte. „Gleich in der ersten Saison habe ich alle 34 Spiele absolviert. Und das in einer Mannschaft mit Stars wie Netzer und Rupp“, sagt Wimmer. „Nicht schlecht für einen drittklassigen Amateurspieler, oder?“

Weisweiler hatte den schnellen, hakenschlagenden und kombinationssicheren Rechtsaußen in der Brander Radrennbahn beobachtet — und nach zweimaligem Probetraining verpflichtet. 29450 Mark erhielt der Verbandsliga-Aufsteiger für den 21-Jährigen, der in seinem ersten Jahr 1200 Mark im Monat verdiente. Doch Weisweiler wurde der später zum defensiven Mittelfeldspieler umfunktionierte Flügelflitzer lieb und teuer. Als einzigem seiner Spieler bot ihm der knorrige Fußballlehrer das Du an — „aber da war schon klar, dass er uns Richtung Barcelona verlassen würde“, schränkt Wimmer gewohnt bescheiden ein.

Bereits vor dem Kontrakt mit der Borussia hatte ihn auch Alemannia, der große Klub vor der Brander Haustür, kontaktiert. „Aber die holten lieber Spieler aus Marl-Hüls. Ich sollte ein dreimonatiges Probetraining machen“, schmunzelt der Mann, der neben dem DFB- und Europapokal auch die EM 1972 und die WM 1974 mit der Nationalmannschaft holte. Darauf ging Jung-Wimmer nicht ein. „Das war mein Glück“, urteilt er. Denn dann meldete sich der Bundesligist.

„Hacki“ Wimmer ist eine lebende Legende. Aber er verhält sich nicht so. Er ist der Junge aus Brand geblieben, höflich, bescheiden und anspruchslos. Dabei half ihm schon zur aktiven Zeit, dass er in Parallel-Welten lebte. Neben Netzer (Diskothekenbesitzer, Herausgeber des Fohlenechos) war der Dauerläufer der Einzige, der nicht nur Berufsfußballer war. Er wohnte die ganze Zeit im Aachener Stadtteil, fuhr von hier zum Training und half im Tabakgroßhandel seines Vaters mit. Später übernahm er ihn vom Vater und baute ihn zu einer Lotto- und Toto-Annahmestelle aus. Im Jahr 2000 verkaufte er sie. „Das war wie ein Sechser im Lotto.“

Trainer-Job ist gegen seine Natur

Als Weisweiler-Schüler selbst Trainer zu werden, war für ihn nie ein Thema. „Das war nicht mein Ding.“ — „Weil Sie dann hätten reden müssen?“ — „Genau!“ Hacki Wimmer war ein Freund der weiten Wege, aber nicht von vielen Worten. Auf dem Platz und auch daneben. „Ich war nie auf Krawall aus. Ich komme mit jedem gut aus. Und wenn es mal einen Konflikt gibt, gebe ich lieber nach“, schildert der Vorzeige-Fußballer, der keiner sein will, seinen Charakter. Der brachte Hennes Weisweiler schon mal in Rage. „Mit einem so anständigen Spieler kann man kein Meister werden“, schimpfte der Trainer einst über den jungen Wimmer. Wenig später holten sie zusammen den ersten Titel.

„Die negativen Sachen vergisst man“, schmunzelt der fast 70-Jährige beim Ausgraben der Erinnerungen. Die guten bewahrt er im Kopf und auch in der Seele, auch wenn er sie nicht zu Markte trägt. Große Reden wird er auch nicht am Sonntag schwingen, wenn er seinen Geburtstag feiert. Wie denn? „Nichts Besonderers!“, lautet die wenig überraschende Antwort. Sicherlich werden sich viele Freunde telefonisch melden. Aber einer wird nicht anrufen: Günter Netzer. Hacki Wimmer erwartet das aber auch gar nicht.

(bsc)
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