Gladbach und Schalke im Umbruch: Englischer Fußball im Borussia-Park

Gladbach und Schalke im Umbruch : Englischer Fußball im Borussia-Park

Das 0:0 zwischen Mönchengladbach und Schalke spiegelt wider, dass sich beide Mannschaften im Umbruch befinden.

Nicht viele haben es im Mönchengladbacher Kader derzeit so einfach wie Denis Zakaria. Der Schweizer mit den Tentakel-Beinen spielt im Grunde das weiter, was er auch in der vergangenen Saison gemacht hat. Der Nationalspieler, der gegen Schalke 04 für den verletzten Tobias Strobl auf der Sechs spielte, ist ein Natur-Presser. Einen Gegenspieler nur pseudo-aggressiv anzulaufen, ist für den Schlacks ein No-Go: Zakaria ist immer auf Zack. So war es nicht weiter überraschend, dass der 22-Jährige auch beim 0:0 gegen Königsblau der beste Mann auf dem Platz war.

Ganz nahe an Zakarias Leistung bewegte sich Stefan Lainer. Und das ist ebenso wenig überraschend. Der Österreicher ist der einzige Spieler im Borussen-Kader, der den Rose-Stil in- und auswendig kennt und (vor-)lebt. Und damit ist er auch ein perfekter Kronzeuge dafür, wie weit die Elf vom Niederrhein beim Umbruch ist. „Heute standen wir zum Beispiel schon geordneter als zuletzt.“ Beleg war das zweite Zu-Null im zweiten Pflichtspiel der Saison und die Tatsache, dass Yann Sommer nur wenig seiner außergewöhnlichen Torhüter-Qualitäten zeigen musste. Selbst bei der besten Chance des Spiels musste der Goalie nicht eingreifen. Die Verhinderung des Tores nahm ihm der neue Schalker Stürmer Benito Raman ab, indem er allein vor Sommer den Ball verblüffend weit am Tor vorbeischoss (27.).

Für Strafraumszenen liebende Zuschauer der einzig aufregende Moment im ersten Durchgang. Was einige TV-Reporter dazu veranlasste, die zweikampforientierte Darstellung als Langeweiler zu denunzieren. Dafür kamen Anhänger des englischen Fußballs auf ihre Kosten. Es entwickelte sich von der ersten Minute an ein extrem intensives Spiel, was für beide Teams in dieser Konsequenz Neuland ist. Die Vorstellungen der Trainer Marco Rose und David Wagner scheinen nah beieinander zu liegen.

Genauigkeit und Kreativität leiden

Bei beiden Teams aber ging die Intensität und das Tempo zulasten der Genauigkeit und Kreativität. Sie neutralisierten sich zwischen beiden Strafräumen. „Die Leistung war in Ordnung, es war ein erster Schritt. Ich habe viele gute Dinge gesehen, auf die wir aufbauen können. Aber ich bin weit davon weg, zufrieden zu sein“, sagte Rose. Dafür fehlte dem 42-Jährigen noch mehr Vertikalität im Positions- und Passpiel. Und letztendlich auch das Ergebnis, dem er alles unterordnet. Der von Rose so sehr vermisste Sieg wäre zwar durch eine verbesserte Leistung seiner Mannschaft in der zweiten Halbzeit möglich gewesen. Letztendlich aber blieb das Urteil Wagners wahr: „Es war ein verdientes Remis.“

Mit dem Schalke und sein Trainer besser leben konnten als die Gladbacher. Das hat mit der jüngsten Vergangenheit zu tun. Die Gelsenkirchener kommen aus den Niederungen des Tedesco-Fußballs. Da schmeckt ein Remis in einem Auftaktspiel auswärts gegen Mönchengladbach fast schon wie ein Sieg. Borussia dagegen hat eine brillante bis Na-ja-Saison hingelegt und sich damit immerhin für die Europa League qualifiziert. Da ist der Plan, diese Spielzeit inhaltlich und auch platzierungsmäßig zu toppen, recht ambitioniert. Und so weist Rose auf das hin, was der von ihm erwähnte erste Schritt bereits anbietet. „Wenn ich die Attribute höre – Leidenschaft, Tempo und Intensität –, dann klingt das für mich nach Fußball und damit nicht schlecht.“

Und in dieser Einordnung fühlt er sich nicht allein. „Ich habe den Eindruck bekommen, dass viele Fans verstehen, was gerade passiert.“ Gladbachs Umerziehung als Prozess. Doch Marco Rose weiß, dass dieses Verständnis limitiert ist, speziell auf Medienseite. Was ihm denn noch fehle: „Das sind Fragen, die ich jetzt jeden Spieltag hingeballert bekomme“, sagt der Gladbach-Trainer. Womöglich auch noch die Einordnung in eine Zahl. Wie viel Prozent Rose-Fußball also? Selten war eine Frage so unbeantwortbar.

Auf der individuellen Seite können etwa Breel Embolo (Verletzung), Florian Neuhaus und Marcus Thuram (beide U21-EM) noch nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte sein, und wie will man die kollektive Leistung in all seiner Vielschichtigkeit quantifizieren? Einfacher zu beurteilen sind Basis-Dinge: Roses Spieler schafften es, die Zweikampf-Schärfe über 94 Minuten zu zeigen. Das ist eine Qualität, die bleibt, selbst wenn sich einmal das erklärte Ziel als unerreichbar entpuppt. „Auch Trainer müssen flexibel sein“, sagte Marco Rose am Samstagabend.

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